Antrittsbesuch bei der PDS Bisky lehnt Maulkorb für Lafontaine ab

Zum ersten Mal setzte WASG-Spitzenkandidat Oskar Lafontaine heute einen Fuß in die PDS-Zentrale. Eigentlich sollte es nur schöne Bilder mit einem weiteren Neosozialisten, dem "Tatort"-Kommissar Peter Sodann, geben. Doch die rechtspopulistischen "Fremdarbeiter"-Äußerungen verfolgen Lafontaine.


Sodann und Lafontaine: "Noch weiter nach links"
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Sodann und Lafontaine: "Noch weiter nach links"

Berlin - "Wir brauchen Bild-Gerechtigkeit", sind die ersten vernehmbaren Worte, die man heute von Oskar Lafontaine hört. Er sitzt verborgen hinter mehreren Reihen und Schichten von Fotografen, die sich vor und über ihm zu einem Knäuel getürmt haben. Sie sollten doch auch mal die Kameraleute ranlassen, mahnt Lafontaine. Doch die Fotografen haben sich in einen Rausch geklickt. "Jetzt nach links gucken. Noch weiter nach links", brüllt einer und sorgt damit für Gelächter.

Gestern trat Lafontaine als Hauptredner beim Bundesparteitag der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) in Kassel auf, heute ist er zum ersten Mal in der Parteizentrale der PDS zu Gast und gibt eine Pressekonferenz mit Parteichef Lothar Bisky. Der Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen WASG stattet dem Bündnispartner seinen Antrittsbesuch ab - und sorgt für ein Medienspektakel ganz nach seinem Geschmack.

Denn neben Lafontaine kann die PDS heute auch den Schauspieler Peter Sodann, besser bekannt als "Tatort"-Kommissar Bruno Ehrlicher, als neuen prominenten Mitstreiter begrüßen. Der einstige Regime-Gegner, der zu DDR-Zeiten aus der SED ausgeschlossen worden war und wegen "politischer Hetze" mehrere Monate im Gefängnis verbrachte, tritt nun für die PDS in Sachsen an. Mit der Entscheidung verliere er sicher ein paar Freunde, sagt der 69-Jährige. "Aber vielleicht finde ich neue."

Raum zu klein für Lafontaine

Der Konferenzraum I im Erdgeschoss des Karl-Liebknecht-Hauses ist trotz der geöffneten Fenster brütend heiß. Vor einem Monat hatte Gregor Gysi an derselben Stelle seine Kandidatur zur Bundestagswahl angekündigt. Schon damals war es zu eng. Diesmal ist es noch voller. Der Raum ist schlicht zu klein für Lafontaine.

Der Saarländer trägt einen seiner Sommeranzüge in der Rentnerfarbe Hellgrau. Er sitzt vor der roten Stellwand mit dem PDS-Slogan "Agenda Sozial" und verbringt einen Großteil der Zeit damit, sich für seine wiederholten "Fremdarbeiter"-Äußerungen zu rechtfertigen. Wie schon in Kassel lehnt er eine Entschuldigung für den Gebrauch der Nazi-Vokabel ab, der ihm den Vorwurf des Rechtspopulismus eingetragen hatte.

Stattdessen setzt er erneut zu einer seiner konfusen Verteidigungsreden an. Man solle ihm doch Beweise vorlegen, "eine Goebbels-Rede oder irgendwas", dass das Wort tatsächlich "klassischer nationalsozialistischer Sprachgebrauch" sei. Am Ende sagt er immerhin, er werde "in Zukunft darauf achten, dass keine Missverständnisse mehr auftreten".

Bisky: Kein Maulkorb für Lafontaine

Der neben ihm sitzende Bisky hat sich die erste Pressekonferenz mit seinem neuen Zugpferd sicher anders vorgestellt. Er sagt, es sei eine "infame Unterstellung", Lafontaine Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen. Der PDS-Chef meidet offene Kritik an seinem Sitznachbarn, geht aber gleichzeitig auf Distanz. "Ich selber verwende den Begriff nicht", sagt er. Die Kritik aus seiner Partei an Lafontaine nehme er "durchaus ernst". Bei Bündnissen sei es aber nun mal so, dass man mit Menschen zu tun habe, "die etwas anders denken als man selber". Er sei nicht dazu da, Lafontaine "einen chemischen Filter der PDS" vorzuhalten.

Die Fremdarbeiter-Diskussion, die Lafontaine auf Schritt und Tritt folgt, verdirbt Bisky ein bisschen die Freude an seinem Coup. Stolz hatte er die Pressekonferenz begonnen mit dem Hinweis: "In diesen sechs Wochen hat sich Deutschland verändert, und die Linkspartei ist einer der Hauptakteure." Die Rede von Kanzler Gerhard Schröder am vergangenen Freitag bewertet Bisky als Ritterschlag. Schröder habe schließlich der Linkspartei die Mitschuld daran gegeben, dass er kein Vertrauen mehr habe. "Das zeigt, wie richtig es war, eine neue Linke zu gründen", so Bisky.

Lafontaine: Linksschwenk der SPD unglaubwürdig

Nach anfänglichem Zögern haben sich die Genossen zuletzt spürbar für die Idee der neuen Linkspartei erwärmt. Selbst der Vorsitzende des Berliner PDS-Landesverbands, der Realo Stefan Liebich, hat seinen Widerstand offenbar aufgegeben. Er sehe "durchaus die Chancen eines gemeinsamen Linksbündnisses auf Bundesebene", sagte er heute dem "Berliner Inforadio". Auch Bisky zeigt sich erneut optimistisch, dass auf dem PDS-Parteitag am 17. Juli die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit für die Umbenennung der PDS in "Die Linkspartei" zustande kommt.

Neues haben Lafontaine und Bisky nicht zu bieten. Der einstige SPD-Chef nennt den Linksschwenk der SPD in ihrem Wahlmanifest "völlig unglaubwürdig". Die Sozialdemokraten seien damit übrigens nicht allein. "Mit unserem Auftauchen sind die Programmaussagen aller Parteien ins Rutschen gekommen", prahlt er. Das PDS-Programm wird erst am 17. Juli vorgestellt. Lafontaine sagt schon jetzt, er könne jeden Satz darin unterschreiben.

Den Vorwurf, mit der Linkspartei letztlich einer CDU-Kanzlerin Angela Merkel den Weg zu ebnen, weist Lafontaine zurück. Man ziele nicht primär auf die SPD-Wähler, sondern auf die Nichtwähler. "Links ist ein Riesenfeld, das ich in seinen Ausmaßen gar nicht beschreiben kann."



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