Appell zur Integration: Platzeck fordert Versöhnung mit SED-Erben

"Die Macht der Vergangenheit tut der politischen Kultur nicht gut": Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck ruft zu einem offeneren Umgang mit der Linkspartei auf. In einem SPIEGEL-Beitrag nennt der SPD-Politiker die Versöhnung mit den SED-Erben überfällig.

Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck, Linke-Fraktionschefin Kerstin Kaiser: "Überfälliger Prozess der Versöhnung" Zur Großansicht
ddp

Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck, Linke-Fraktionschefin Kerstin Kaiser: "Überfälliger Prozess der Versöhnung"

Berlin - Kurz vor Beginn der Gedenkfeiern zum Fall der Berliner Mauer fordert Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck eine Versöhnung mit den Erben der SED. "Zwei Jahrzehnte nach dem revolutionären Umbruch in der DDR müssen wir in Deutschland endlich anfangen, es mit dem überfälligen Prozess der Versöhnung wirklich ernst zu meinen", schreibt Platzeck in einem SPIEGEL-Essay. Quer durch die ostdeutsche Gesellschaft ziehe sich "auch nach 20 Jahren noch immer - und sogar wieder zunehmend - ein ungesunder Riss", so der SPD-Mann, "Barrieren wurden wieder aufgerichtet, Spaltungen haben sich verfestigt".

In seinem Appell lobt Platzeck als Beispiel für gelungene Integration ausdrücklich versöhnliche Gesten des früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher gegenüber der Waffen-SS. Schumacher, der fast zehn Jahre lang KZ-Häftling war, hatte 1951 einen versöhnlichen Umgang mit den überlebenden Mitgliedern der Waffen-SS als "menschliche und staatsbürgerliche Notwendigkeit" bezeichnet.

Der seit 1990 vereinigten Bundesrepublik sei im Vergleich zum Westdeutschland der Nachkriegszeit "zwar eine bemerkenswerte, richtige und bessere Aufarbeitungsleistung gelungen", so Platzeck, "eine vergleichbare Integrationsleistung jedoch nicht".

"Bereitschaft zum Neubeginn statt ritualisierter Vergangenheitsbewältigung"

Im Verhältnis zur Linkspartei als Nachfolgeorganisation der SED gehe es "immer auch um die Last der Geschichte". "Diese Macht der Vergangenheit ist gut erklärlich", schreibt Platzeck, "aber sie tut Ostdeutschland nicht gut, und sie tut der politischen Kultur in unserer seit 1990 vereinigten Republik nicht gut."

Platzeck hatte nach den jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg seine Koalition mit der CDU beendet, um künftig mit der Linken zu regieren. "Ob wir die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen, erweist sich weniger in ritualisierter Vergangenheitsbewältigung als in unserer Bereitschaft zu tätigem Neubeginn", schreibt der frühere Bürgerrechtler: "Wer sich dazu bereit findet, muss Demokraten willkommen sein."

Der Chef der brandenburgischen Jungen Union, Jan Redmann, kritisierte die Appelle Platzecks scharf. Redmann warf Platzeck einen "Schwamm-drüber-Ansatz" vor, der niemandem helfe. Sein Versuch, die angestrebte rot-rote Koalition als "historischen Akt der Versöhnung darzustellen, ist zynisch und durchschaubar", hieß es in einer Mitteilung am Samstag.

Platzeck gehe sie vielmehr "aus rein machtpolitischen Erwägungen" ein. "Es gibt keinen Riss in der ostdeutschen Gesellschaft und auch keine neuen Barrieren. Aber es gibt eine Diskussion darüber, ob bestimmte Vertreter der Linkspartei inhaltlich und charakterlich geeignet sind, verantwortungsvolle Ämter zu übernehmen."

phw/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Welche Hoffnungen weckte der Mauerfall, welche erfüllten sich davon?
insgesamt 1962 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Außenpolitisch
derweise 31.10.2009
Außenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
2. ritualisierter Vergangenheitsbewältigung
c++ 31.10.2009
Wir haben diese Form der ritualisierten Vergangenheitsbewältigung noch nicht einmal 64 Jahre nach dem Ende des 2. WK überwunden, noch immer kommt, meist unangebracht, die erhobene Zeigefinger: "Deutschland bei seiner Geschichte ...", "Aufgrund des historischen Erbes...". Und da wollen die Genossen schon nach 20 Jahren aus ihrer historischen Schuld entlassen werden. Nein, Genossen, noch über 40 Jahre muss das Gedenken an den DDR-Sozialismus in Deutschland allgegenwärtig sein. Da darf es nicht zu Verharmlosungen und Relativierungen kommen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit begann 1968, 23 Jahre nach dem Zusammenbruch. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur müsste jetzt mal langsam beginnen. Ansonsten hat Platzeck natürlich Recht. Wer die DDR als Irrweg sieht, sich zum demokratischen Rechtsstaat bekennt, warum sollte man da Barrieren errichten? Allerdings wirklich nur dann, wenn es keine DDR-Nostalgiker sind. Und die gibt es noch in der Linken. Noch ist die Einsicht in das Unrecht nicht ausgelöscht, der Schoß ist fruchtbar noch.
3.
goethestrasse 31.10.2009
Versöhnen mit den SED - Erben .. Schwamm drüber , über 40 Jahre DDR. da bin ich mal gespannt, was hier im forum abgeht.
4. Mit oder ohne Hoffnungen
mursilli 31.10.2009
Zitat von sysopZwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer darf Bilanz gezogen werden. Nach großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anstrengungen bleiben für viele Deutsche die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Welche Hoffnungnen weckte der Mauerfall, welche konnten Ihrer Meinung nach erfüllt werden?
- der Fall der Mauer selbst war das Ereignis. Plötzlich war das Zuchthaus offen und seine Leitung entmachtet.
5.
ArbeitsloserMathematiker 31.10.2009
Zitat von derweiseAußenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
Tja, die "geistig-moralische Wende" kann man eher mit der Inversion am Einheitskreis vergleichen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Landtagswahl in Brandenburg 2009
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite