Arbeitslose "Nichts schmerzt wie Langzeitarbeitslosigkeit"

Henrico Frank ist nur einer von knapp vier Millionen Arbeitlosen in Deutschland. Viele von ihnen leben einsam und ziehen sich aus dem öffentliche Leben zurück - warum, erklärt Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im SPIEGEL-ONLINE-Interview.


SPIEGEL ONLINE: Herr Wagner, seit 1984 beschäftigen Sie sich auch mit dem Leben von arbeitslosen Menschen in Deutschland. Wie sieht der typische Tag eines Langzeitarbeitarbeitslosen aus?

Wagner: Je länger Menschen arbeitslos sind, desto weniger sind sie aktiv. Zum Beispiel beim Sport. Normalerweise treiben 44 Prozent der Menschen, die zwischen 25 und 50 Jahre alt sind, Freizeitsport. Bei Menschen, die seit zwei Jahren und länger keine Arbeit haben, sind es nur 20 Prozent. Ähnliches zeigt sich beim Malen und Musizieren: 16 Prozent der Menschen mit einem Arbeitsplatz sind künstlerisch aktiv, bei den Arbeitslosen sind es nur 9 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist freie Zeit doch das einzige Geschenk, das sich mit Arbeitslosigkeit verbindet. Warum gelingt es vielen Arbeitslosen nicht, diese sinnvoll zu nutzen?

Wagner: Da gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen ist das Risiko, langzeitarbeitslos zu werden, umso höher, je niedriger der Bildungsstand ist. Gleichzeitig wirkt sich eine gute Schul- und Ausbildung auch günstig auf Freizeitaktivitäten aus, da man hier bestimmte Fähigkeiten mitbekommt, die sowohl für Beruf und Freizeit zu gebrauchen sind. Deswegen überrascht es nicht, dass Langzeitarbeitslose mit einem niedrigen Bildungsstand weniger aktiv sind als gut ausgebildete Menschen. Dann gibt es noch den zweiten Effekt: Wer lange arbeitslos ist, dem geht zunehmend der Willen verloren, sich aktiv in das Leben einzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn einen Bereich, in dem Arbeitslose aktiver sind als Berufstätige?

Wagner: Ja. Langzeitarbeitlose helfen Freunden und Verwandten mehr als Erwerbstätige – bei den Menschen, die zwischen einem und zwei Jahren ohne Arbeit sind, gehören 57 Prozent dazu. Bei Menschen, die zwei Jahre und länger arbeitslos sind, immerhin noch 52 Prozent, jedoch nur 47 Prozent der Menschen mit Arbeit. Das ist ein gutes Zeichen, zeigt aber zugleich, wie schwer es Langzeitarbeitslose außerhalb ihres privaten Kreises haben.

SPIEGEL ONLINE: Freunden zu helfen, kostet kein Geld. Spielen denn finanzielle Sorgen eine Rolle dabei, dass sich Arbeitslose aus dem sozialen Leben zurückziehen?

Wagner: Ja, sicherlich auch! Denn vieles, was wir in der Freizeit als interessant empfinden, ist mit Geld ausgeben verbunden – zum Beispiel Kinofilme anschauen oder mit Freunden etwas Essen und Trinken gehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen schämen sich dafür, dass sie keine Arbeit haben. Ist dies auch ein Grund dafür, dass sie sich aus dem sozialen Leben zurückziehen?

Wagner: Ja, und das ist ein Teufelskreis. Je mehr man sich zurückzieht, umso schwerer ist es, nach Außen hin nicht nur eine heile Fassade aufzubauen, sondern durch Kontakte im Bekanntenkreis auch einen Job zu finden. Damit wird das Gefühl, stigmatisiert zu werden, noch größer.

SPIEGEL ONLINE: Ist es also anstrengend, keinen Job zu haben?

Wagner: Ja, wirklich sehr anstrengend - auch, wenn das viele nicht glauben mögen. Die seelische Belastung ist enorm. Arbeitslosigkeit macht wirklich keinen Spaß, und die viele Freizeit nutzt den Betroffenen überhaupt nicht. Unsere Forschungen zeigen, dass es fast kein anderes Lebensereignis gibt, das so schmerzt wie Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit. Daran gewöhnt man sich auch nicht. Wer arbeitslos wird, wird mit seinem Leben kontinuierlich unzufriedener. Das wird an einer Skala deutlich, mit der wir die Menschen seit 1984 befragen: 10 bedeutet auf der Skala, dass die Menschen sehr zufrieden sind und 0, dass sie ganz und gar unzufrieden sind. Die Erwerbstätigen gaben 2005 im Durchschnitt den Wert 7,1 an. Arbeit schafft Zufriedenheit, da die Gesamtbevölkerung nur auf einen Wert von 6,9 kommt. Langzeitarbeitslose haben den Wert 4,8 angegeben. Das ist vergleichbar mit der auch sehr niedrigen Lebenszufriedenheit, die pflegebedürftige Menschen haben.

SPIEGEL ONLINE: Kann man das Prestige, die Erfolgserlebnisse und die sozialen Kontakte, die mit Arbeit verbunden sind, überhaupt ersetzen?

WAGNER: Nein, nicht in einer Erwerbsgesellschaft. Und die wird es noch lange geben, da der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde und unsere Ressourcen knapp sind. Wir müssen uns ein gutes Leben hart erarbeiten. Deshalb ist es nicht absehbar, dass wir alsbald in das "Reich der Freiheit" eintreten, so wie es einmal von Karl Marx einmal beschrieben wurde. Wenn Roboter unseren materiellen Wohlstand schaffen würden, wäre es nicht mehr wichtig, ob wir arbeiten oder nicht - trotzdem wäre auch dann nicht zu erwarten, dass wir alle glücklich sind. Alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, wäre weiterhin ein Problem.

Das Interview führte Sonja Pohlmann



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