Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mindestlohn und Arbeitslosigkeit: Erfreulicher Irrtum, doch kein Grund zur Übertreibung

Ein Kommentar von

  Kellnerin in Leipzig: Mehr Einkommen, weniger Arbeitslosigkeit in Deutschland  Zur Großansicht
DPA

Kellnerin in Leipzig: Mehr Einkommen, weniger Arbeitslosigkeit in Deutschland

Elf Monate nach der Einführung des Mindestlohns ist die Arbeitslosenquote niedrig wie seit 24 Jahren nicht mehr. Alle, die vor einem großen Jobsterben gewarnt hatten, haben geirrt. Das ist allerdings kein Grund für Häme - oder überzogene Forderungen.

Mancher erscheint inzwischen ein bisschen kleinlauter. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln teilte schon Mitte September mit, der Arbeitsmarkt sei "nach wie vor in blendender Verfassung. Daran hat auch die Einführung des Mindestlohns zu Jahresbeginn nichts geändert".

Zweieinhalb Monate später ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland sogar nochmals gesunken, mit 2,633 Millionen liegt sie so niedrig wie seit 1991 nicht mehr.

Das Kölner IW zählte zu den lautesten Mahnern in den vergangenen Jahren, wenn über die Einführung eines allgemeinen und gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland debattiert wurde. Aber man war in guter Gesellschaft: Noch im März vergangenen Jahres prognostizierte das renommierte Münchner Ifo-Institut den Wegfall von bis zu 900.000 Jobs, das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn rechnete mit einem Minus von rund 570.000 Stellen bei Einführung des Mindestlohns.

Wehklagen ohne Grund

Das Wehklagen schwoll nochmals an, als sich SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles an die konkrete Umsetzung des von ihrer Partei im Koalitionsvertrag gegen den Willen von großen Teilen der Union festgeschriebenen Mindestlohns von 8.50 Euro pro Stunde machte. Dieser galt schließlich zum 1. Januar diesen Jahres.

Jetzt ist es offensichtlich: Der Mindestlohn hat den Arbeitsmarkt nicht ruiniert. Wer das Thema ideologiefrei betrachtet, dürfte darüber nicht verwundert sein.

Aber wer tut das schon in Deutschland? Der Mindestlohn hatte hierzulande in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Ideologisierung erfahren: In vielen anderen westlichen Industrieländern längst etabliert, bekämpfte man ihn zwischen Kiel und Konstanz entweder als arbeitsmarktpolitisches Teufelszeug oder überhöhte ihn gleichsam zum sozialen Wundermittel. Teile der Union und die FDP, Arbeitgeber und ihre Verbündeten Experten vs. politische Linke, Gewerkschaften und deren Helfer.

Dass die Bilanz nach einem knappen Jahr nun so positiv ausfällt, freut natürlich die Befürworter. Und dabei ist es müßig, andere positive Faktoren ins Feld zu führen: Ja, die gute Konjunktur ist natürlich außerordentlich hilfreich - aber wenn all die Unkenrufer recht gehabt hätten, wäre die Abrechnung nach Einführung des Mindestlohns trotzdem eine andere gewesen.

Dass im November nur noch 4,5 Prozent der Deutschen ohne Job sind, während gleichzeitig die arbeitende Bevölkerung dank des Mindestlohns deutlich mehr Geld in der Tasche hat, ist eine positive Nachricht - nicht nur fürs Weihnachtsgeschäft. Insbesondere in den neuen Ländern, wo besonders viele Menschen profitieren.

Jobverluste drohen doch noch

Das müssten auch die Mindestlohn-Schwarzmaler anerkennen. Noch wichtiger wäre es allerdings, dass nun die andere Seite vor lauter Triumphgeheul nicht überdreht: Arbeitsministerin Nahles wünscht sich genau wie Gewerkschaftsvertreter schon ab Beginn des neuen Jahres eine Erhöhung des Mindestlohns.

Sie sollten nüchtern bleiben, auch angesichts ihres Erfolgs. Denn steigt der Mindestlohn zu hoch und trübt sich die Konjunktur gleichzeitig leicht ein, wie es manche Prognosen voraussagen, könnten gerade kleinere Unternehmen das nicht mehr ausgleichen. Viele Jobs würden gestrichen - und es träte ein, was die Mindestlohn-Kritiker von Anfang an beschworen haben. Also bitte nicht übertreiben.

Zum Autor
Jeannette Corbeau

Florian Gathmann ist Redakteur im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE in Berlin. Er beobachtet Joachim Gauck schon seit seiner ersten erfolglosen Präsidentschafts-Kandidatur 2010.

E-Mail: Florian_Gathmann@spiegel.de

Mehr Artikel von Florian Gathmann

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Richtig - kein Grund für Häme
sag-geschwind 01.12.2015
Es ist vielmehr ein Grund, die Voraussehungen unserer (Star)-Ökonomen als lediglich Ideologie-getrieben zu erkennen und im Interesse einer lebenswerten europäischen Gesellschaft deren schwarze Lehren beiseite zu wischen.
2. Mindestlohn real erlebbar
Det_onator 01.12.2015
„Viele Jobs würden gestrichen - und es träte ein, was die Mindestlohn-Kritiker von Anfang an beschworen haben. Also bitte nicht übertreiben.“ Schreibt jemand, der wieviel Euro Gehalt genau im Monat verdient? Na beim „Spiegel“ werden viele auch bald noch aufwachen, 150 Mitarbeiter verlieren bereits ihren Job und werden selbst bald erwerbslos und auf Jobsuche sein, Tendenz wegen weiter rückläufiger Auflagenzahlen ausbaufähig. Kenne viele im Bekanntenkreis, die ihr Spiegel-Abo aus Frust über die einseitige Meinungsmache bereits gekündigt haben und auch das Magazin nicht mehr am Kiosk kaufen. So wird auch zukünftig für bisher gutgezahlte Journalisten und Verlagsmitarbeiter die Arbeitslosigkeit und der soziale Abstieg real erlebbar. Es gibt bereits genug arbeits- und mittellose Journalisten/innen in D. Aber ihr wisst ja immer am besser, was man uns Bürgern noch so alles zumuten kann - nur weiter so, dann schafft ihr euch selbst ab! Ich habe kein Mitleid mit euch, genausowenig wie ihr Mitleid mit uns hier unten habt. Immer schön die Agenda 2010 mit unterstützt und den Euro, ihr werdet für eure Lügengeschichten und Lesermanipulationen den Preis auch noch bezahlen! Spieglein, Spieglein an der Wand, wer verbreitet die meisten Lügen im Land?
3.
johannesmapro 01.12.2015
Nun das Problem ist das Menschen die selber als Beamte ein sicheres Einkommen haben und für sich eine Bezahlung die sich nach Marktpreisen richtet ablehnen, eine Ideologie aus dem 19. Jahrhundert hochhalten das der Arbeitsmarkt ein Markt wie jeder andere ist. Das es nicht so ist, ist ja jetzt wie vieles andere empirisch bewiesen, aber was interessiert in einer Wissenschaft ohne wissenschaftliche Grundlage, Wirtschaftsgeschichte oder Empire. Man hat seine eigenen Vorstellungen einer korrekten Naturwissenschaft und baut darauf aus funktionierende Modelle auf, die nicht in der Lage sind die Wirklichkeit abzubilden. Das wäre wie wenn Physiker behaupten würden, das wir alle einen Meter über den Boden schweben.
4. Mindestlohn real erlebbar
Det_onator 01.12.2015
„Viele Jobs würden gestrichen - und es träte ein, was die Mindestlohn-Kritiker von Anfang an beschworen haben. Also bitte nicht übertreiben.“ Schreibt jemand, der wieviel Euro Gehalt genau im Monat verdient? Na beim „Spiegel“ werden viele auch bald noch aufwachen, 150 Mitarbeiter verlieren bereits ihren Job und werden selbst bald erwerbslos und auf Jobsuche sein, Tendenz wegen weiter rückläufiger Auflagenzahlen ausbaufähig. Kenne viele im Bekanntenkreis, die ihr Spiegel-Abo aus Frust über die einseitige Meinungsmache bereits gekündigt haben und auch das Magazin nicht mehr am Kiosk kaufen. So wird auch zukünftig für bisher gutgezahlte Journalisten und Verlagsmitarbeiter die Arbeitslosigkeit und der soziale Abstieg real erlebbar. Es gibt bereits genug arbeits- und mittellose Journalisten/innen in D. Aber ihr wisst ja immer am Besten, was man uns Bürgern noch so alles zumuten kann - nur weiter so, dann schafft ihr euch selbst ab! Ich habe kein Mitleid mit euch, genausowenig wie ihr Mitleid mit uns hier unten habt. Immer schön die Agenda 2010 mit unterstützt und den Euro, ihr werdet für eure Lügengeschichten und Lesermanipulationen den Preis auch noch bezahlen! Spieglein, Spieglein an der Wand, wer verbreitet die meisten Lügen im Land?
5. ist doch logisch!
muttisbester 01.12.2015
wie sollte der Mindestlohn auch Arbeitsplätze gefährden? Der Mindestlohn greift doch vor allem im Dienstleistungssektor - Kellner, Zusteller, Logistik, Taxi... Alles Berufe, die NICHT nach China ausgelagert werden können - ja noch nicht mal nach Polen können die verlagert werden. Deshalb hat der Mindestlohn auch funktioniert, weil die Arbeitgeber eben nicht ins Ausland können. Weil die Arbeitgeber aber eben sehr wohl die Löhne drücken konnten, über ein Jahrzehnt, und plötzlich sollte sie von ihren riesigen Profiten abgeben. Und bald brauchen wir 10 Euro Mindestlohn pro Stunde. Und hier wird das gleiche passieren: niemand wird arbeitslos. Und für Flüchtlinge gilt das gleiche, wie für Deutsche: entweder sie erwirtschaften den Mindestlohn, oder die Arbeit rechnet sich nicht und sollte damit unterbleiben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: