Arbeitslosen-Schelte Kurt Beck – schadlos durch die Pöbel-Posse

Kurt Beck ist fein raus. Gestern noch der Buhmann, weil er einen pöbeligen Arbeitslosen zurechtwies. Doch er geht in die Offensive, will dem Mann bei der Jobsuche helfen - so bleibt der Opposition nur reflexhafte Kritik. Die SPD steht genauso hinter Beck wie die Union.

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München - "Die haben 'ne echt gute Pressearbeit, die haben das super gedreht", heißt es bei Freund und Feind über die aktuelle SPD-Medientaktik. Am Dienstag hatte SPD-Chef Kurt Beck einem pöbelnden und lautstark über Hartz-IV schimpfenden Arbeitslosen entgegnet: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job." Und dann sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck beim Termin auf dem Wiesbadener Sternschnuppenmarkt noch in seiner breiten Mundart: "S' Lebbe iss doch, wie's iss."

Arbeitsloser Henrico F.: "Ich wasche und rasiere mich und komme dann bei Ihnen in der Staatskanzlei vorbei"
DDP

Arbeitsloser Henrico F.: "Ich wasche und rasiere mich und komme dann bei Ihnen in der Staatskanzlei vorbei"

Das saß - und verschlug dem 37-jährigen Henrico F. erstmal die Sprache. Dann fiel ihm aber doch noch was ein: "Ich wasche und rasiere mich und komme dann bei Ihnen in der Staatskanzlei vorbei." Beck: "Okay, machen Sie das."

Und daraus bastelt die SPD nun eine Vorwärtsstrategie. "Wenn der Betroffene sich meldet, dann wird Kurt Beck ihm helfen, einen Job zu finden", sagt Parteisprecher Lars Kühn. Der SPD-Chef erntet Verständnis beim Berliner Koalitionspartner: "Kurt Beck hat nicht ganz Unrecht, ordentliches Auftreten sollte bei einer Arbeitsplatzbewerbung schon sein", sagt der CSU-Bundestagsabgeordnete Andreas Scheuer zu SPIEGEL ONLINE. Er sei da "ganz bei Beck", sagt Scheuer, "Henrico F. sollte mal einen Waschgang einlegen, Beck wollte ihm sicher nur einen Tipp geben".

"Hilfloser Verweis" auf die Körperpflege

Ansonsten halten sich die Regierungsparteien heute bedeckt, aus den Führungen heißt es nur "Kein Kommentar". Sie sind Profis, wissen aber um die Versuchung, einem Pöbler die passende Antwort zu geben. Kollegenschelte wird da vermieden.

Nur die Opposition müht, der SPD-Medienarbeit doch noch ein Schnippchen zu schlagen. "Selbst wenn Kurt Beck sich rasiert, hat er nicht das Zeug zum Kanzler", sagt Linkspartei-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch in Richtung treuem Bartträger Beck. Wer am Boden liege, "braucht Hilfe und keine symbolischen Fußtritte", so Bartsch weiter. Beck bediene sich alter Vorurteile, nach denen Arbeitslose selbst Schuld an ihrer Lage seien: "Wenn das die neue Programmatik einer modernen Sozialdemokratie sein soll, dann: 'Gute Nacht!'"

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Anna Lührmann sieht hinter Becks Äußerung "eine Geisteshaltung: Wer arbeitslos ist, der ist selbst dran schuld". Ein Politiker in Becks Position müsse sich beherrschen können, sagt Lührmann zu SPIEGEL ONLINE: "Meistens sagt man so etwas nicht einfach so, sondern das hat einen tieferen Kern."

Die rheinland-pfälzischen Grünen fordern von Beck derweil eine Entschuldigung. Dessen Äußerungen seien "an Unverfrorenheit kaum zu überbieten", sagt Vorstandssprecher Nils Wiechmann. Mit seinem "hilflosen Verweis" auf die Körperpflege zeige Beck, dass die Regierung außer "flapsigen Sprüchen" keine wirksamen Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit habe.



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