Arbeitsloser Henrico F. Rasiert und frisiert für Kurt Beck

Kurt Beck wird beim Wort genommen: Am 2. Januar will der Arbeitslose Henrico F. vor der Mainzer Staatskanzlei stehen und vom SPD-Chef einen Job einfordern. Er ist in der Linkspartei, hat sich inzwischen rasiert und war beim Frisör - Besuch bei einem Frustrierten, der "aus dem Scheißalltag" raus möchte.

Von Marco Plein, Wiesbaden


Wiesbaden - Kapuzenpullover, Tarnhose und Turnschuhe. Dazu Vollbart, Nasenringe und blondierte Haare. Henrico F. machte äußerlich nicht den allerbesten Eindruck. Das fiel auch SPD-Chef Kurt Beck auf, der mit dem 37 Jahre alten Arbeitslosen am Dienstagabend auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt verbal aneinander geriet - nachdem Henrico F. in einem zwanzigsekündigen Monolog den SPD-Vorsitzenden angepöbelt und sich ironisch für "Hartz IV" bedankt hatte.

Henrico F. vor und nach seiner Rasur und dem Friseur-Besuch
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Henrico F. vor und nach seiner Rasur und dem Friseur-Besuch

Dem erfahrenen Marktplatz-Matadoren Kurt Beck platzte daraufhin der Kragen: Er sehe nicht so aus, als ob er in seinem Leben schon viel gearbeitet habe, blaffte er den Mann an und gab ihm noch einen guten Rat: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job."

Heute präsentierte sich Henrico F. schon erkennbar verändert: Der Bart ist abrasiert, die Haare sind gekürzt. "Ich nehme jeden Job", sagte der Arbeitslose. Er sei zum Friseur gegangen, um dem SPD-Chef ein klares Zeichen zu geben: "Ich bin bereit, mich zu verändern." Er wolle nicht mehr gezwungen sein, "von Almosen vom Amt zu leben".

Henrico F. sitzt in einem Cafe in der Nähe des Wiesbadener Weihnachtsmarkts und erzählt. Ab und zu klingelt eins seiner vier Handys. "Alle mit Prepaid-Karte, keine laufenden Kosten", erläutert er. Henrico F. versteht die Konfrontation mit Beck als Chance. Er rechnet sich gute Chancen aus, bald wieder ins Berufsleben einzusteigen. "Kurt Beck hat mir versprochen, einen Job für mich zu finden", so interpretiert Henrico F. den sozialdemokratischen Spitzenpolitiker. "Schließlich hat er gesagt, in drei Wochen könne ich einen Job haben, wenn ich mich äußerlich in Schuss bringe."

Der Arbeitslose sieht den SPD-Vorsitzenden in der Pflicht. Am 2. Januar, sobald drei Wochen vergangen sind, will Henrico F. gemeinsam mit seinem engen Freund Jürgen G. in Mainz vor der Staatskanzlei stehen. "Ich komme gewaschen und frisch rasiert", verspricht er. "Und dann bin ich mal gespannt, was Kurt Beck für mich machen wird, ob er zu seinem Wort steht", sagt Henrico F. "Ich werde den Job einfordern."

Der in Gotha geborene Henrico F. ist seit knapp sechs Jahren arbeitslos, sagt er. In seinem letzten regulären Job habe er als Altenpfleger in Mainz gearbeitet, zuletzt als ein Ein-Euro-Jobber gegärtnert. "Aber nach einem Bandscheibenvorfall musste ich dort aufhören."

Seit etwa einem Jahr lebt Henrico F. nach eigenen Angaben von monatlich 345 Euro Arbeitslosengeld und wohnt in Wiesbaden in einer zwölf Quadratmeter großen Mietwohnung. "Für mich geht es nur darum, aus diesem Scheißalltag endlich herauszukommen", klagt Henrico F. "Ich bin es leid, morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, was ich machen soll."

Den Eklat mit Beck hat der Arbeitslose geplant, gemeinsam mit seinem Freund Jürgen G. Die beiden wollten ein Signal setzen: "Es betrifft viele, die aus der ehemaligen DDR herübergekommen sind. Man weiß hier mit diesen Menschen einfach nichts anzufangen", sagt Jürgen G.

Die Schuld an der eigenen Misere suchen die beiden vor allem bei anderen: "Erst die Arbeitslosigkeit und das Nichtstun haben mich dazu gebracht, zu trinken", behauptet Henrico F., der bereits mehrere Therapien hinter sich hat. "Da kommt man von ganz alleine dazu, zu trinken", meint auch Jürgen G., "aber damit kann er auch ganz schnell wieder aufhören, sollte sich etwas an seiner Situation ändern."

Dass Henrico F. schon mehrmals aufgrund nicht bezahlter Rechnungen Haftstrafen absitzen musste, wie er erzählt, sieht er selbst nicht als Problem. Er fürchtet, dem SPD-Vorsitzenden nicht nachweisen zu können, dass er überhaupt jemals gearbeitet hat. Er will alle Dokumente verloren haben: "Ich besitze nicht mal mehr eine Geburtsurkunde. Also kann ich auch nichts nachweisen, was meine Vergangenheit betrifft."

Bevor er vor knapp zehn Jahren nach Wiesbaden kam, arbeitete Henrico F. nach eigenen Angaben in Gotha als Straßenbahnfahrer, davor machte er eine Ausbildung als Baufacharbeiter. "Damit kann man im Westen aber leider nichts anfangen", sagt der Arbeitslose.

Bleibt die Hoffnung, dass ihm Kurt Beck tatsächlich weiterhilft. "Ich sehe es als große Chance für mich. Dass ein Medienrummel um meine Person aufkommen würde, konnte ich nicht wissen. Aber ich habe ja auch nichts zu verlieren."

Wählen würde er seinen potentiellen Helfer aber nicht: Er sei maßlos enttäuscht über den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und SPD-Chef. Von den Sozialdemokraten hat sich Henrico F. indes schon früher abgewandt. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass dieser Partei nichts mehr Soziales hat", meint er. "Dann bin ich in die Linkspartei eingetreten."



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