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Arbeitslosigkeit: Land ohne Frauen

Von Kerstin Jansen

30 Bewerbungen, drei Monate arbeitslos, dann hatte Susanne Klemm genug. Die 22-Jährige verließ ihre Heimatstadt Bad Langensalza und fand einen Job in Hamburg. Eine von vielen Frauen aus dem Osten, die gegangen sind. Die Folge: Thüringen hat EU-weit das größte Defizit an jungen Frauen.

Susanne Klemm: "Freiwillig bin ich nicht in Hamburg"
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Susanne Klemm: "Freiwillig bin ich nicht in Hamburg"

Hamburg - Sie will am liebsten so schnell wie möglich zurück. Zurück zu ihrer Familie, zurück zu ihren Freunden, zurück nach Thüringen. Seit April wohnt Susanne Klemm in Hamburg-Harburg. In einer verschlafenen Spielstraße, Mietshaus an Mietshaus. "Ganz okay" findet sie das, "aber freiwillig bin ich hier nicht". Die 22-Jährige arbeitet seit Juli als Software-Entwicklerin bei einem Lasergerätehersteller im Stadtteil Eidelstedt. Ihr Vertrag läuft nur sechs Monate, dann muss sie wieder von neuem nach Arbeit suchen. Arbeit, die sie in ihrer Heimat Thüringen nicht gefunden hat.

"Drei Monate lang war ich arbeitslos", sagt Susanne Klemm. "Das war ziemlich ernüchternd." Dabei hatte sie gerade ihr Diplom als Ingenieurin für Informations- und Kommunikationstechnik in der Tasche. Sechs Semester duale Ausbildung an einer Berufsakademie und parallel in einem Software-Unternehmen in Eisenach. "Ich habe immer die Fachzeitschriften gelesen, in denen was von 100.000 Euro Jahresgehalt stand", sagt sie. "Aber dann bin ich schnell auf dem Boden der Tatsachen gelandet." Und dieser Boden ist in Thüringen besonders hart.

206.100 Menschen waren dort im Juli arbeitslos gemeldet, eine Quote von 16,8 Prozent. Frauen waren dabei mit 104.400 leicht in der Mehrheit. Rund 30.000 der arbeitslosen Thüringer sind unter 25 Jahren. Besonders schwer haben es auf dem Arbeitsmarkt junge Frauen. "Ausbildungsstellen werden lieber an Jungen vergeben", sagt Annett Weller von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Erfurt. Zum einen müssten die Betriebe bei Männern keine Ausfallzeiten durch Schwangerschaft befürchten. Zum anderen seien in Thüringen "frauentypische Berufe wie Friseurin strukturell eher unterrepräsentiert". Die Folge: Viele junge Frauen verlassen das Bundesland.

"Ich bekam nichts als Absagen"

Wie Susanne Klemm. Mehr als 30 Bewerbungen hat sie nach ihrer bestandenen Diplomprüfung im vergangenen September losgeschickt, alle in Thüringen. Zurück gekommen sind "nichts als Absagen" - häufig mit der Begründung, sie habe zu wenig Berufserfahrung. "Dabei habe ich während meiner Ausbildung schon in einem Unternehmen gearbeitet", sagt Susanne Klemm. "Mehr Praxis kann man mit 22 Jahren kaum haben."

Im Dezember 2004 hat sich die Software-Entwicklerin dann arbeitslos gemeldet. "Ich hatte alles abgegrast, wo man hätte hinpendeln können", sagt sie. "Damals gab es noch gar nicht den Gedanken, weiter weg zu gehen." Doch mit Hartz IV kam die Ernüchterung. Keine Arbeit, kein Geld, keine Perspektive. "Wenn ich nicht weggegangen wäre, wäre ich immer noch arbeitslos", sagt die 22-Jährige.

Im April fand sie zunächst eine Stelle im Call-Center einer Technik-Hotline in Hamburg. Im Juli bekam sie dann den befristeten Vertrag als Software-Entwicklerin bei dem Lasergerätehersteller. "Das ist genau der Job, auf den ich hingearbeitet habe", sagt Susanne Klemm. Allerdings 350 Kilometer entfernt von ihrer Familie in Bad Langensalza, einer Kurstadt in Thüringen.

Wie Susanne Klemm verlassen viele junge Frauen die ostdeutschen Bundesländer. Eine Entwicklung, die in Thüringen besonders dramatisch ist. Ein Diplomand der Universität Greifswald hat errechnet, dass 2001 in Thüringen auf 100 Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren statistisch nur 81,9 Frauen der gleichen Altersgruppe kamen. In Gesamt-Deutschland lag die Quote durchschnittlich bei 98 Frauen zu 100 Männern, in Ostdeutschland waren es 86,5 Frauen. Der angehende Geograf Torsten Obst hat für seine Arbeit die Bevölkerungsdaten von mehr als 220 Regionen in Europa verglichen. Thüringen bildete dabei das absolute Schlusslicht. Privatdozent Wolfgang Weiß, der die Diplomarbeit betreut hat, spricht vom "größten Frauenverlust in der EU".

Die Ostdeutschen werden immer älter

"Seit der Wende werden ganze Regionen verlassen", sagt Weiß. Er beobachte die "weibliche Verödung" ganzer Bundesländer. Die Abwanderung junger Frauen sei besonders prekär, weil mit den Frauen auch die möglichen Kinder wegbleiben. "Hier im Osten brennt die Luft. 15 Prozent Männerüberschuss kann man auch nicht durch verordnete Homosexualität ausgleichen." Der Wissenschaftler rechnet damit, dass sich die Bevölkerungszahl in den neuen Bundesländern in Zukunft halbieren wird. Das Durchschnittsalter werde weiter steigen. "Der Osten ist schon jetzt das Altersheim der Nation."

Auch Bad Langensalza werde immer mehr zum "Rentnerviertel", sagt Susanne Klemm. "Wenn man Freitagabend durch die Stadt fährt, sitzen da junge Männer in ihren aufpolierten Autos", erzählt die 22-Jährige. "Es fehlen wirklich die Frauen." Auch in ihrer eigenen Familie. Ihre Mutter lebt und arbeitet seit Jahren in Kassel, ihre Tante in Bayern. Ihr Bruder ist angehender Grafik-Designer und stellt sich ebenfalls darauf ein, in eine Großstadt zu ziehen. Warum besonders viele Frauen abwandern, kann sich Susanne Klemm nicht erklären.

"Möglicherweise sind Frauen wirklich flexibler", sagt Geograf Weiß. Mädchen hätten oft bessere Zeugnisse. Außerdem habe für ostdeutsche Frauen Arbeit als Teil der eigenen Persönlichkeit einen höheren Stellenwert als für ihre Altersgenossinnen im Westen. Dabei gingen vor allem die Cleversten weg - für Weiß ein gesamtdeutsches Problem. Denn dieser "brain drain", das Abwandern von gut ausgebildeten jungen Frauen, sei sowohl Grund für die Schwäche ostdeutscher Regionen als auch für die Stärke von Bundesländern wie Bayern oder Hamburg.

"Bad Langensalza ist meine Heimat"

Susanne Klemm will maximal ein Jahr in der Hansestadt bleiben, "so lange, bis ich in Thüringen Arbeit habe". Dafür würde die Software-Entwicklerin auch Gehaltseinbußen hinnehmen. Im Osten würde sie bis zu 40 Prozent weniger verdienen, schätzt Susanne Klemm. Bis dahin fährt sie mit ihrem Freund fast jedes zweite Wochenende zu ihrer Familie nach Bad Langensalza, denn "sonst geht der ganze Kontakt verloren". Ihre Halbschwester, die vor zwei Wochen zur Welt kam, hat sie noch nicht gesehen. "Das verpasst man alles."

Susanne Klemm will ihre Kinder später nicht in Hamburg groß ziehen. Mit ihrem Freund Falko, der ebenfalls aus Bad Langensalza kommt, hat sie sich im Stadtteil Harburg eine kleine Wohnung eingerichtet. "Aber wir wollen beide wieder zurück. Wir planen unsere Zukunft in Bad Langensalza", sagt die 22-Jährige. "Das ist halt unsere Heimat."

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