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Gerne halten wir Deutschen den anderen Europäern vor, wie fleißig wir doch sind - aber kaum arbeiten die Leute bei uns tatsächlich länger als von Gesetzes wegen gefordert, gilt dies als Alarmsignal. Was ist denn da schon wieder los?

Eine Kolumne von


Große Aufregung bei den Sozialverbänden und allen verwandten Alarminstitutionen: Die Deutschen arbeiten länger. Und zwar nicht nur der Teil, der eh nicht anders kann, sondern auch ein Gutteil derer, die eigentlich längst im Ruhestand sein sollten.

Die Zahl der Menschen, die sich auf ihre alten Tagen noch einmal einen Minijob suchen, ist auf 762.000 gestiegen, wie man nun aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei weiß. Was man als Zeichen für die Rüstigkeit und Agilität der deutschen Rentner sehen könnte, gilt in den besorgten Kreisen als schlimmes Krisensignal. Von einem "deutlichen Alarmzeichen" ist die Rede, beziehungsweise von einem aufrüttelndem Beleg für die um sich greifende Altersarmut im Lande.

Ist es nicht eigenartig? Auf kaum etwas sind wir so stolz wie auf unseren sprichwörtlichen Fleiß. Mit etwas Herablassung - und, seit wir für die anderen zahlen sollen, auch einem gewissen Ingrimm - lesen die Deutschen, wie es um die Arbeitsmoral im Rest Europas bestellt ist. Dass unsere Nachbarn in Frankreich derzeit mit 60 in Rente gehen, gehört zu den enervierenden Wahrheiten, die jede Euro-Diskussion so bitter machen.

Kaum arbeiten wir länger, tut sich der soziale Abgrund auf

Großes Selbstlob, wie gesagt. Aber kaum arbeiten wir länger als von Gesetzes wegen gefordert, tut sich auch unter unseren Füßen plötzlich der soziale Abgrund auf. Dann heißt es, wir würden uns noch krank schuften, und die Bundesarbeitsministerin überlegt, ob man Regeln für die Erreichbarkeit auf dem Handy braucht. Vor zwei Wochen erst hat der "Stern" der Überlastung im Berufsalltag wieder eine eigene Titelgeschichte gewidmet, weil die Bundesbürger im Jahr angeblich eine Milliarde unbezahlter Überstunden machen. Man sollte einmal untersuchen, ob nicht die Angst vor dem permanenten Erschöpfungszustand inzwischen schon ein eigenes Krankheitsbild begründet.

Jetzt also die Mehrarbeit im Alter. Ich muss gestehen, ich habe bereits die Diskussion über die Rente mit 67 nicht ganz verstanden. Wer die demografischen Realitäten zur Kenntnis nimmt, hat nur die Möglichkeit, die Versicherungsbeiträge zu erhöhen, was sich schlecht auf die Beschäftigung auswirkt, die Renten zu kürzen und damit die gefürchtete Altersarmut zu befördern - oder eben die Leute länger arbeiten zu lassen. Dennoch gilt die noch vom heiligen Franz Müntefering durchgesetzte Reform bis heute als großer sozialpolitischer Sündenfall, den die meisten auf der Linken lieber heute als morgen rückgängig machen würden.

Keine Frage, für den berühmten Dachdecker, ohne den keine sozialdemokratische Rede auskommt, ist es nicht schön, auch mit 65 noch auf dem Giebel stehen zu müssen. Die gute Nachricht für alle, denen dabei das Herz blutet, ist allerdings: Der Dachdecker hat in Deutschland als Massenberuf seine Zukunft hinter sich. Die Zahl derjenigen, die älter als 59 sind, liegt bei 1,5 Prozent der Aktiven.

Tatsächlich nimmt die Zahl der Tätigkeiten, in denen man sich seinen Rücken durch körperliche Arbeit ruiniert oder als Rentner nur noch keuchen kann, seit Jahrzehnten beständig ab. Der normale Arbeitsplatz ist heute vielfach ein Schreibtisch mit Computer, bei dem die größte Gefahr darin besteht, dass man den arbeitsschutzrechtlich geforderten Mindestabstand zum Rechner nicht einhält oder die zur Vermeidung "psychomentaler Fehlbelastungen" angeratenen Pausenzeiten missachtet.

Mehr Arbeit und Fleiß schafft auch mehr Beschäftigung

Und was wäre für die meisten eigentlich die Alternative? Zu Hause auf der Couch liegen und Mutti zur Last fallen? Man muss kein Sozialpsychologe sein, um über die negativen Auswirkungen des Nichtstuns Bescheid zu wissen. Auch auf der Linken sind die Folgen dauerhafter Arbeitslosigkeit wohl bekannt. Doch irgendwie scheint hier bei 65 Jahren eine magische Grenzen zu liegen, die das, was eben noch als schweres Schicksal galt, zu einer erstrebenswerten Daseinsform macht. Es ist eine alte Idee, dass man die Arbeit nur auf möglichst viele Köpfe verteilen müsse, damit es auch hier gerecht zugehe.

Die Ökonomen sprechen bei dieser Theorie, die vor allem in den Achtzigern hoch im Kurs stand und uns Errungenschaften wie die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich bescherte, von der "lump of labor fallacy". Anders als etwa die Franzosen, die bis heute an ihrer 35-Stunden-Woche hängen, haben sich die Deutschen bei Zeiten von dieser Teilzeit-Illusion weitestgehend verabschiedet. Die Folge kann man in jeder Leistungsbilanz beider Länder nachlesen. In Wirklichkeit ist die Arbeitsmenge nämlich keine feste Größe, sondern eine ziemlich fluide Angelegenheit: Mehr Arbeit und Fleiß schafft auch mehr Beschäftigung - umgekehrt sinkt die Zahl der Arbeitsplätze und damit der Wohlstand, wenn sich immer mehr Leute auf der Leistung anderer ausruhen.

Möglicherweise hängt die Sehnsucht nach dem arbeitsfreien Leben auch mit dem Hintergrund der Leute zusammen, die sich auf den Gebiet der Sozialpolitik tummeln. Wer sich die Lebensläufe ansieht, wird schnell feststellen, dass die meisten Vertreter den nahtlosen Übergang von der Ausbildung in die Sphäre des staatlich betreuten Arbeitens geschafft haben, wo die Finanzierung immer durch Steuergelder gesichert ist. Wer sein Leben lang in der ÖTV-Welt verbracht hat, leidet kaum unter Entzugserscheinungen, wenn die Zahl der effektiven Arbeitsstunden irgendwann bei null angelangt ist.

Die Griechen haben den Versuch gemacht, wie weit man mit der Ver.di-Wirtschaft kommt, also möglichst hoher Lohn für möglichst wenig Anstrengung. Gewerkschaftlich betrachtet ist Griechenland Weltspitze, muss man sagen: Es gibt nicht viele Gegenden in der Welt, wo Hafenarbeiter bis zu 100.000 Euro verdienen. Leider ist das kein Modell, das auf Dauer unter den Bedingungen der Marktwirtschaft Bestand hat, wie sich zeigt. Auch das mag ein Grund sein, warum man unter Sozialpolitikern vom Kapitalismus so wenig hält.

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insgesamt 227 Beiträge
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Seite 1
Ambermoon 30.08.2012
1.
Also ich stehe um 06:00 auf, fahre zur Arbeit, arbeite, fahre zurück und bin um 20:00 wieder zu Hause. Um 22:00 gehe ich in's Bett. Das kann alles eine halbe Stunde früher oder später sein, die Mittagspause kommt dazu, und über das Geld kann ich mich nicht beklagen. Ich hab mich letztens bloß gefragt, wie ich in 120 Minuten Freizeit am Tag Erfüllung finden soll.
Leser161 30.08.2012
2. Ahja
---Zitat--- Der normale Arbeitsplatz ist heute vielfach ein Schreibtisch mit Computer, bei dem die größte Gefahr darin besteht, dass man den arbeitsschutzrechtlich geforderten Mindestabstand zum Rechner nicht einhält oder die zur Vermeidung "psychomentaler Fehlbelastungen" angeratenen Pausenzeiten missachtet.. ---Zitatende--- Herr Fleischhauer lebt offensichtlich im letzten bis vorletzten Jahrhundert und hat noch nicht mitbekommen, das man auch bei einem Bürojob Belastungen ausgesetzt ist, nur halt anderen wie bei einem klassischen körperlichen Job wie er noch im letzten bis vorletzten Jahrhundert üblich war.
speedy 30.08.2012
3. Kapitalismus = Religion!!! Man mus nur dran glauben!!!!
Fleischhauer du bist doch nur noch Peinlich!!! Auf die Idee das die Leute arbeiten müssen weil sie sonst nichts zu essen, nichts zutrinken, eine kalte Wohnung oder anderen sozialistischen scheiß haben wollen,darauf kommt ein selbst ernannter Komiker, äh Konservativer nicht.Es gibt auch noch so was wie GRUNDRECHTE die das Tod arbeiten verbieten, übrigens auch die Kinderarbeit.Aber um die Produktivität und das Wachstum zu steigern sollten wir alle die übrigen Religionen ablegen und deinen Finanzfaschismus huldigen!!! Gepriesen sei der schnöde Mammon.
philbird 30.08.2012
4. Danke.
Ich werden jedem diesen Artikel zeigen, wenn ich gefragt werde, warum unser System verdient hat unterzugehen. Menschen wie sie leben, um zu arbeiten. Ich arbeite, um zu leben und ich bin mir zu 100% sicher, dass ich nicht das Übel dieser Welt bin.
winkdon 30.08.2012
5. ...
Zitat von sysopGerne halten wir Deutschen den anderen Europäern vor, wie fleißig wir doch sind - aber kaum arbeiten die Leute bei uns tatsächlich länger, als von Gesetz wegen gefordert, gilt dies als Alarmsignal. Was ist denn da schon wieder los? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,852898,00.html
Was da schon wieder los ist? Es darf keine Gelegenheit zum Jammern verpasst werden.
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