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Doku über Politikerintrigen: Depressionen, Selbstmordgedanken, Rachegelüste

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"Die schlimmsten Intrigen kommen aus den eigenen Reihen": In einer ARD-Dokumentation berichten Politiker, wie ihnen Parteifreunde schwere seelische Verletzungen zugefügt haben - und wie sie damit umgehen. Wortkarg werden die Protagonisten, wenn es um ihre eigenen Machtspiele geht.

Doku über Politikerleiden: Unter Feinden Fotos
NDR / ECO Media

Hamburg - Im Moment ihres Rücktritts schwieg sie zu ihren Gefühlen. "Spielt das eine Rolle?", blaffte Gesundheitsministerin Andrea Fischer, als sie 2001 während der BSE-Krise ihren Stuhl räumen musste. Erst jetzt erzählt die Grünen-Politikerin, wie schlecht es ihr nach dem Rückzug aus der Politik ging. Sie plagte eine "richtig schwere Depression", die sie erst nach einem Jahr Therapie und mit Medikamenten überwand. Über den politischen Betrieb in Berlin sagt Fischer heute, er habe "etwas Krankmachendes".

In einer ARD-Dokumentation sprechen Fischer und andere Politiker über die Narben und seelischen Verletzungen, die ihnen die Politik zugefügt hat. Quer durch die großen Parteien machen die Protagonisten klar, was sie am meisten verletzt hat: Angriffe und Intrigen aus den eigenen Reihen, Machtspiele unter vermeintlichen Parteifreunden.

Fischer erzählt, wie sie damals von den "Jungs" an der Parteispitze aus dem Amt gedrängt wurde, die ihr klarmachten: "Du kannst nicht bleiben."

"Schlachtfeld Politik - die finstere Seite der Macht" heißt der 45-minütige Film von Autor Stephan Lamby, der am Montagabend ausgestrahlt wird. Kurt Beck, Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, der 2008 als SPD-Bundesvorsitzender hinschmiss, sagt darin: "Verletzungen aus den eigenen Reihen sind am schmerzhaftesten." Die "sehr schmerzlichen Erfahrungen" würden ihn "ein Leben lang begleiten".

Was Beck und Fischer ebenso wie Politiker von Union, FDP und Linke erzählen, ergibt ein wenig schmeichelhaftes Bild vom politischen Betrieb: Angriffe vom politischen Gegner müsse man natürlich aushalten, heißt es, doch schlimmer als die Gegner seien oft die vermeintlichen Parteifreunde.

Wirklich überraschend ist das nicht, doch selten haben Spitzenpolitiker so offen darüber geredet. Die fünf befragten Politiker haben alle einen Rücktritt hinter sich, den sie als persönliche Niederlage empfinden. Darüber zu reden, fällt den Befragten teilweise schwer.

FDP-Mann Kubicki dachte an Selbstmord

Wenn der frühere CSU-Chef Erwin Huber über seinen forcierten Abtritt nach der krachenden Wahlniederlage 2008 spricht, schaut er kaum noch in die Kamera, sein Blick haftet am Boden. Als SPD-Mann Beck gefragt wird, ob er jemals die Politik an den Nagel hängen wollte, flüchtet er sich in den verquasten Polit-Jargon: "Dass es Momente gab, in denen ich darüber nachgedacht habe, bestreite ich ausdrücklich nicht."

"Die meisten Intrigen kommen ja aus den eigenen Reihen", sagt FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. "In der Politik ist jeder Parteifreund auch immer Ihr Konkurrent, und deshalb gibt es wahre Freundschaften innerhalb derselben politischen Gruppierung extrem selten", lautet Kubickis tristes Fazit.

Kubicki darf man getrost als Experten im innerparteilichen Nahkampf bezeichnen. Er selbst teilt immer wieder gegen die FDP-Spitze aus. Aber er hat auch eine tiefe Niederlage erlitten, als er 1993 wegen seiner Verwicklung in eine Mülldeponie-Affäre aus dem Amt als FDP-Chef in Schleswig-Holstein gedrängt wurde.

Wer intrigiert hat, wird nicht vergessen

In der Dokumentation sagt Kubicki, er habe damals an Selbstmord gedacht. Die Angriffe hätten ihn zermürbt, er habe gedacht: "Das hört nur auf, wenn du nicht mehr da bist." Er habe überlegt: "Eigentlich kannst du jetzt in die Ostsee gehen. Den Gedanken habe ich nach zehn Minuten wieder verworfen, aber er war da."

In der nächsten Szene erzählt Kubicki dann freimütig, wie er dafür gesorgt habe, dass die Intriganten, die ihn damals aus dem Amt gedrängt hätten, nichts mehr in der Partei geworden seien. Er hat sich gerächt - auch wenn er das selbst nicht so nennt: "Rache wäre in Richtung Existenzvernichtung gegangen, das wollte ich nicht."

Auch die anderen befragten Politiker zeigen sich schmallippig, wenn es um die Intrigen geht, von denen sie selbst profitiert haben. CSU-Mann Huber zuckt mit den Schultern, wenn nach den Berichten über Horst Seehofers uneheliches Kind gefragt wird - die just dann publik wurden, als Huber und Seehofer um den CSU-Vorsitz im Jahr 2007 konkurrierten.

Die Opfer sind auch Täter

Kubicki, der in den vergangenen Jahren immer wieder heftig gegen die FDP-Spitze keilte ("Klima wie in der DDR"), nennt seine eigenen Attacken gegen Parteifreunde harmlos. Mit seinen Angriffen gegen Guido Westerwelle habe er lediglich einen "geordneten Übergang" einleiten wollen, er habe nur das öffentlich gesagt, was andere Liberale ohnehin dachten.

In diesen Momenten wird deutlich, dass diejenigen, die über Machtspiele und Intrigen stöhnen, nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind. Wer das politische Machtspiel nicht beherrscht, wird erst gar nicht Bundesministerin, Parteichef oder Ministerpräsident. Bei allen Verletzungen und Niederlagen haben sich die Polit-Profis mit den Spielregeln arrangiert - ein Abschied vom "Schlachtfeld Politik", das Macht und Aufmerksamkeit verspricht, fällt ohnehin schwer.

Grünen-Politikerin Fischer hat den Absprung immerhin ein Stück weit geschafft. Sie ist, nach Rückzug und Depression, zwar wieder Politikerin in Berlin. Aber sie hat sich, wenn man so will, gesundgeschrumpft: Die frühere Bundesministerin sitzt nun in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte, dem Lokalparlament. Mit weniger Macht, aber eben auch weniger Machtkämpfen.


"Schlachtfeld Politik - die finstere Seite der Macht", Montag, 22.45 Uhr, ARD

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1. Steigerungen
hajo58 19.03.2012
Zitat von sysopNDR / ECO Media"Die schlimmsten Intrigen kommen aus den eigenen Reihen": In einer ARD-Dokumentation berichten Politiker, wie ihnen Parteifreunde schwere seelische Verletzungen zugefügt haben - und wie sie damit umgehen. Wortkarg werden die Protagonisten, wenn es um ihre eigenen Machtspiele geht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821349,00.html
Freund, Feind, Todfeind - Parteifreund.
2.
rakatak 19.03.2012
Zitat von sysopNDR / ECO Media"Die schlimmsten Intrigen kommen aus den eigenen Reihen": In einer ARD-Dokumentation berichten Politiker, wie ihnen Parteifreunde schwere seelische Verletzungen zugefügt haben - und wie sie damit umgehen. Wortkarg werden die Protagonisten, wenn es um ihre eigenen Machtspiele geht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821349,00.html
Wir werden von Nahkampfspezialisten regiert. Kein Wunder, dass man als Wähler die großen Linien und Politikentwürfe vermisst: Sie können es schlichtweg nicht.
3. 45
copperfish 19.03.2012
Zitat von sysopNDR / ECO Media"Die schlimmsten Intrigen kommen aus den eigenen Reihen": In einer ARD-Dokumentation berichten Politiker, wie ihnen Parteifreunde schwere seelische Verletzungen zugefügt haben - und wie sie damit umgehen. Wortkarg werden die Protagonisten, wenn es um ihre eigenen Machtspiele geht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821349,00.html
45 Minuten Wahlhilfe für Kubicki? Und das nennt sich dann "öffentlich rechtliches" Fernsehen?
4. Freiwillig
bmehrens 19.03.2012
Zitat von sysopNDR / ECO Media"Die schlimmsten Intrigen kommen aus den eigenen Reihen": In einer ARD-Dokumentation berichten Politiker, wie ihnen Parteifreunde schwere seelische Verletzungen zugefügt haben - und wie sie damit umgehen. Wortkarg werden die Protagonisten, wenn es um ihre eigenen Machtspiele geht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821349,00.html
Im Gegensatz zum Arbeitsplatz ist MOBBING in der Politik eher freiwillig, weil man den Posten ohne weiteres an den Nagel hängen kann, es sei denn, nicht öffentlich gemachte Vorteile gleichen das bei weitem aus.
5. ....
jujo 19.03.2012
Zitat von sysopNDR / ECO Media"Die schlimmsten Intrigen kommen aus den eigenen Reihen": In einer ARD-Dokumentation berichten Politiker, wie ihnen Parteifreunde schwere seelische Verletzungen zugefügt haben - und wie sie damit umgehen. Wortkarg werden die Protagonisten, wenn es um ihre eigenen Machtspiele geht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821349,00.html
das kann nicht verwundern, denn niemand kennt die Leichen im Keller besser als die "Parteifreunde", s. Huber & Seehofer
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