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Armutsbericht: "Deutschland droht auseinanderzubrechen"

Von Torben Waleczek

Alarmierende Armutsstudie: Deutschland fällt beim Lebensstandard immer weiter auseinander, viele Landkreise im Osten und Nordwesten stecken in einem "Teufelskreis der Verarmung", warnt der Paritätische Gesamtverband. Die Wirtschaftskrise könnte die Lage noch verschlimmern.

Berlin - Im Zuge der Wirtschaftskrise könnte die Armut in Deutschland massiv ansteigen, warnt der Paritätische Gesamtverband. Schon jetzt sei das Land in dieser Frage zutiefst zerrissen, sagte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider bei der Vorstellung einer neuen Studie. Schneider forderte eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze und kritisierte die Konjunkturpolitik der Bundesregierung.

"Deutschland droht den sozialen Zusammenhalt zu verlieren, das ist eine gefährliche Entwicklung", sagte Schneider. "Wir haben uns viel zu lange von bundesdurchschnittlichen Armutsquoten blenden lassen."

Anders als die Armutsberichte der Bundesregierung differenziert der "Armutsatlas" des Wohlfahrtsverbandes detailliert nach Regionen. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Die Zahlen der Untersuchung stammen aus dem Jahr 2007. Das Ergebnis: Deutschland ist tief gespalten, und das nicht bloß zwischen Ost und West. "20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland nicht länger zwei-, sondern dreigeteilt", sagte Schneider. "Das hat mit gleichwertigen Lebensverhältnissen nichts mehr zu tun."

Süddeutschland mit den Ländern Bayern, Hessen und Baden-Württemberg liegt demnach mit einer Armutsquote von elf Prozent unter der gesamtdeutschen Quote von 14,3 Prozent.
In Nordwestdeutschland Bereich liegt die Armutsquote bei 15 Prozent, zu dieser Großregion zählen die Länder Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg und Bremen. Ostdeutschland hat eine Armutsquote von fast 20 Prozent.

Zwischen den einzelnen Bundesländern gebe es zum Teil extreme Spreizungen, sagte Schneider. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Armutsquote mit 24 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in Baden-Württemberg mit zehn Prozent.

Kritik am Konjunkturpaket II

Auch innerhalb der einzelnen Länder zeigen sich starke Gefälle. In Niedersachen reicht die Armutsquote von 12,4 Prozent in der Region Südheide bis hin zu 20,3 Prozent in Ostfriesland.

"Deutschland droht nicht nur sozial, sondern auch regional auseinanderzubrechen", sagte Schneider. Manche Regionen befänden sich in einem "Teufelskreis der Verarmung". Besonders der Osten sei von einer hohen und flächendeckenden Armut betroffen.

Wenn jetzt nicht entschieden gegengesteuert werde, drohe im Zuge der Krise ein weiterer massiver Anstieg der Armut und eine "Verödung ganzer Landstriche".

Scharfe Kritik äußerte der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes an der Konjunkturpolitik der Regierung. Manche Maßnahmen würden die Spaltung zwischen Arm und Reich weiter vergrößern, anstatt sie zu verringern, sagte Schneider.

Die Mittel aus der Abwrackprämie fließen seiner Ansicht nach vor allem in solche Regionen, in denen die Menschen ohnehin genug Geld haben, um sich ein neues Auto zu leisten. Auch die zehn Milliarden Bundesmittel für Investitionen in Bildung und Infrastruktur aus dem Konjunkturpaket II würden überproportional stark den Ländern mit geringen Armutsquoten zugute kommen.

Stattdessen fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze auf 440 Euro. So könnten Menschen effektiv vor Armut geschützt werden, kosten würde eine solche Erhöhung nach Einschätzung des Verbandes rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. Daneben fordert der Verband eine gezielte Förderung armer Regionen in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik.

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