Aschermittwoch der CSU: Seehofers Stolz, Stoibers Vorteil

Von , Passau

"Stoiber ist Kult", schwärmen seine Anhänger. Der CSU-Veteran feierte beim Politischen Aschermittwoch in Passau sein Comeback - obwohl der 70-Jährige gar nicht aktiv in die Politik zurückkehren will. Gastgeber Seehofer hatte es gegen den Glanzauftritt der Partei-Ikone schwer.

DPA

Für einen Moment verwandelt sich die Dreiländerhalle in Passau in ein Fußballstadion, rund 1500 CSU-Anhänger johlen durch den Saal: "Ooooh, wie ist das schön!" Schön? Nun ja. Die kollektive Lobhudelei gilt einem weißhaarigen, schmächtigen Herren auf der Bühne, der eisern lächelnd mit einem Bierkrug posiert.

Mehr als eine Stunde lang hat sich Edmund Stoiber, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident und CSU-Ikone, an den Rand der Dezibel-Schmerzgrenze geredet. Er ist 70 und seit einem halben Jahrzehnt raus aus der aktiven Politik, aber beim Politischen Aschermittwoch in Passau scheint es so, als wäre er nie weg gewesen. Stoiber führte die CSU einst zu Spitzenergebnissen, er holte die absolute Mehrheit im Freistaat.

Diese Zeiten sind vorbei. Längst teilen sich die Christsozialen die Regierung mit der FDP, bei der Wahl im kommenden Jahr ist sogar der Machtverlust möglich - SPD-Herausforderer Christian Ude, der zeitgleich im benachbarten Vilshofen auftrat, macht der CSU ernsthaft Konkurrenz. Offenbar vermissen viele in der Partei die Wunderkur namens Stoiber. Aschermittwochs-Veteranen raunen in Passau: "So voll war es schon lange nicht mehr."

"Ich habe immer alles gegeben"

Die Veranstaltung in Niederbayern ist die perfekte Comeback-Bühne für Stoiber, der von CSU-Chef Horst Seehofer kurzfristig als Hauptredner eingeladen wurde. Seehofer selbst wollte wegen seines Jobs als kommissarischer Bundespräsident nicht volle Attacke fahren - das verbiete der Respekt vor dem Amt, ließ er erklären.

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Politischer Aschermittwoch: Verbalattacken und Weißbier
Stoiber habe sich anfangs geziert, den Ausputzer zu geben, heißt es. Davon ist in Passau nichts zu spüren. Er lässt keine Gelegenheit aus zu betonen, wie sehr er seine Partei geprägt habe - und dass er jetzt, als "elder statesman" mit Beraterjobs in Brüssel und München, über den Dingen stehe. Und trotzdem überall mitmische.

Seehofer überlässt Stoiber aber weit mehr als nur Redezeit, sondern auch den Großteil des Jubels. Vergessen scheint der schmachvolle Abgang Stoibers im Jahr 2007, als der damalige Vorsitzende gegen seinen Willen vom Thron gestoßen wurde. Stoibers Pfund ist seine Vergangenheit. Er wolle nicht mehr in die aktive Politik zurück, sagt er unter Rufen des Bedauerns aus dem Publikum, könne sich aber noch genau an seinen ersten Aschermittwoch erinnern, damals als Generalsekretär, "am 28. Februar 1979". "Hier im Saal sind nicht viele, die so lange dabei sind wie ich", sagt er. "Ich habe immer alles gegeben."

Er war CSU-Chef, Bayern-Regent, Kanzlerkandidat. In Passau kann er schrankenlos den politischen Visionär geben, ohne mit der Identitätskrise seiner Partei in Verbindung gebracht zu werden. Zuweilen schwingt Genugtuung in seinen Worten. Was ihm alles entgegengehalten worden sei, sagt Stoiber, zum Beispiel, dass er Bayern "kaputtsparen" wolle. "Ich galt als der ewige Nörgler aus dem Süden!", empört er sich.

Nun, auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise, sei Sparen wieder angesagt. Ich habe es immer gewusst, will Stoiber damit sagen. Minutenlang wettert er gegen die Schuldenstaaten Europas. "Ich kann nicht dauernd über meine Verhältnisse leben", ruft er in den Saal. Deutschland sei eine "Leadnation" im Euro-Poker geworden - und müsse "eine Führerschaft übernehmen, auch wenn wir bei dem Wort sofort zusammenzucken". Auf Deutschland komme es an, wenn man Europa zusammenhalten wolle - solche Wortsalven sind Balsam für die CSU-Gefolgschaft in Passau.

Seehofer light

Die alljährliche Bierkrugsause ist der Höhepunkt für die Christsozialen im politischen Jahreskalender: Selten bekommt die CSU mehr Aufmerksamkeit, selten können sich die Parteispitzen selbstzufriedener präsentieren, geschmückt in Janker und Tracht, mit der Maß vor der Nase.

Der Politische Aschermittwoch ist wie ein Amüsier-Parteitag ohne lästige Abstimmungen und Debatten, gerne mal politisch unkorrekt und ohne Rücksicht auf die Etikette. Im vergangenen Jahr hatte Seehofer gedroht, er werde "bis zur letzten Patrone" gegen Zuwanderer in deutschen Sozialsystemen kämpfen. Dieses Jahr muss er sich als Interims-Staatsoberhaupt zurückhalten.

Zwar betonte Seehofer in den vergangenen Tagen immer wieder, er werde die Aufgaben des Bundespräsidenten ohne großes Brimborium übernehmen. Doch kann er es sich in Passau nicht verkneifen, mit den 30 Tagen seines Ruhms zu kokettieren. "Für einen, der angeblich nicht weiß, was er will, ist das eine ganz schöne Karriere" sagt er grinsend gleich zur Begrüßung. Und droht gar mit der Bundeskanzlerschaft: "Jetzt fehlt noch ein Amt von Bedeutung, aber dafür habe ich ja noch Zeit."

Seehofer wäre nicht Seehofer, wenn er die Kameras nicht auch zum genussvollen Poltern nutzen würde. Seine Giftpfeile verschießt er gegen andere, ärmere Bundesländer, die sich "nicht anstrengen", sich vom Empfängerland zum Geberland hochzuarbeiten. "Deutschland geht es gut und Bayern geht's noch besser, das ist der Befund, mit dem wir derzeit leben", ruft der Parteichef in den Saal.

"Gelobtes Land Bayern"

Sein Rezept für Passau 2012: Stolz, Eigenlob, und eine Prise Hochmut. "Bayern wird das erste schuldenfreie Land in Deutschland sein", verspricht er - und setzt noch einen drauf: Deutschland brauche "das gelobte Land Bayern", denn "wie sollen die anderen sonst überleben?" Am Ende der Rede versagt seine Stimme, er bekommt Applaus und Standing Ovations.

Dass die Attacke auf den politischen Gegner gezwungenermaßen ausfallen musste, war vielleicht auch Seehofers Glück. Denn möglicherweise hätte er damit nicht alle Angereisten im Saal überzeugen können. Viele Basismitglieder sind beunruhigt durch schwindende Mitgliederzahlen und die ungewohnt starke politische Konkurrenz. Noch ist Seehofers Herrschaft mangels personeller Alternativen zwar unangefochten - aber sein Führungsstil ist bis in die Parteispitze hinein umstritten. Für seine Alleingänge wird er regelmäßig kritisiert. Sein kühnes Ziel, Bayern bis 2030 frei von Altschulden zu machen, wurde wieder einmal im kleinsten Kreis ausgeheckt. Und mit seiner Forderung nach Euro-Volksabstimmungen provozierte er jüngst einen offenen Streit mit der CSU-Europagruppe.

All das ist in Passau freilich kein Thema, zu groß ist der Jubel über sich selbst - und über die Präsenz des Gaststars. "Stoiber ist Kult", sagt die Chefin der Jungen Union Bayern, Katrin Albsteiger, nach der Veranstaltung. Stoiber selbst gab seinen Leuten in seiner Rede mit auf den Weg, man müsse den Menschen die Werte der CSU wieder "emotional nahelegen". Und fügte hinzu: "Wir müssen wieder so werden, wie wir einmal waren."

Man kann es auch so verstehen: Wie die CSU unter seiner Führung einmal war.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Narrenzeit !
Regulisssima 22.02.2012
Stoiber hat die Verdummung, wenn nicht Schlimmeres, von vielen Milliarden öffentlicher Gelder zu verantworten und die Narren jubeln ihm zu.
2. ------------------------------------------------
KaWiDu 22.02.2012
Zitat von sysopDPA"Stoiber ist Kult", schwärmen seine Anhänger. Der CSU-Veteran feierte beim Politischen Aschermittwoch in Passau sein Comeback - obwohl der 70-Jährige gar nicht aktiv in die Politik zurückkehren will. Gastgeber Seehofer hatte es gegen den Glanzauftritt der Partei-Ikone schwer. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816960,00.html
Ja, gerade weil er nicht zurückkehren will. Ich juble auch, wenn ich Katastrophen überstanden habe. Aber ich muss ja eins zugeben: Kult ist er schon. Er hat unser Land bereichert um Problembären, den amerikanischen Präsidenten Breschnew und das Sprühen in die gludernde Lot ... und das alles in 10 Minuten. Nur das Hinrichten der Blumen war mir echt zu brutal, das zeugt von wenig Rücksicht auf die deutsche Geschichte.
3. Gratuliere!
Europa! 22.02.2012
Zitat von sysopDPA"Stoiber ist Kult", schwärmen seine Anhänger. Der CSU-Veteran feierte beim Politischen Aschermittwoch in Passau sein Comeback - obwohl der 70-Jährige gar nicht aktiv in die Politik zurückkehren will. Gastgeber Seehofer hatte es gegen den Glanzauftritt der Partei-Ikone schwer. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816960,00.html
Stoiber hat eine tolle Rede gehalten, die gut zur Rolle Deutschlands in Europa passt. Er hat sich dem Publikum nicht mit populistischen Parolen anzupassen versucht, sondern echte Führungsstärke gezeigt. Der gewaltige, spontane Beifall war hochverdient. Wahrscheinlich hätten die begeisterten Zuhörer lieber die Bayernhymne gesungen, aber "So ein Tag, so wunderschön wie heute" ist halt einfacher.
4. Kult
t.h.wolff 22.02.2012
"Kult" oder "Camp" zu sein ist ja nun nicht unbedingt ein Lob. Plateausohlen und Minipli sind auch Kult. Da ist der Weg zur singenden Herrentorte nicht weit.
5. "Auf Deutschland komme es an, wenn man Europa zusammenhalten wolle" Zitat
biwak 22.02.2012
Kann man wirklich mit so einer simplen Phrase Leute begeistern? Andererseits hat er recht. Man braucht immer einen Dummen der die Rechnung bezahlt.
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