#SheToo Kann eine Frau einen Mann vergewaltigen?

Die Schauspielerin Asia Argento soll einen 17-Jährigen sexuell missbraucht haben. Die Initiatoren der Geschlechterdebatte holt ihr Versäumnis ein, nicht zwischen Ernsthaftem und Infantilem unterschieden zu haben.

Asia Argento
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Asia Argento

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Zwei tonangebende Gruppen hatten keine gute Woche. Donald Trump und seine Unterstützer mussten zur Kenntnis nehmen, dass sich die Justiz nicht von Twitter-Drohungen beeindrucken lässt. Und die berühmte #MeToo-Bewegung hat eine ihrer Heldinnen verloren. Eine Frau, die im Verdacht steht, einen wehrlosen Jungen zum Sex genötigt zu haben, ist kein passendes Aushängeschild, wenn man gegen sexuelle Gewalt zu Felde zieht.

Wie viele andere Leser habe ich den Fall der Schauspielerin Asia Argento mit Spannung verfolgt. Argento ist ja nicht irgendein Hollywoodstar, sondern die Frau, die mit ihren Anschuldigungen die Ermittlungen gegen Harvey Weinstein ins Rollen brachte. Wie würde also die Antwort der #MeToo-Gemeinde ausfallen? "Be gentle", schrieb Rose McGowan, eine andere Schauspielerin aus dem Kreis der Weinstein-Anklägerinnen in einer ersten Reaktion. "Niemand von uns kennt die Wahrheit."

"Be gentle", "seid milde" - das hat mir gefallen. Wenn ich mich richtig erinnere, ist Urteilsschüchternheit ja genau das Prinzip, das #MeToo bekannt gemacht hat.

Die Geschichte bietet sich für Scherze an, da sei mir dieser verziehen. In Wahrheit bin ich, was die Missbrauchsvorwürfe angeht, bei Argento und nicht bei dem jungen Mann, der einen sexuellen Angriff sowie Körperverletzung geltend macht. Feministinnen mögen mich für das, was ich jetzt schreibe, steinigen: Aber für mich macht es einen Unterschied, ob sich ein Mann über eine Frau hermacht - oder eine Frau über einen Mann. Ich weiß, es ist nicht korrekt, so etwas zu sagen. Die neuen Geschlechtergesetze verlangen, dass man jede Form eines sexuellen Übergriffs gleichermaßen geißelt.

So wie der inzwischen 22-jährige Jimmy Bennett die Begegnung mit Argento schildert, haben sich die zwei vor fünf Jahren in einem Hotel im kalifornischen Marina del Rey getroffen. Es gab ein paar Drinks, dann landete man im Hotelzimmer, wo Argento dem Jungen angeblich einen Blowjob verpasste, bevor sie sich auf ihn legte und es zu weiteren sexuellen Handlungen kam.

Wir reden nicht von einem Kind

Ich kann mir nicht helfen, aber das erste, was ich dachte, als ich die Schilderung der Ereignisse las, die nun als gravierender Missbrauchsfall gelten, war: Und dafür hat der Junge im Nachhinein Entschädigung verlangt? Die meisten 17-Jährigen würden es als Glücksfall empfinden, wenn sie eine ältere Frau von den hormonellen Verstörungen befreien würde, die mit der Spätpubertät einhergehen.

Wir reden hier nicht von einem Kind. Wir reden von einem Fast-Erwachsenen, also jemandem, der in Deutschland ganz legal Sex haben dürfte, auch mit jemand deutlich älterem. In Kalifornien liegt die Altersgrenze für Sex mit Erwachsenen bei 18 Jahren, womit die Anschuldigungen gegen Argento strafrechtlich relevant werden. In einer ersten Erklärung hat die Schauspielerin jedes Fehlverhalten bestritten. So wie Argento die Sache darstellt, ist es nie zu sexuellen Handlungen gekommen. Die 380.000 Dollar, die sie in einer außergerichtlichen Einigung an Bennet gezahlt hat, dienten demnach allein dem Zweck, einem emotional verwirrten Jungen in einer schwierigen Lage unter die Arme zu greifen.

Wenn mich die Geschichte mit einer gewissen Schadenfreude erfüllt, dann, weil sie zeigt, in welches Loch der Absurdität sich die #MeToo-Aktivisten manövriert haben. Auch wenn insgeheim unter der Annahme operiert wurde, dass Männer Täter seien und nicht Frauen, darf das Geschlecht offiziell selbstverständlich keine Rolle spielen.

Viele Mitstreiterinnen waren in den vergangenen Tagen deshalb zu erklären bemüht, dass es ja stets darum gegangen sei, grundsätzlich sexuelle Ausbeutungsverhältnisse offenzulegen, weshalb die Vorwürfe gegen Argento nur erneut die Dringlichkeit der Debatte zeigen würden. Weil dem Opfer in der Logik des Diskurses immer zu glauben ist, egal wie weit hergeholt die Leidensgeschichte auch klingen mag, ist die Antwort vieler Medien nun betretenes Schweigen. "Die Kommentar-Ausbeute in der gedruckten Presse ist sehr überschaubar und zurückhaltend", schrieb mir der Dokumentar, den ich gestern über eine Übersicht der Veröffentlichungen bat.

Wo alles gleichermaßen betroffen macht, ist auch alles gleichermaßen schnell wieder vergessen

Gemessen an dem Umfang der Berichterstattung hat die #MeToo-Debatte bemerkenswert wenig verändert, wie auch Feministinnen beklagen. Wenn man sich die Fälle ansieht, die Beachtung gefunden haben, dann muss man konstatieren, dass die Empörung über die ursprünglichen Tatorte, also das Mediengewerbe, den Kulturbetrieb und das Showgeschäft, nie wirklich hinaus gefunden hat. Ein Grund dafür ist aus meiner Sicht die Lebensfremdheit, die viele Beiträge durchzieht. Die meisten Menschen nehmen die Berichte aus der ihnen fremden Welt zur Kenntnis, so wie sie auch skurrile Nachrichten aus dem Vermischten zur Kenntnis nehmen, aber sie beziehen sie nicht auf sich selbst und die eigene Lebenssituation.

Ausweislich der Unterlagen, die der "New York Times" zugespielt wurden, hat Bennett vorgetragen, er sei von dem Tag im Hotelzimmer so nachhaltig verstört, dass er fortan kaum noch habe arbeiten können. Den entstandenen Schaden bezifferten seine Anwälte auf insgesamt 3,5 Millionen Dollar.

Das Kardinalproblem aller Hashtag-Debatten ist, dass es die einordnenden Stimmen versäumt haben, das Ernsthafte vom Infantilen zu trennen. Wo alles gleichermaßen betroffen macht, ist auch alles gleichermaßen schnell wieder vergessen.

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insgesamt 290 Beiträge
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Seite 1
inovatech 23.08.2018
1. Diese Frage
hat mich seit Beginn der neusten Causa Argento auch schon einmal beschäftigt. Meiner Meinung nach nicht - vor allem nicht bei Frau Argento ;)
ajantis 23.08.2018
2. wie bitte?
Der Artikel ist doch nicht ihr ernst oder? Allein schon die Überschrift .. Sie sollten dringend mal hier rein lesen http://www.spiegel.de/panorama/asia-argento-rechtspsychologin-spricht-im-interview-ueber-frauen-als-sexualtaeterinnen-a-1224162.html
kayakclc 23.08.2018
3. Täuschend Überschrift
Es geht bei vielen Beiträgen dieser Debatten nicht um Vergewaltung, sondern um den Graubereich der sexuellen Nötigung, und das Ausspielen von Macht von Vorgesetzen, oder einflussreichen Persönlichkeiten. Vergewaltung ist nur eine Extermform und daher ungeeignet selbst unter dem Gesichtspunkt der Poinierung. Die Antwort ist doch klar: Männer und Frauen können sich der sexuellen Nötigung schuldig machen. Um Vergewaltigung geht es nicht. Und genau das ist das ganze Problem, weil man sich hier leicht in Grauzonen bewegt, die om Zeitgeist abhängen. Ab wann wird einvernehmlicher Sex zur sexuellen Nötigung und ab wann wird es eine Vergewaltigung. Wir machen uns die Diskussion zu einfach, weil wir gerne in Schwarz-Weiss Kategorien denken wollen. Abgrenzungen sind schwierig, besonders im Zwischenmenschlichen, weil wir Verbal und non-verbal anders Kommunizieren.
sanfernando 23.08.2018
4. (Betrifft Jimmy, Stormy u.a.)
Müssen Schweigegelder in den USA eigentlich als Einkommen versteuert werden?
mcf75 23.08.2018
5. Ja und Nein
Die einen werden jetzt sagen: Altherrenphantasien. Im Prinzip weiß ich was Sie meinen, Herr Fleischhauer, bzgl. der Vorstellung eines 17jährigen via erfahrener Frau vom Hormonstau befreit zu werden. Dennoch glaube ich, dass Sie zu schlau sind, um nicht zu wissen, dass es eine abstrakte Ebene gibt, wonach ein 17-jähriger durchaus verstört werden könnte, wenn er von der Mutter eines Freundes bspw. auf mehr oder weniger drängende Weise vergewaltigt würde... Wohlwissend dass der Körper eines 17-jährigen Mannes auf Stimulation reagiert, im Gegensatz zu dem einer Frau. Nach dem Motto: wenn er eine Erektion hatte, kann es doch keine Vergewaltigung sein. Ggf. ist Vergewaltigung dann ein zu starkes Wort, eher Nötigung.
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