NPD-Demo gegen Flüchtlingsheim in Berlin Hetze im Namen des Volkes

Die Stimmung im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist aufgeheizt: Gegner und Anhänger des neuen Flüchtlingsheims stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch wenn die Gegendemonstranten in der Überzahl sind - die NPD schafft es dieses Mal, auch Anwohner für ihre Kundgebung zu mobilisieren.

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Berlin - Es ist das erste Mal, dass sie auf einer NPD-Veranstaltung ist. Das erste Mal, dass sie im September zur Wahl gehen wird, zwei Kreuze wird sie machen, beide für die Rechten. Sie ist 36 Jahre alt, alleinerziehende Mutter dreier Kinder. Und sie wohnt im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, in direkter Nachbarschaft zu dem neuen Asylbewerberheim, das seit Wochen für Proteste im Nordosten der Hauptstadt sorgt.

Heute hat sich die Frau, die anonym bleiben möchte, auf dem Alice-Salomon-Platz zu den rund 150 NPD-Leuten gestellt. Sie ist alleine gekommen, hat keine Freunde oder Bekannten in der Partei. "Aber sie sprechen mir aus der Seele", sagt sie. Sie warte schon lange auf einen Kita-Platz, die Flüchtlinge hätten binnen kürzester Zeit ihre Unterkunft bekommen.

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Neues Flüchtlingsheim in Berlin: NPD-Hetze im Namen des Volkes
"Eigentlich habe ich nichts gegen die Flüchtlinge", sagt sie. Dafür umso mehr gegen die Politiker, die sie nicht nach ihrer Meinung zum neuen Heim in der Carola-Neher-Straße gefragt hätten. Und gegen die Antifa. Seit Tagen harren die Mitglieder vor dem Heim aus, wollen Unterstützung anbieten für die Menschen, die alles verloren haben und hier neu anfangen müssen. "Die haben mich auf offener Straße als Nazi-Schlampe beschimpft", sagt die 36-Jährige, die mit ihren Tattoos und Piercings auffällt. Sie habe ihren Siebenjährigen an der Hand gehabt und dem erstmal erklären müssen, was das sei, ein Nazi.

Die Probleme in Hellersdorf kommen den Rechtsextremisten in ihrem Wahlkampf gerade Recht, die NPD schürt seit Monaten gezielt die Angst vor den Flüchtlingen - und haben bei Menschen wie dieser Frau Erfolg.

"Das dürfen wir nicht zulassen"

Ihr gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stehen mehr als 700 Gegendemonstranten, Vertreter der Linkspartei, der SPD und der Jusos sind darunter, die Grünen. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Diesmal sind es rund 400 Polizisten, bei der letzten Demo war die Polizei mit 250 Beamten im Einsatz. Diesmal ist es überwiegend ruhig, es gibt nur vereinzelt Festnahmen.

Noch am Dienstag war ein Beamter schwer verletzt worden. Einer der Gegendemonstranten hatte ihm eine Flasche ins Gesicht geschlagen. Der Mann, der laut Polizeisprecher Stefan Redlich schon mehr als 30 Jahre lang im Einsatz ist, kommt am Montag ins Krankenhaus. Sein Jochbein wurde mehrfach gebrochen, der Mann droht demnach zu erblinden.

Wenige Meter weiter bei den Gegendemonstranten steht Renate Künast. Gerade hier in Hellersdorf sei es wichtig, sein Gesicht zu zeigen, sagt die Grünen-Fraktionschefin. Den Rechten zu zeigen, dass sie hier keinen Platz haben. "Die machen Stimmung gegen Flüchtlinge, das dürfen wir nicht zulassen." Es sei extrem gefährlich, dass die Parolen der Rechtsextremen so weit in der Bevölkerung verbreitet werden, sagte Künast. Deshalb sei der Gegendruck so wichtig.

Petra Pau von der Linkspartei kennt die Menschen in Hellersdorf, es ist ihr Wahlkreis, sie wurde direkt gewählt. Pau wünscht sich für die Anwohner und die Flüchtlinge in der Carola-Neher-Straße vor allem eins: Ruhe. Die Demonstrationen direkt vor der Haustür würden dafür sorgen, dass kein Alltag einkehren kann, sagt sie.

Inzwischen könnten sich die Asylbewerber vor Hilfsangeboten der Anwohner kaum retten, erzählt die Linkspolitikerin. Decken, Spielzeuge, Kleidung. Nach den Medienberichten über die Fremdenfeindlichkeit in Marzahn-Hellersdorf hätten sich viele Anwohner in eine rechte Ecke gedrängt gefühlt. Mit den Ängsten der Menschen dürfe kein Wahlkampf gemacht werden, warnt Pau.

NPD-Landeschef gibt den Kümmerer

Genau das macht die NPD. Für die Demo auf dem Alice-Salomon-Platz hat sie extra die Route für ihren Bundestagswahlkampf geändert, auch Größen der Partei wie der langjährige Ex-Vorsitzende Udo Voigt sind gekommen. Als um 16.42 Uhr der NPD-Bus um die Ecke biegt, Slogan: "Sicher leben: Asylpolitik stoppen", wird er mit emporgereckten Mittelfingern und Buhrufen empfangen. Anders als am Dienstag, stehen die NPD-Anhänger nicht alleine da, auch Anwohner sind gekommen, um den Rednern Beifall zu klatschen.

"Es darf keine weitere Masseneinwanderung geben", ruft Ronny Zasowk, stellvertretender Landesvorsitzender der NPD Brandenburg, in das Mikrofon. Die NPD-Redner sind dieses Mal gut zu verstehen - auch wenn die Gegendemonstranten Lärm machen. Anscheinend haben die Rechtsextremen dieses Mal eine bessere Anlage dabei. Wie schon bei der Demo am vergangenen Dienstag schimpft Zasowk auf "Wohlstandsneger", redet sich in Rage, bis sein Kopf knallrot ist. "Wir werden so lange auf die Straße gehen, bis auch das letzte Asylheim geschlossen ist", brüllt er.

Im Vergleich dazu spielt der Berliner NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke den Besorgten, den Kümmerer. Dabei ist es der 28-Jährige, der seit Monaten mit zahlreichen Aktionen in den Bezirken der Hauptstadt gegen Asylbewerber hetzt."Wir helfen Ihnen", ruft Schmidtke den Hellersdorfer Bürgern zu, die gegen das Asylbewerberheim in ihrer Nachbarschaft sind.

Auch Maria Fank, seine Lebensgefährtin und Landesvorsitzende der NPD-Frauenorganisation Ring Nationaler Frauen, spricht minutenlang über die "wahren Interessen der Hellersdorfer". Die lägen demnach nicht darin, Asylbewerber in der Nachbarschaft zu haben. "Die wirklichen Flüchtlinge in Hellersdorf sind die Hellersdorfer selbst", sagt sie. Es gehe darum, sagt die 24-Jährige, "den armen, kleinen Kindern Schutz zu bieten und den armen Rentnern".

"Die armen Kinder", "die armen Rentner" - es sind Sätze wie diese, mit denen die Partei viele Menschen in Hellersdorf erreicht. Und die deshalb viel gefährlicher sind als die platten Hassreden.

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