Asylbewerberheime in Berlin Anfang mit Schrecken

Abrissreif und menschenunwürdig, so nennt der Flüchtlingsrat Berlin die Asyl-Erstaufnahmestelle im Industriegebiet Spandau. Seit Jahren gibt es Proteste gegen das hoffnungslos überfüllte Heim, Ende des Jahres soll es schließen. Es ist der Anfang von neuen Problemen.

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Berlin - Je näher man dem Ort kommt, diesem Flecken im Westen Berlins, desto grauer wird es. Zehn Minuten Fußmarsch sind es von der U-Bahnhaltestelle, durch Industriegebiet, vorbei an Fabrikschornsteinen und brachliegenden Firmengrundstücken. Hier wird gearbeitet, nicht gelebt. Das Ziel, das Gelände in der Motardstraße, ist umzäunt, Wachmänner überprüfen, wer hineingeht in diese Welt, die besteht aus sechs Containerbaracken und ein paar Parkbänken. Es ist ein Ort ohne Poesie.

Und die erste Anlaufstelle für Asylbewerber in Berlin.

Einige Bewohner werden von der Polizei hergebracht, fast alle sprechen kaum Deutsch, konnten den Beamten gerade noch sagen, warum sie in dieses fremde Land gekommen sind: "Asyl". Ein Wort, das nach besserem Leben klingt.

551 Menschen wohnen in der Asyl-Erstaufnahmestelle in der Motardstraße, 213 von ihnen sind Kinder. Ursprünglich hätten dort maximal 400 Flüchtlinge vorübergehend leben sollen, Familienmitgliedern stehen jeweils sechs Quadratmeter zu. Doch in der Not, mit der steigenden Anzahl an Asylbewerbern, wurde in den Containern Platz geschaffen, wo keiner war: Aus Büros wurden Wohnräume, zu drei Betten im Zimmer wurde ein viertes hinzugestellt. Drei Monate sollten die Asylbewerber maximal dort bleiben, in der Praxis sind es oft deutlich mehr.

So war es nicht geplant. Aber in der Motardstraße läuft schon seit Jahren wenig nach Plan.

Die Anlage sollte ursprünglich zehn Jahre genutzt werden. Mehr als 20 sind es geworden. Der Flüchtlingsrat Berlin protestiert seit Jahren gegen die Unterbringung der Asylbewerber in der Motardstraße. Im Internet wird die Einrichtung als "Ausreisezentrum" bezeichnet - durch die schlechten Lebensbedingungen sollten die Menschen dazu gebracht werden, freiwillig auszureisen, so der Vorwurf.

Eine Etage, drei Duschen, keine Tür

Der Kreisverband Berlin-Mitte der Arbeiterwohlfahrt (Awo) übernahm 1997 den Betrieb der Asyl-Erstaufnahmestelle, sie untersteht dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo). "Der Bedarf an Unterbringungsplätzen hat die ursprüngliche Planung überholt", sagt LAGeSo-Sprecherin Silvia Kostner. Also wurden weiter Flüchtlinge in die Motardstraße geschickt.

In Gebäude, in denen die Deckenplatten herunterkommen; in denen die Flure nach Großstadtunterführung stinken; in denen es pro Etage drei Duschen für Männer und drei für Frauen gibt, mit Plastikvorhängen statt Türen; in denen drei karge Mahlzeiten am Tag 8,21 Euro kosten dürfen; in denen es für Kinder zur Freizeitbeschäftigung geworden ist, mit Feuerlöschern zu spielen.

Abrissreif und menschenunwürdig, so nennt es der Flüchtlingsrat.

Jetzt soll Schluss damit sein. Die Firma Osram hat den Mietvertrag für das Gelände zum Ende des Jahres gekündigt. Doch das ist nur der Anfang von neuen Problemen.

In Berlin werden vom LAGeSo derzeit 6600 Asylbewerber untergebracht, in den vergangenen Wochen hat sich die Zahl stark erhöht. Die Flüchtlinge kommen vor allem aus Tschetschenien und aus Syrien. "Bis zum Jahresende wird Berlin mindestens tausend weitere Plätze benötigen", sagt Kostner. Wo diese Plätze herkommen sollen, ist noch nicht geklärt. Und auch nicht, wohin die knapp 600 Bewohner aus der Motardstraße ziehen sollen.

"Sammelunterkünfte sind stigmatisierend"

Das LAGeSo prüft eigenen Angaben zufolge derzeit mehrere Objekte in der Stadt: Können die Räume kurzfristig und mit geringem finanziellen Aufwand als Schlafplätze hergerichtet werden? Gibt es eine gute Verkehrsanbindung? Ist der Brandschutz gegeben?

Im Herbst soll ein neues Heim in Neukölln gebaut werden, sagt Kostner. Aber dort werden maximal 400 Menschen Platz haben. "Sammelunterkünfte sind stigmatisierend", sagt der Sprecher des Berliner Flüchtlingsrats, Georg Classen. Er will die Asylbewerber am liebsten in Wohnungen unterbringen. Das sei im Endeffekt nicht nur kostengünstiger, sondern beuge auch den Protesten in der Bevölkerung vor. Protesten wie in Berlin-Hellersdorf.

Sorge vor rechten Protesten

Mitte August sind die ersten Flüchtlinge in das neue Asylbewerberheim im Nordwesten der Stadt gezogen, 86 von ihnen wurden aus der Motardstraße in das Plattenbauviertel gebracht. Die Fotos von ihrer Ankunft in der Carola-Neher-Straße gingen um die Welt: Zu sehen waren Anwohner, die rechte Parolen grölten und ihre neuen Nachbarn mit Hitlergruß in Empfang nahmen.

Schon Wochen zuvor hatten Rechte Stimmung gegen das Heim gemacht, unter anderem durch eine vermeintliche Bürgerinitiative. "Hier ist der Verfassungsschutz gefragt", sagt Classen. "Er muss die Öffentlichkeit darüber aufklären, wer genau hinter solchen Initiativen steckt."

Nur ein paar Stunden nach ihrem Einzug in die Carola-Neher-Straße sind sechs Männer wieder zurück nach Spandau geflüchtet, sie haben es in Hellersdorf nicht ausgehalten, sind bespuckt und mit einer Flasche beworfen worden. "Ich bin aus dem Irak geflüchtet, weil ich dort angegriffen wurde. Jetzt erlebe ich das wieder", sagte einer der Männer zu dem Vorsitzenden der Awo-Mitte, Manfred Nowak.

Auch vor dem Heim in der Motardstraße gab es seinen Angaben zufolge schon Proteste. Allerdings nicht von Rechten. Sondern von Flüchtlingsorganisationen, die gegen die Zustände in der Unterkunft demonstrierten.

"Wir freuen uns, dass diese Unterkunft endlich geschlossen wird", sagt Classen. Es sei der einzige Standort in Berlin, den der Flüchtlingsrat ablehne. Doch jetzt müsse das LAGeSo handeln, um neue Unterkünfte zu finden. Schnell.

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