Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Syrer in Deutschland: Politiker fordern mehr Hilfe für Flüchtlinge

Syrische Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager (Archiv): Rund 4000 Flüchtlinge bislang in Deutschland angekommen Zur Großansicht
DPA

Syrische Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager (Archiv): Rund 4000 Flüchtlinge bislang in Deutschland angekommen

10.000 syrische Flüchtlinge wollte Deutschland aufnehmen, bislang ist nicht einmal die Hälfte angekommen. Politiker fordern jetzt: schnelle Hilfe ohne viel Bürokratie - für so viele Syrer wie möglich.

Berlin/Nürnberg - Seit fast drei Jahren herrscht Krieg in Syrien, Millionen Menschen sind auf der Flucht - 10.000 von ihnen wollte Deutschland aufnehmen. Das versprachen die Innenminister von Bund und Ländern im vergangenen Jahr. Etwa 4000 sind bislang in Deutschland angekommen. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer (SPD), forderte nun: "Wenn man den Menschen wirklich helfen will, dann muss es schnell und unbürokratisch gehen. Da können wir viel besser werden", das sagte er dem ZDF-Nachrichtenportal heute.de. Er verlangte zudem, dass weitere Flüchtlinge einreisen dürfen; er halte nichts davon, die Zahl der Flüchtlinge zu begrenzen.

Auch die Grünen und die evangelische und katholische Kirche stimmten ein. So sagte die Grünen-Politikerin Claudia Roth der "Frankfurter Rundschau": "Deutschland muss dringend ein weitaus größeres Kontingent zur Aufnahme von syrischen Flüchtlingen genehmigen." Es könne nicht sein, "dass Europa auf die Flüchtlingstragödien an seinen Außengrenzen mit Abschottung und Ausweisung reagiert und den Tod von Tausenden Menschen billigend in Kauf nimmt". Roth forderte auch einen leichteren Familiennachzug für in Deutschland lebende Syrer.

Evangelische und katholische Bischöfe riefen am Osterwochenende zu einem menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen auf. So appellierte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck an die Hilfsbereitschaft der Deutschen: "So vielfältig die Gründe sind, warum Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen, so vielfältig sind auch die Gründe, warum wir hierzulande neu lernen müssen, gastfreundlich zu sein", mahnte er in seiner Osterpredigt in Essen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx, sagte am Gründonnerstag, die europäischen Grenzen dürften "nicht zu einer Todesfalle" für Flüchtlinge werden. Auch Papst Franziskus hatte in seiner Ostermesse gesagt: In Syrien werde schon "allzu lange" auf Frieden gewartet.

Starker Zustrom von Asylsuchenden

Im vergangenen Jahr war die Zahl der Asylanträge mit rund 127.000 auf den höchsten Wert seit 14 Jahren gestiegen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres stellten nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge insgesamt 37.820 Menschen einen Asylantrag. Das waren 75,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, allerdings rund 2600 weniger als im letzten Quartal 2013.

Die meisten Flüchtlinge - rund 5500 - kamen aus Syrien, gefolgt von Serbien, Albanien, Afghanistan, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien. Von fast 22.000 Antragstellern aus Bosnien, Mazedonien und Serbien waren 2013 nach SPIEGEL-Informationen nur 60 erfolgreich.

Das Bundesinnenministerium will nach Informationen des SPIEGEL die hohe Zahl der Asylanträge von Bürgern aus Balkan-Ländern eindämmen. Die Staaten Albanien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und Serbien sollen demnach künftig als "sichere Herkunftsstaaten" eingestuft werden. Dies würde ein verkürztes Asylverfahren und schnellere Abschiebungen ermöglichen, nach dem Wunsch von Minister Thomas de Maizière soll das am 30. April beschlossen werden.


Sie erlebten, wie Verwandte verschleppt oder Nachbarn erschossen wurden - nun wohnen sie in Deutschland. Doch hier werden die syrischen Flüchtlinge von den Behörden mit ihren Problemen alleingelassen, viele sind schwer traumatisiert. Fünf Flüchtlinge erzählen ihr Schicksal.

Syrische Flüchtlinge
SPIEGEL ONLINE
"Ich kann nicht mehr zurück"

Mutas al-Siab, 24 Jahre, aus Damaskus: Wenn Mutas al-Siab, 24, von seiner Heimat erzählt, überschlagen sich die Worte. Niemand habe sich vor dem Militärdienst drücken können. Wer nein sagte, wurde erschossen. Auch sein Cousin war bei der Truppe, hat Demonstranten verprügelt - gegen seine Überzeugung.

Mutas selbst konnte den Kriegsdienst vor sich her schieben – weil er studierte. Als Krankenpfleger arbeitete er tagsüber in einem Hospital, in dem er verletzte Demonstranten nicht behandeln durfte. Helfen konnte er nachts. Dann kümmerten sich Mediziner in der provisorischen Klinik um Gewaltopfer. Normale Menschen, denen von Raketen Hände oder Füße abgerissen wurden. Dass Mutas seinen echten Namen nennt, hat einen Grund: "Ich kann nicht mehr zurück, ich möchte auch nicht mehr." Dann fängt er an zu weinen. Mit zitternden Händen hält er sein Handy, zeigt ein Foto. "Mein Bruder musste sterben, weil sie mich gesucht haben." Der zwei Jahre jüngere Omar wurde festgenommen. Später steht auf der Sterbeurkunde, er sei an einer Hautkrankheit gestorben.

Wenn Machthaber Baschar al-Assad das Land verließe, wäre das Problem schon halb gelöst, sagt Mutas. Dann müssten sich alle, die getötet haben, verantworten. "Hier in Deutschland will ich Medizin studieren", sagt er. "Dadurch werde ich all das Elend, das ich gesehen habe, vergessen."

Moutaz Al-Zyab
"Frauen haben hier Rechte"

Doaa S., 23 Jahre, aus Damaskus: Als sie in Saudi-Arabien Zahnmedizin studierte, war die Welt für Doaa S. noch in Ordnung. Doch dann wurde ihr Vater krank, sie musste nach Damaskus zurückkehren. In Syrien durfte die 23-Jährige nicht mehr studieren und musste beobachten, wie friedliche Demonstranten vor der Hochschule von der Polizei abtransportiert wurden. Als sie zur Beerdigung ihres Großvaters gehen wollte, geriet sie in eine Straßenschlacht. "Die Soldaten haben wahllos in die Menge geschossen", sagt sie. "So etwas habe ich da zum ersten Mal gesehen." Trotz Angst vor Mord und Vergewaltigung wollten sie und ihre Schwestern bleiben.

Bis sie ein Fest im Nachbardorf besuchten – und dort Bomben fielen. "Wir haben uns sofort ins Auto gesetzt und sind losgefahren", sagt Doaa. Überstürzt, über die Grenze in den Libanon. "Wir sind ohne Licht gefahren, damit der Feind uns nicht sehen kann." Zu zehnt hätten sie sich in dem Auto gestapelt, sagt sie. Offiziell – mit Ausreisestempel – konnte sie die Grenze passieren. Ihr Mann wählte einen anderen Grenzposten, konnte eine Wache bestechen.

"Hier in Deutschland herrscht Ordnung", sagt Doaa und lächelt. Ihre Augen strahlen, trotz der Ringe darunter. "Frauen haben hier Rechte." Zurück nach Syrien? Nein, das will sie nicht.

SPIEGEL ONLINE
"Die schneiden allen die Köpfe ab"

Tarik H., 14 Jahre, aus Idlib: "Ich weiß alles über Deutschland", sagt Tarik und lacht. "Die Fahrräder haben hier eigene Wege", sagt er. Taxifahren ist in Deutschland viel teurer als in Syrien, hat ihm sein Vater, der Taxifahrer, erzählt. Und Borussia Dortmund kennt Tarik sowieso. Fußball hat er in seiner Heimatstadt Idlib jeden Tag gespielt. So oft es eben ging, erzählt er und kaut an den Fingernägeln. Auch in Bramsche trägt er Jogginghose und Sportschuhe. Draußen kicken schon die anderen Jungs.

Die Schule musste er nach der fünften Klasse abbrechen. Da wurde das Gebäude wegen der Aufstände geschlossen. Zuletzt hat er Schüsse und Bomben um sich herum gehört. Jeden Tag. Die Häuser wurden vom Militär nach Waffen durchsucht. Er hat sich dann versteckt.

Als er elf oder zwölf Jahre alt war – da sind sein Bruder Saddam und er sich nicht ganz einig –, floh Tarik mit seiner Familie in den Libanon. Das Haus, in dem er bis dahin gelebt hat, ist zerstört. Jetzt will er richtig Deutsch lernen und studieren, sagt Tarik – und fängt an zu weinen. Einfach so. Sein großer Bruder umarmt ihn und erzählt von seinen Erlebnissen. Als er vom Assad-Regime berichtet, ruft Tarik: "Die schneiden allen die Köpfe ab." Das habe er im Fernsehen gesehen. Dann sagt der Junge gar nichts mehr.

REUTERS
"Keine Freiheit, keine Bildung, nur Korruption"

Saddam Hariri, 25 Jahre, aus Idlib: "In Syrien heißt es immer nur: Assad, Assad, Assad", sagt Saddam Hariri und schüttelt den Kopf. "In meinem Land gibt es keine Freiheit, keine Bildung, nur Korruption." Deswegen hat der 25-Jährige auch in Aleppo demonstriert. "Erst haben sie nur mit Gummigeschossen auf uns gezielt, später dann mit echten Kugeln." Bis 2011 studierte er Lebensmittelwissenschaft, dann haben Polizei und Militärs die Universität gestürmt. Nur fünf Prozent der Studenten durften blieben: "Die, die der Regierung wohlgesonnen waren", sagt Saddam, zuckt mit den Schultern. Er hingegen sah draußen, wie Studenten niedergeknüppelt wurden und starben. Zwei Tage verbrachte er im Gefängnis, mit hundert Leuten in einen Raum. Der Geruch hat ihn krank gemacht, sagt Saddam. Doch er kam schnell wieder frei.

Über Deutschland wusste Saddam bis zu seiner Flucht noch nichts. "Aber solche Gelegenheiten muss man ergreifen", sagt er. Nun hofft er, dass er sein Studium in dem Bundesland, dem er zugeteilt wird, auch fortsetzen darf.

Die Situation in Syrien ist noch schlimmer geworden. Das berichten seine Freunde, die noch in Aleppo sind. Eine halbe Stunde am Tag kann Saddam sie auf Facebook erreichen. Immer dann, wenn es dort Strom gibt. Er würde sie gerne alle nach Deutschland holen: "Aber das ist wohl unmöglich."

SPIEGEL ONLINE
Panische Suche nach dem Sohn

Samir O., 60 Jahre, aus Homs: "Das Syrien, das ich kenne, gibt es nicht mehr", sagt Samir O. Im Stadtteil Baba Amr hat der muslimische Sunnit friedlich mit Christen und Alawiten gewohnt. Gemeinsam haben sie Feste gefeiert. "Jetzt sind alle geflohen oder tot." Wenn er an die ersten Demonstrationen in Homs denkt, lächelt der Buchdrucker. Damals glaubte er noch an den Erfolg der arabischen Revolution. Baba Amr gilt als Hochburg der Aufständischen. Samir aber hat sich herausgehalten. Eines Tages sei einer seiner drei Söhne ohne erkennbaren Grund von Paramilitärs entführt worden. Erst nach Tagen kam er frei. Dann erschossen Rebellen Samirs Nachbarn, einen Kommandanten der Armee. Da wusste Samir, dass er fliehen musste. Für 300 Dollar kamen er und seine libanesische Frau über die Grenze bis nach Beirut.

Sein Zuhause, das weiß er, ist zerstört. Die Söhne sind in den Nachbarländern Syriens untergekommen. Im Gegensatz zu seinen Neffen, die vom Geheimdienst verschleppt wurden. Drei Freunde seiner Söhne hat das Regime getötet.

"40 Jahre lang habe ich Steuern für ein starkes Militär gezahlt", sagt er. "Jetzt haben sie mit meinem Geld auf das Volk geschossen." Sollte Syrien zum Rechtstaat zurückfinden, käme auch er wieder. Doch solange Baschar al-Assad an der Macht ist, will der 60-Jährige in Deutschland bleiben. Bei seiner Tochter, die seit zehn Jahren in Osnabrück lebt.

fln/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Komisch...
denkdochmalmit 20.04.2014
...Politiker fordern mehr Hilfe für Flüchtlinge ! In den Städten stehen die Flüchtlingsunterkünfte dann aber nie in den Wohngegenden in denen die Politiker zu wohnen pflegen! Wer erkennt den Widerspruch???
2. Und was tut die Politik
Mannheimer011 20.04.2014
Sie streut Nebelkerzen. Die Menschen in Deutschland haben nichts gegen "echte" Flüchtlinge. Die zunehmende Flüchtlingszahl an Wirtschalftsflüchtlingen vom Balkan und aus Afrika sorgt früher oder später für grosse Probleme und senkt die Toleranz gegenüber allen Flüchtingen.
3. Frage:
Zickenschulze 20.04.2014
Von wem fordern Politiker mehr Hilfe? A: von sich selbst - wäre im Ordnung, B: vom Steuerzahler - den sollte man doch weinigstens vorher fragen, oder? Gilt übrigens für alle Forderungen unserer Politiker. Es wäre doch eine wahrhaft demokratische Geste, die Menschen vorher zu fragen, deren Geld man für irgendwas benötigt.
4. mehr aufnehmen!
ziegenzuechter 20.04.2014
Zitat von sysopDPA10.000 syrische Flüchtlinge wollte Deutschland aufnehmen, bislang ist nicht einmal die Hälfte angekommen. Politiker fordern jetzt: schnelle Hilfe ohne viel Bürokratie - für so viele Syrer wie möglich. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/asyl-fuer-syrische-fluechtlinge-politiker-wollen-mehr-ins-land-lassen-a-965341.html
deutschland muss mindestens 500000 syrer aufnehmen. diese menschen haben in syrien in einem aufstrebenden land ohne hunger und verfolgung gelebt, bis der krieg von fremden maechten vom zaun gebrochen wurde.
5. Als Politiker ungeeignet
ditor 20.04.2014
Wer als Politiker fordert dass etwas unbürokratisch vor sich gehen soll was mit Geld zu tun hat ist für den Job komplett ungeeignet. "Unbürokratisch" hört sich zwar erst mal gut an, heißt in letzter Konsequenz aber dass man nicht nachverfolgbare Geldströme fordert. Mit Verlaub, ich möchte wissen wo mein Geld landet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Grafik

Fotostrecke
Trip nach Europa: Flüchtlingstreck aus Afrika

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite


Fotostrecke
Syrien: Der vergessene Krieg

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: