Neues Flüchtlingsheim Zweite Chance für Hoyerswerda

Hoyerswerda gilt als Symbol für Gewalt gegen Ausländer, die Pogrome der frühen neunziger Jahre wirken bis heute nach. Nun bekommt die sächsische Stadt ein neues Asylbewerberheim. Politik und Bürger wollen alles besser machen.

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Hamburg - Es waren fünf lange Terrornächte damals im September 1991. Eine Horde Rechtsradikaler - ausgerüstet mit Molotowcocktails, Leuchtspurmunition und Steinen - griff Asylbewerberunterkünfte im sächsischen Hoyerswerda an. Die jungen Männer waren voller Hass. In den Häusern saßen verängstigte Menschen aus Mosambik, Vietnam, Rumänien.

Draußen schauten Bürger der Stadt zu, wie die Gewalt eskalierte. Manche applaudierten den Schlägern. Die Polizei bekam die Situation nicht in den Griff, am Ende räumten die Beamten das Asylbewerberheim und brachten die Bewohner aus der Stadt.

Was in Hoyerswerda begann, war ein Gewaltausbruch gegen alles Fremde, der sich während der neunziger Jahre in Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln fortsetzte.

Ein neues Asylbewerberheim für Hoyerswerda

Inzwischen sind 23 Jahre vergangen. Nun bekommt Hoyerswerda wieder ein Asylbewerberheim. Eine Förderschule, die im vergangenen Jahr geschlossen wurde, wird derzeit umgebaut. Vermutlich ab Ende Januar ziehen die ersten Flüchtlinge ein.

Politiker und engagierte Bürger bemühen sich, dieses Mal vieles besser zu machen. Leicht wird das nicht, Deutschland erlebt derzeit einen Flüchtlingszustrom wie seit den neunziger Jahren nicht mehr. Wieder haben Menschen hierzulande Angst vor den Fremden.

Die NPD macht sich die Ressentiments zunutze:

  • Im ebenfalls in Sachsen liegenden Schneeberg organisierte sie im November und Dezember Demonstrationen gegen ein neues Erstaufnahmelager.
  • In Berlin-Hellersdorf hetzen die Rechtsradikalen seit vergangenem Sommer gegen ein Flüchtlingsheim.
  • Und auch in Hoyerswerda hat es begonnen. Der Verfassungsschutz bescheinigt der Stadt eine aktive Neonazi-Szene. Immer wieder sorgen Überfälle für Schlagzeilen. Die Facebook-Seite "Nein zum Heim in Hoyerswerda" hat bereits mehr als 2100 Likes. Die NPD verteilte Postwurfsendungen. In der Stadt pappen Fremdenfeinde Aufkleber an Wände und Laternenpfähle.

Aber die Schmähparolen hätten keine lange Verweildauer, sagt Jörg Michel vom Bündnis "Hoyerswerda hilft mit Herz". "Unsere Leute kratzen die ab und viele andere auch."

Der evangelische Pfarrer gehört zu den ersten Mitgliedern der Initiative, die sich im November gründete, nur Wochen nachdem die Nachricht vom neuen Asylbewerberheim in Hoyerswerda kursierte. Das Bündnis will hauptsächlich informieren - auf beiden Seiten. "Für die Flüchtlinge erarbeiten wir gerade einen Stadtplan in sechs Sprachen, damit die auch wissen, wo sie etwa die Polizei und wichtige Behörden finden."

Die Einwohner der Stadt können Newsletter beziehen, per Telefon Fragen stellen und nach dem Ende der Bauarbeiten an einem Tag der offenen Tür das Heim besichtigen. Michels Eindruck ist jedoch bisher, dass sich der Großteil der Bürger gar nicht für das neue Heim interessiert. "Die nehmen das zur Kenntnis und gehen wieder in ihren Schrebergarten."

Für den zuständigen Landkreis Bautzen spielte die Vergangenheit Hoyerswerdas bei der Standortauswahl keine Rolle. Andere Faktoren sind wichtiger: das Geld etwa. Dass die nicht mehr genutzte Schule dem Landkreis schon gehörte, sprach damit für sich. "Wir müssen die Menschen ja irgendwo unterbringen", sagt Gernot Schweitzer vom Landratsamt. Derzeit würden weitere Gebäude für Asylbewerberunterkünfte im Landkreis gesucht. So gut wie sicher sei schon ein Standort in Neukirch. "In Bautzen suchen wir noch."

Um Problemen vorzubeugen, setzt der Landkreis auf Aufklärung und Kontakt mit den Bürgern. "Wir brauchen jetzt eine gute Kommunikation." Die Bürger sollen sich anschauen können, wie die Asylbewerber künftig dort leben werden.

Pfarrer Michel hält ähnliche Ereignisse wie 1991 für ausgeschlossen. "Die Wirren der Wende waren damals groß, viele waren verunsichert, selbst die Polizei wusste nicht genau, welche Kompetenzen sie hatte." Vor allem habe es damals aber eine Sprachlosigkeit gegeben, die heute nicht mehr vorhanden sei. "Wir können heute ein anderes Gesicht von Hoyerswerda zeigen."



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