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Atomausstieg: Propheten der Angst

Ein Essay von Cora Stephan

Technische Pannen und Patzer in der Kommunikation - die Kernkraft wird zum Wahlkampfthema. Dabei wird wohl kaum ernsthaft über Sinn und Risiken der Technologie debattiert werden, denn alles, was "Atom" heißt, beschwört in diesem Land mächtige Feindbilder und Ängste herauf.

Mit der "Atomlobby" redet man nicht. Da könnte man sich auch gleich zur Teilnahme an einer Sitzung des Ku-Klux-Klan bekennen. Und wenn die deutsche Atomindustrie etwas von "Energiedialog" flötet, verschließt man sich besser die Ohren wie weiland Odysseus, man könnte ihrem Sirenengesang ja sonst erliegen. Als man kürzlich unter der Führung der Spitze der Grünen in Berlin gegen eine Tagung des Atomforums demonstrierte, hieß die Parole deshalb: "Eure Argumente bleiben drin!" Wo kämen wir denn hin, wenn die Betreiber von AKWs im Mutterland der Anti-Atomkraft-Bewegung nicht nur Argumente hätten, sondern sie auch noch zu Gehör bringen dürften?

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der Kuppel des AKW Unterweser: Alte Grabenkämpfe Zur Großansicht
ddp

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der Kuppel des AKW Unterweser: Alte Grabenkämpfe

Die Fronten sind seit Jahrzehnten festgestampft und im Niemandsland dazwischen spielen sich nur noch gewohnheitsmäßige Rituale ab. Wer sich seiner Sache gewiss ist, den erschüttert der Hinweis daher wenig, dass Deutschland mit seiner Angst vorm Atomstrom mittlerweile ziemlich allein dasteht. Ja, im Ausland lacht man über die deutsche Atomangst, spricht vom deutschen "Sonderweg", nennt es Doppelmoral, dass die Deutschen von Wind und Sonne und sonst gar nichts leben wollen, aber in der Zwischenzeit ihren Atomstrom aus Frankreich beziehen. Und Schweden ist Anfang des Jahres sogar aus dem Ausstieg ausgestiegen.

Na und? Wir lassen uns nicht verbiegen. Trotz ist deutsche Kernkompetenz. Weshalb uns auch die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen nicht schreckt. Schließlich haben wir einen Ex-Bundeskanzler bei Gazprom eingeschleust.

So viel zu den Chancen und Möglichkeiten eines Dialogs.

Allerdings haben diejenigen, die neuerdings den "Dialog" anbieten, in der Vergangenheit wirklich nicht gerade mit Kommunikationskompetenz geglänzt. So macht man es seinen Gegnern leicht.

Das Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle wartet schon seit Jahrzehnten auf eine seriöse Lösung. Das Krisenmanagement bei "Zwischenfällen" war bislang, höflich gesagt, bescheiden, was das Vertrauen in die Sicherheit des Atomstroms nicht gerade vergrößert hat. Auch dass man jahrelang nicht nur darauf verzichtete, intensiv nach Energiealternativen zu forschen, sondern solches nicht selten zu hintertreiben suchte, hat den Ruf nicht verbessert. Ihre Gegner nehmen den Energiemanagern jene "Energieverantwortung" nicht ab, von der man heute dort redet.

Abneigung gegen Technik ist weit verbreitet

Wenn tatsächlich etwas schiefläuft, forscht der redliche Ingenieur erst mal in aller Ruhe nach, was Sache ist, bevor er etwas sagt oder gar etwas erklärt. Das ist bei einem so schwierigen Thema wie der Atomenergie meist zu spät. Gelungenes Krisenmanagement sieht anders aus.

Gleichzeitig ist es mit der Sachlichkeit so eine Sache: Den einen ist sie heilig, den anderen bedeutet sie eine verkürzte Sicht auf die Welt. Viel mag an der Wurzel einer hierzulande weitverbreiteten Technikabneigung liegen - zuerst vielleicht die mangelnde Grundlagenerziehung in den Schulen. Sicher auch ein leiser Hang zum Esoterischen und Unerklärlichen, den viele lieben.

Wer in einem Kosmos lebt, in dem es nur Naturgesetze, technische Rationalität und unanfechtbare Logik gibt, hält wiederum alles für entbehrlich, was sich damit nicht erklären lässt: zuerst und vor allem Emotionen. Damit aber kommt man nicht mehr weit, seit Wirtschaftsgurus und Politiker die Macht der Gefühle erkannt haben. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren durften Politiker bei schwierigen politischen Entscheidungen ungestraft von "Sachzwängen" reden. Heute müssen sie ihr Publikum als erstes über ihre Gefühle dabei informieren.

Dem Klischee des profitorientierten Technokraten, der zur Not auch über Leichen geht, wie es bei vielen Atomkraftgegnern gepflegt wird, entspricht das Zerrbild von den "rückwärtsgewandten Spinnern" da draußen, das bei selbstbewussten Ingenieuren zu Hause ist, die wissen, dass bei ihnen alles sicher ist - was nur die irrationalen Chaoten nicht kapieren wollen, die Propheten der Angst, die rücksichtslosen Ideologen, die mit den Emotionen verunsicherter Bürger spielen.

Ja, die gibt es. Auch gibt es sicherlich ein politisches Interesse jener Partei, für die der Kampf gegen das Atom Alleinstellungsmerkmal und Gründungsmythos zugleich ist. Das heißt indes nicht, dass man Emotionen nicht ernst nehmen müsste. Auch das nicht Rationale muss verstanden werden, wenn man nicht möchte, dass es politische Prozesse dominiert.

Emotionen dominieren die Energiedebatte

Die Abneigung gegen alles, was mit "Atom" zu tun hat, ist auch in der - "bürgerlichen" - Mitte der Gesellschaft stark und fest verankert. Mag sein, dass sich mittlerweile die Jüngeren in diesen Fragen einen entspannten Pragmatismus leisten. Mag sein, dass man nur warten muss, bis die heute 30- bis 60-Jährigen ausgestorben sind, wie Zyniker meinen, bevor jener "Dialog" geführt werden kann, der es erlaubte, Energiepolitik mit allen möglichen und denkbaren Optionen zu diskutieren.

Mal abgesehen davon, dass das eine ziemlich unfreundliche Einschätzung menschlichen Lernvermögens ist - haben wir so viel Zeit? Nein. In diesem Land ist es dringend nötig, sich ein paar neue Gedanken zu machen, statt die alten Grabenkämpfe fortzuführen.

Doch die Emotionen, die hierzulande die Energiedebatte dominieren, wurzeln tief. Und vielleicht sind sie ein bisschen mehr als die bloße Eigenheit romantischer Spinner, für die uns unsere Nachbarn (noch immer) halten. Man muss gar nicht tief ins deutsche Gemüt hinabsteigen, um Gründe für das zu finden, was man um uns herum spöttelnd "German Angst" nennt. Vor allem der Kalte Krieg hatte verheerende Folgen für die Wahrnehmung der Deutschen in West wie Ost: Jahrelang war Gesamtdeutschlands Rolle im Fall der Fälle klar. Es war als Austragungsort eines atomaren Schlagabtauschs vorgesehen und deshalb ein sicherer Kandidat für die Vernichtung. Einige Generationen Deutscher sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass auch eine minderschwere Krise den Dritten Weltkrieg entzünden könnte. Die hysterische Ausprägung dieser Vorstellung buchstabierte sich ANGST und sah die Deutschen als Opfer. "Besuchen Sie Europa, solange es noch steht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 284 Beiträge
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1. lächerlicher Unsinn
systemfeind 11.07.2009
Zitat von sysopTechnische Pannen und Patzer in der Kommunikation - die Kernkraft wird zum Wahlkampfthema. Dabei wird wohl kaum ernsthaft über Sinn und Risiken der Technologie debattiert werden, denn alles, was "Atom" heißt, beschwört in diesem Land mächtige Feindbilder und Ängste herauf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,634844,00.html
es gibt keinen Atomausstieg . Begreift es endlich . Einen Reaktor kann man vom Netz nehmen aber erst nach mehreren Jahren der Nachkühlung abschalten . Warum sollte man funktionierende Reaktoren zurückbauen ? Es gibt keinen Grund . Sind tatsächlich Teile der Anlage defekt werden diese eben instandgesetzt . Ob Vattenfall nun Murks gebaut hat oder nicht ist für eine politische Entscheidung irrelevant ; sollte die Firma diese Technik nicht beherrschen übernimmt eben eine andere Betreibergesellschaft die Anlage .
2. Pro Atomstrom
malaki 11.07.2009
Zitat von sysopTechnische Pannen und Patzer in der Kommunikation - die Kernkraft wird zum Wahlkampfthema. Dabei wird wohl kaum ernsthaft über Sinn und Risiken der Technologie debattiert werden, denn alles, was "Atom" heißt, beschwört in diesem Land mächtige Feindbilder und Ängste herauf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,634844,00.html
Deutschland, bzw die Menschen sind nunmal eher technologiefeindlich. Alle haben angst das ein Atomkraftwerk explodiert, dabei ist es bei modernen Reaktoren garnicht mehr möglich, das es zur Kernschmelze kommt. Natürlich reicht das Uran auch nicht ewig und man hat das Problem der Endlagerung. Aber besser in 500Jahren fragen müssen: Verdammt wohin damit jetzt? (Menschen sind zwar dumm aber 500Jahre sollten reichen um eine Lösung für das Problem mit dem Uran im Keller zu finden), als CO2 Endlagerung direkt in der Atmosphäre.
3. so ein Quatsch
jayjay1982 11.07.2009
So etwas Nichtiges hat man ja schon lange nicht mehr gelesen. Wo sind sie denn die "Argumente" der Autorin? Außer der (Noch-) Nicht-Rentabilität von Windkraft und Sonnenenergie (was übrigens ebenfalls nicht für viel Technikzuversicht spricht), ist bei mir von neunmalklugen Belehrung nichts hängen geblieben. Die Einwände der Atomkraftgegner werden angesprochen - und ihnen nichts entgegengesetzt. Stichwort Tschernobyl: ich lebe zur Zeit in Kiew, nur ein paar km vom damaligen Katastrophenort entfernt. Ist es jetzt kopflose Panik und emotionsverwirrte Unvernunft, wenn ich meine, das könnte an einem ähnlichen Ort wieder passieren? Noch besser das Schlussargument, die Bekehrung der einstigen Atomkraftgegnerin. Exakt genau so könnte man eine Renaissance des Rechtsextremismus rechtfertigen - die weise Umkehr des ehmals linken Horst Mahler... Naja, hauptsache man hat einen Doktortitel. Viele Grüße aus Kiew
4. Wir (Deutschen) haben nun mal ein Problem:
Andreas Rolfes 11.07.2009
Unsere Vergangenheit, die auch noch weitere 924 Jahre unsere Zukunft bestimmen wird. Darum können oder wollen viele auch nicht in die Zukunft schauen, selbst wenn es um so zentral Fragen wie die Energieversorgung geht, mit der so gut wie alles steht und fällt in modernen Gesellschaften. Dabei wird am Ende des Textes ein schönes Beispiel aufgezeigt: Schickt alle Technikfeinde, Skeptiker und Schulklassen doch mal in Kernkraftwerke um sich ein Bild zu machen, ebenso wie alle hier schon mal in Gedenkstätten der jüngeren deutschen Vergangenheit geschickt wurden, um sich ein Bild zu machen. Vielleicht hilft es ja wirklich, die Leute positiver zu stimmen. Falls nicht, würde ich empfehlen: 7 Tage lang den Strom in ganz Deutschland abschalten. Mal sehen, ob einige dann immer noch glauben, der Strom kommt einfach so aus der Steckdose. Zudem hätte es sicher noch andere positive Nebenwirkungen: Da die Leute ja wieder Zeit hätten, könnten sie sich mal wieder mit sich selbst und ihren Liebsten beschäftigen. Und so dem demographischen Wandel entgegenwirken. ;)
5. ...
OlafKoeln, 11.07.2009
Zitat von sysopTechnische Pannen und Patzer in der Kommunikation - die Kernkraft wird zum Wahlkampfthema. Dabei wird wohl kaum ernsthaft über Sinn und Risiken der Technologie debattiert werden, denn alles, was "Atom" heißt, beschwört in diesem Land mächtige Feindbilder und Ängste herauf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,634844,00.html
Jedes AKW ist mit einer Haftpflicht von 2,5 Milliarden "abgesichert". Selbst der Bundeswirtschaftsministerium rechnet mit Ernstfall mit einem wirtschaftlichen Schaden von 5 Billionen (da läßt man das menschliche Leid schon unter den Tisch fallen). Jeder PKW ist heute mit rund 30 Millionen Haftpflichtversichert. Legen wir die gleichen Maßstäbe wie bei einem AKW an, dann würde auch hier eine Haftpflicht von 15.000 Euro reichen (eine offensichtlich lächerliche Größenordnung). Das Risiko des Betriebs von AKW's ist komplett sozialisiert, der Profit komplett privatisiert. Das keine Versicherer solch eine notwendige Versicherung übernimmt (auch nicht als Konsortium), ist schon Aussage genug. Die rechnen sich das Risiko nämlich nicht schön. Schon in den 70igern war bei den (Rück)Versicherern der Klimawandel ein großes Thema ... ihr Risiko berechnen sie schon sehr realistisch. Würde solch eine Versicherung dann in den Strompreis eingepreist werden, würde die Atom-KWh über 50Cent kosten ... das Märchen vom "billigen" Atomstrom wäre dann endlich vom Tisch. Ein AKW kann nie 100%ig sicher sein. Das Risiko ist nicht beherrschbar, auch ohne Terroristen, die möglichen Folgen dramatisch. Da braucht man eigentlich nicht einmal auf die Kleinigkeit fehlender Endlager, der ASSE-Katastrophe etc. hinweisen. Das einem da Angst und Bange wird, sollte eigentlich völlig normal sein.
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