Atompolitik Das Sterben der Kraftwerke beginnt

Für die deutschen Energiekonzerne sind die fetten Jahre vorbei: E.on und RWE schalten aus wirtschaftlichen Gründen die ersten Kraftwerke ab. Die Regierung schreibt sich das als Erfolg ihrer Atompolitik auf die Fahne.

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Hamburg - Es ist schon eine paradoxe Welt: Nicht der ökologische Gedanke, sondern der ökonomische zwingt die deutschen Energiekonzerne letztlich, Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. E.on schaltet Stade ein Jahr früher ab, als im Atomkonsens vereinbart - der veraltete Meiler rechnet sich schlichtweg nicht mehr. RWE verzichtet endgültig auf Mülheim-Kärlich. Beide Konzerne legen auch noch mehrere konventionelle Kraftwerke lahm.

AKW Stade: Wird in drei Jahren abgeschaltet
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AKW Stade: Wird in drei Jahren abgeschaltet

Der Grund sind Überkapazitäten auf dem Markt: Rund 10.000 Megawatt in Deutschland, europaweit sind es 40.000. Der niedrige Strompreis auf dem seit fast zwei Jahren freien Markt tut sein Übriges. Die einst monopolverwöhnten Konzerne müssen herbe Gewinneinbrüche hinnehmen.

Doch während nun in Deutschland nach jahrzehntelangem Streit die ersten Meiler vom Netz gehen, bauen unsere Nachbarstaaten munter weiter Atomkraftwerke - gerade erst am Montag wurde in Tschechien trotz heftiger Proteste aus Deutschland und Österreich das AKW Temelin angefahren. Und zumindest rein rechnerisch könnte der eine oder andere hierzulande seinen Frühstücks-Toast am Mittwoch - da wird die Kernspaltung erwartet - schon mit Energie aus Temelin bräunen: Der liberalisierte Strommarkt lässt die Konzerne europaweit Energie kaufen und verkaufen.

Deutschland ist mit gut einem Dutzend europäischer Länder im Geschäft: So etwa mit Österreich, der Schweiz und Frankreich - aber auch mit Polen und Tschechien. Und über Umwege gelangt auch Atomstrom aus Russland und der Ukraine nach Deutschland, produziert in AKW, die hierzulande nie eine Baugenehmigung bekommen hätten.

Dennoch feiert Rot-Grün die Ankündigungen von E.on und RWE als Erfolg ihrer Politik. "Der Atomkonsens zeigt Wirkung", sagte Bundesumweltminister Jürgen Trittin in Berlin. "Wenn einer der ältesten deutschen Reaktoren vom Netz geht, ist das ein Zugewinn von Sicherheit." Auch Bundeswirtschaftsminister Werner Müller lobte die Stilllegung des Kernkraftwerkes Stade als "Erfolg der gemeinsamen Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Stromwirtschaft". Diese Vereinbarung enthalte auch für die Stromwirtschaft günstige Aspekte. "Davon macht sie jetzt Gebrauch." Da Stade ein Jahr früher vom Netz gehe als vereinbart, könne der E.on-Konzern ein anderes Kernkraftwerk entsprechend länger laufen lassen. Müller warnte die Stromkonzerne allerdings davor, in Zukunft noch mehr Strom aus dem Ausland zu kaufen.

Der E.on Energie-Vorstandsvorsitzende Hans-Dieter Harig sorgt sich nun offenbar, dass der Schritt des Konzerns falsch verstanden wird. "Das ist kein Bauernopfer!" Er will das Aus für Stade auf keinen Fall als politisches Signal gewertet wissen, sondern als das, was es ist: eine rein ökonomische Entscheidung.



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