Atomtechnologie für Indien Merkel ist gegen eine schnelle Entscheidung

Die Atomvereinbarung der USA mit Indien hatte Bundeskanzlerin Merkel noch deutlich kritisiert. Beim Treffen mit Indiens Premierminister Singh sollte sie nun selbst Farbe bekennen - und setzte auf Zeit.  Ob Deutschland Indien als Atommacht anerkennen wird, ließ sie offen.


Hannover - "Das ist ein Prozess, in dem wir uns in der internationalen Gemeinschaft eine Meinung bilden wollen", sagte Bundeskanzerlin Angela Merkel (CDU) unmittelbar nach dem ersten Treffen mit Indiens Premierminister Manmohan Singh bei seinem Besuch in Hannover. Vor einer Entscheidung über die künftige deutsche Haltung wolle sie die Ratifizierung des US-indischen Atomvertrages abwarten.

Merkel und Singh: "Wir sind auf einem positiven Weg"
REUTERS

Merkel und Singh: "Wir sind auf einem positiven Weg"

Die USA hatten im März 2006 ein "historisches Abkommen" mit der Regierung in Dehli geschlossen. Danach wollen die USA nach mehr als 30-jährigem Boykott wieder Atomtechnologie und Nuklearmaterial zur zivilen Nutzung an Indien liefern. Der Vertrag muss noch den US-Kongress passieren. Merkel hatte im März daraufhin in einem längeren Telefonat mit Us-Präsident Bush Kritik an der Vereinbarung geübt.

Im Gespräch mit Singh ließ Merkel zwar keinen Zweifel daran, dass es vorerst nicht zu der von Indien gewünschten Lieferung von Technologie zur friedlichen Nutzung der Kernenergie aus Deutschland kommen werde, gleichzeitig betonte sie aber: "Wenn der Prozess so weiter geht wie bisher, glaube ich, dass wir dann auch unsere Kooperation im Bereich der zivilen Kernenergie intensivieren können. Wir sind auf einem positiven Weg." Dass Indien sich der Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen verpflichtet fühle, sei eine "sehr wichtige Aussage gewesen".

Der indische Ministerpräsidenten Singh betonte, Indien sei zwar dem Atomwaffensperrvertrag und dem Vertrag über den Stopp von Atomtests nicht beigetreten: "Aber beide Richtlinien werden eingehalten durch nationale Gesetze." Der indische Premier hatte im Vorfeld seines Deutschland-Besuchs die Hoffnung geäußert, Deutschland werde sein Land bei seinem zivilen Atomprogramm unterstützen.

Indien war infolge seines atomaren Rüstungswettlaufs mit dem Nachbarland Pakistan international in der Atompolitik in die Isolation geraten. Den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen hat Indien bislang nicht unterzeichnet. Gegen Indien waren nach Tests von Atombomben 1974 und 1998 Sanktionen verhängt worden.

Singh: Indiens bietet Riesenchancen für Investoren

Merkel und Singh vereinbarten die deutsch-indischen Beziehungen in der Energiepolitik zu intensivieren. Merkel sprach von einem "qualitativ neuen Schritt". So solle ein Deutsch-Indisches "Energieforum" eingerichtet werden. Dieses Forum soll sich mit strategischen Energieproblemen befassen, darunter mit Energiesicherheit, effizienter Energienutzung sowie der Förderung erneuerbarer Energien und umweltfreundlicher Technologien.

Singh betonte vor diesem Hintergrund, dass es in seinem Land Riesenchancen für deutsche Investoren gebe. Die Wirtschaft in Indien erlebe derzeit "eine historische Umwandlung", sagte Singh. Das eröffne auch für die Fortentwicklung der deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen ein großes Potenzial. Grob geschätzt könne Indien in den nächsten zehn Jahren etwa 150 Milliarden Dollar an Investitionen aufnehmen.

Indien ist bei der Hannover-Messe, die Singh und Merkel am Abend gemeinsam eröffneten, das Partnerland und einer der größten Aussteller. Insgesamt stellen auf der größten Industriemesse der Welt mehr als 5000 Firmen ihre Produkte vor, erwartet werden rund 150.000 Besucher.

fok/afp/Reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.