Attac-Kongress Dialektik des Erfolgs

Die Welt befindet sich in der größten Wirtschafts- und Finanzkrise seit den dreißiger Jahren. Aber diejenigen, die jahrelang die Exzesse der Finanzwelt angeprangert haben, profitieren kaum davon. Wie sich das ändern könnte, beraten Globalisierungskritiker beim Attac-Treffen in Berlin.

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Berlin - Das Attac-Jahrestreffen hat zwei Seiten: Zunächst sticht die schrille ins Auge - mit Parolen wie "Die Welt ist keine Ware" und Provokationen á la "Kapitalismus am Ende?" Beim Berliner Treffen der Globalisierungskritiker gibt es viele Phrasen, einen Hauch Revolution und vor allem: den großen Drang zur Inszenierung.

Attac-Kongress in Berlin: "Typische Medienwahrnehmung"
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Attac-Kongress in Berlin: "Typische Medienwahrnehmung"

Doch dann zeigt sich auch die nachdenkliche Seite der Bewegung - in unzähligen Debatten und Seminaren in den Hörsälen der Technischen Universität, die das diesjährige Jahrestreffen der prominentesten globalisierungskritischen Bewegung, eben Attac, beherbergt.

Die Ausgangslage ist dabei paradox: Die Welt befindet sich in der größten Wirtschafts- und Finanzkrise seit den dreißiger Jahren. Aber diejenigen, die jahrelang die Exzesse der Finanzwelt angeprangert haben, scheinen geradezu abgetaucht zu sein. Die Thesen von Attac sind Mainstream geworden - doch die Organisation selbst scheint davon nicht zu profitieren.

Eine "typische Medienwahrnehmung" sei das, winkt Pedram Shahyar ab. Der 35-Jährige sitzt in der "Attacafeteria" im Foyer der TU und erklärt im Schnelldurchlauf, wie Attac auf die Krise reagiert. Seit fünf Jahren ist Shahyar Mitglied im Koordinierungskreis, abgekürzt Ko-Kreis - einer Art Vorstand, der aber nicht so heißen darf, wegen der Ablehnung hierarchischer Strukturen bei Attac. "Wir gewinnen Mitglieder und Spender dazu, und in der Tagesschau waren wir so präsent wie lange nicht", sagt er. Allerdings gesteht er auch ein: "Es gibt eine Dialektik des Erfolges. Wir haben in Teilen unsere Stachelfunktion verloren."

Die Stars haben sich zurückgezogen

Für Kapitalismuskritiker sind dies merkwürdige Zeiten: Da verstaatlicht die Bundesregierung auf einmal Banken und schnürt riesige Rettungspakete. Oder wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" süffisant schreibt: "Auf einmal klingen Politiker, als wären sie bei Attac." Gründungsmitglied Peter Wahl sagt, dass die SPD beim Steinmeier-Steinbrück-Papier "viele Attac-Thesen abgeschrieben" habe.

Doch Peter Wahl sieht auch Anlass zur Selbstkritik. Mitte 2007 zog er sich gemeinsam mit Sven Giegold aus dem Ko-Kreis zurück. Beide waren die Stars einer Bewegung, die keine Stars wünscht. Giegold ist mittlerweile Kandidat der Grünen für das Europaparlament, Wahl wollte sich mehr auf seine Arbeit bei WEED konzentrieren, einer entwicklungspolitischen NGO. Er konstatiert: "Es gab einen Generationswechsel im Ko-Kreis, hinzu kommt, dass Personalisierung bei Attac verpönt ist. Dabei ist das heute unabdingbar."

Shahyar sieht das anders. Ohne Frage hätten Giegold und Wahl große Verdienste gehabt, doch ihre große Präsenz habe eben auch "einige eingeschüchtert".

Der 35-jährige Attac-Aktivist promoviert an der Universität Siegen. Das bezeichnende Thema: "Problem der Führung und Repräsentanz in sozialen Bewegungen". Er sagt: "Die Pluralität macht uns stark, jede strukturelle Verengung würde Attac kaputtmachen."

Ökos neben Anzugträgern

Unter den knapp 2000 Besuchern des Jahrestreffens zeigt sich diese Pluralität durchaus. Da gibt es die jugendlichen Ökos mit Dreadlocks und Gesundheitsschuhen, aber auch 60-jährige Anzugträger und Professoren. Shahyar selbst kommt aus der trotzkistischen Bewegung "Linksruck". Dort wurde er Anfang der neunziger Jahre politisiert, trat 2001 aber im Rahmen einer Spaltung aus. Shahyar spricht spöttisch über diese Zeit, wechselt aber rasch wieder auf die ernste Ebene.

Zentrales Ziel des Kongresses, sagt er, sei die Mobilisierung für anstehende Demonstrationen. Am 28. März ruft Attac in Berlin und Frankfurt am Main zu Großkundgebungen auf. Motto: "Wir zahlen nicht für eure Krise!" Erwartet werden jeweils deutlich mehr als 10.000 Menschen. Enttäuschung herrscht auf dem Kongress freilich darüber, dass die Gewerkschaften nicht ebenfalls zu dieser Demo aufrufen. Ver.di-Chef Frank Bsirske muss sich dafür am Freitagabend Buhrufe gefallen lassen.

Aber Attac will sich auch verstärkt in die Debatte um Auswege aus der Krise einmischen. "Wir brauchen eine neue Weltfinanzarchitektur, die auf globale Kooperation statt Wettbewerb der Nationen setzt", fordert Shahyar. Ob dies mit einem generellen Systemwechsel verbunden sein soll, ist innerhalb von Attac umstritten. Laut Wahl sind die Anhänger dieser Bewegung "nicht in der Mehrheit, aber auch keine versprengten Sektierer".

"Alles ganz schön kompliziert"

Eines wird deutlich beim dreitägigen Kongress: Trotz Festival-Atmosphäre und Turnhallen-Romantik sind die Attac-Anhänger nach Berlin gekommen, um etwas zu bewegen. Sie wollen nicht nur anklagen und sich im "Wir lagen schon immer richtig"-Gefühl sonnen. Statt dessen zeichnet die Globalisierungskritiker Idealismus wie Pragmatismus aus.

Leute wie Nuria Gaus etwa: Die 21-jährige Studentin ist alleine aus Halle gekommen, um "zu schauen, wie ich mich einbringen kann". Sie sei noch kein Mitglied, "aber auf dem Weg dazu", sagt sie. "Ich habe noch keine feste Meinung zu Attac, finde aber, dass es hier wirklich um die Sache geht, anders als in der Parteipolitik." Bei den Jusos war sie auch schon mal. Wie es dort war? Die Studentin verdreht die Augen.

Bei Attac gefällt es ihr besser, auch wenn "alles ganz schön kompliziert" sei. Die Podiumsdiskussion vorhin etwa. An den Namen kann sich die 21-Jährige nicht mehr erinnern, nur noch an die Nummer - "301". Erst der Blick ins Programm hilft weiter: "Armut und Reichtum - Arbeit und Prekarisierung. Die Ursachen und Folgen ungleicher Verteilung bei uns und global."



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