Attac und die Krise: High Noon für die Hedgefonds-Hasser

Von Torben Waleczek

Alarm schlagen ist ihr Geschäft: Ungezügelter Kapitalismus werde die Welt ins Unglück reißen, die Finanzwelt gehöre hart reguliert, warnen Globalisierungskritiker seit Jahren. Doch jetzt, da diese Sätze Allgemeingut sind, hadern sie noch immer mit ihrer Rolle - ein Besuch bei der Attac-Basis.

Bevor es losgeht mit dem Kampf gegen den entfesselten Kapitalismus, muss Silke Ötsch erst ein paar grundsätzliche Dinge erklären.

Wie ein Hedgefonds funktioniert.

Wozu Bad Banks eigentlich da sind.

Und was das mit der Schuldenbremse im Grundgesetz soll.

Attac-Besetzung der Deutschen Börse (im Oktober): Provokante Aktionen gegen die Finanzkrise - aber was bringt das wirklich?
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Attac-Besetzung der Deutschen Börse (im Oktober): Provokante Aktionen gegen die Finanzkrise - aber was bringt das wirklich?

Silke Ötsch gehört zum wissenschaftlichen Beirat der Organisation Attac. Sie hat Bücher über Wirtschaft geschrieben und kennt sich aus mit dem internationalen Finanzsystem. Jetzt ist sie in einer Waldorfschule in Köln, bei der "Aktionsakademie" von Attac, einem viertägigen Treffen der Globalisierungskritiker. Die Teilnehmer sollen in Seminaren fit gemacht werden für Aktionen und Proteste in Zeiten der Krise, die eigentlich gute Zeiten sein müssten für Attac.

15 junge Leute sitzen im Stuhlkreis und hören Silke Ötsch aufmerksam zu. Thema: "Argumentationstraining rund um das Thema Krise". Neumitglieder sollen lernen, wie man in der Fußgängerzone selbst renitente Neoliberale überzeugt. Ötsch erläutert das Wunschprogramm von Attac: mehr Transparenz bei der Vergabe von staatlichen Rettungsgeldern, Steueroasen austrocknen, eine einmalige Sonderabgabe für Reiche - vielleicht zwei Prozent des Vermögens, vielleicht fünf.

Das klingt nicht nach brennenden Barrikaden, auch nicht nach dem Ende des Kapitalismus. So ähnlich könnte es auch im SPD-Wahlprogramm stehen.

Einige Seminarteilnehmer haben sich offenbar mehr erhofft. Sie sagen, dass es den Leuten im Kapitalismus zwangsläufig immer schlechter geht. Ötsch sagt, dass es bald eine große Kampagne geben soll. Und wie erfolgreich Attac die Krise angeblich vorhergesagt hat: "Wir müssen uns darüber klar sein: Wir haben Recht behalten."

Tatsächlich warnen Attac-Aktivisten seit Jahren vor den Gefahren einer ungezügelten Ökonomie, fordern Abgaben für internationale Finanztransaktionen wie die Tobin-Steuer. Falls sich demnächst eine neue Protestbewegung gegen Geldjongleure formiert - dann müsste Attac eigentlich ganz vorn mit dabei sein. Oder?

Kürzlich streute Attac eine gefälschte Ausgabe der "Zeit" unters Volk (siehe Fotostrecke unten). Darin verkündeten die Autoren eine gerechte Globalisierung, als wären die Forderungen von Attac schon Realität. Im Oktober stürmten Aktivisten die Frankfurter Börse und verhängten die Dax-Anzeigetafel mit einem Transparent: "Finanzmärkte entwaffnen!" Als nächstes plant eine Gruppe eine symbolische Besetzung von Banken. Ende Juni soll es in Berlin so weit sein, vielleicht auch in anderen Städten. Ablaufen soll die Aktion auf jeden Fall "ohne Gewalt" - wie das funktionieren soll, werde derzeit noch nicht verraten.

Nach außen wirken derlei Aktionen, als wären die Aktivisten schlagkräftig, eine einige Bewegung. Innen sieht es anders aus.

Bei der "Aktionsakademie" in Köln lässt sich beobachten, wie unterschiedlich die Interessen der Menschen sind, die sich in den Attac-Gruppen treffen.

Einige wollen den Kapitalismus durch gezielten Druck auf Politiker an den entscheidenden Stellen reformieren. Zu diesen Leuten gehört Ötsch.

Andere Teilnehmer erzählen, dass sie von Nahrungsmitteln aus der Mülltonne leben. Weil sie Geldwirtschaft aus Prinzip ablehnen.

Manche interessieren sich nur am Rand für die Krise. So die 21-jährige Laura Griese aus Berlin. Mindestens genauso wichtig seien ihr Umwelt und Menschenrechte, sagt sie. Seit drei Jahren macht sie bei Amnesty International mit, jetzt will sie sich auch bei Attac engagieren. Zusammen mit anderen Jugendlichen hechtet sie über den Pausenhof der Kölner Waldorfschule, übt den Durchbruch durch Polizeiketten, das richtige Verhalten bei Sitzblockaden. Einsetzen will sie diese Techniken bei Castor-Demos und Klimaprotesten. Von der Krise hat sie bislang noch nicht so viel mitbekommen, sagt sie.

Wie ihr geht es vielen Besuchern der "Aktionsakademie". Die jüngeren Teilnehmer eint vor allem eines - das diffuse Gefühl, dass auf der Welt vieles falsch läuft. In Theatergruppen und Trommelworkshops führen sie besorgt Gespräche. Sie fürchten sich vor Klimawandel und Gentechnik. Sind gegen Studiengebühren und Leistungsdruck. Für den Frieden und gegen den Krieg. Die meisten glauben, dass all das irgendwie miteinander zusammenhängt. Womöglich auch mit der weltweiten Wirtschaftskrise.

Auch im Workshop "Argumentationstraining" gibt es noch Diskussionsbedarf in Sachen Krise. Kursteilnehmer wollen wissen, ob Wirtschaftswachstum überhaupt notwendig ist.

Die Frage kann an diesem Tag leider nicht mehr eindeutig geklärt werden.

"Wir müssen uns erst selbst richtig aufstellen", sagt Ötsch am Ende des Seminars. Dann soll die große Kampagne kommen.

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1. Das liegt daran
TommIT 25.05.2009
dass in Deutschland jeder glaubt und es auch anscheinend annimmt, dass die die kritisieren auch die Lösungen liefern müssten. Mir war schon immer schleierhaft warum das so sein soll. gebt denen von Attac das Geld derer die momentan in der Pflicht sind und die Machtbefugnisse und das Thema Ohnmacht hat sich schnell erledigt. Wetten?
2. Attac: Interner Lernprozess, neue Situation und Institutionalisierung
D. Brocchi 25.05.2009
Ich finde den Artikel interessant und würde gerne ein paar Punkte hinzufügen, die vielleicht manches erklären können. (a) Bei seiner Gründung verstand sich Attac als Plattform für eine Vielfalt - und das interne politische Spektrum war gerade nach dem raschen Zuwachs im Jahr 2001 (nach Genua)wahrscheinlich viel breiter als heute. Eine Einheit in der Vielfalt (bei Attac gilt intern das 100prozentige Konsensprinzip) bedeutet harte Konflikte und diese sind vor allem da, wenn eine Bewegung erfolgreich und in den Medien präsent ist. Mit den Konflikten verkleinert sich die Vielfalt - es ist bei fast allen Organisationen so. Zusätzlich findet ein interner Lernprozess statt, bei dem eine gewisse Radikalität aufgegeben wird, zugünsten des Konsenses. (b) Attac war ein Katalysator wichtiger Veränderungen im Bundestag. An der "Gründung" der Linken haben sich relativ viele Attac Mitglieder beteiligt. Die Kandidatur der Geschäftsführerin von Attac bei den Linken bestätigt diesen Eindruck. Sven Giegold kandidiert hingegen bei den Grünen - und was überraschend ist: Er plädiert für eine Ampel-Koalition in Deutschland bzw. er betrachtet diese Option als die einzig realistische. Die Stimmen von Attac sitzen im Bundestag und zwingen die anderen Parteien zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit dem Thema soziale Gerechtigkeit. Genauso wie die Grünen damals: Heute hat fast jede Partei ein mehr oder weniger ausgeprägtes ökologisches Profil. (c) Das politische System schutzt sich gegen soziale Bewegungen in zwei Art und Weisen: (i) indem man sie ausgrenzt (und Attac hatte lange Zeit keinen guten Stand bei Politik und Medien: "Die Extremisten!"); (b) indem man sie oder ihre Inhalte vereinnahmt und institutionalisiert (s. Gründung der Umweltministerien in den 80ern), was die soziale Bewegungen delegitimiert, denn die Politik vermittelt den Eindruck, alles unter Kontrolle zu haben. Beste Grüße Davide Brocchi Köln
3. Boah
john mcclane 25.05.2009
Anstatt ihre Schüler das Durchbrechen von Polizeiketten und das "richtige" Verhalten bei Sitzblockaden üben zu lassen, sollten die Waldorfschulen lieber mal einen praxisnahen Wirtschaftsunterricht einführen, wo man die ganz grundlegenden Dinge über das alltägliche Wirtschaften lernt. Z. B. "Was ist ein Dispokredit", "Was ist die SCHUFA", "Richtiges Verhalten bei Zahlungsverzug und drohender Überschuldung", etc. Das würde einigen die Vorstellung nehmen, das "Wirtschaft" etwas per se Böses ist, das mit aller Macht bekämpft werden muß. Aber in den Verdacht, sinnvolles zu lehren, sind die Waldorf-Schulen ja noch nie geraten...
4. Attac & Co.
Treeman 25.05.2009
Zitat von sysopAlarm schlagen ist ihr Geschäft: Ungezügelter Kapitalismus werde die Welt ins Unglück reißen, die Finanzwelt gehöre hart reguliert, warnen Globalisierungskritiker seit Jahren. Doch jetzt, da diese Sätze Allgemeingut sind, hadern sie trotzdem mit ihrer Rolle - ein Besuch bei der Basis von Attac. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,626491,00.html
Fassen wir zusammen: Attac hat keinen blassen Dunst, wie auf die Wirtschaftskrise zu reagieren ist, worauf der Autor kübelweise Häme auf Attac ausgießt. Aber was unterscheidet Attac in dem Punkt "hat keinen blassen Dunst" bitte von der Jungen Union oder Goldmann Sachs?
5. Kein Wunder...
tzscheche 25.05.2009
...Attac hat seit dem Ende der 90er Jahre wesentlich zur Herausbildung einer fundierten und dezidierten Kapitalismuskritik (jenseits der Klassenkampf-Rhetorik der 68er) in Medien und Öffentlichkeit beigetragen. Dass man jetzt durch die schlagartige "Vergesellschaftung" von eigenen Forderungen überrollt wird ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern im Gegenteil des Erfolgs. Dass Attac in diesem Umfeld seine neue Rolle erst wieder definieren muss, ist nur normal. Im günstigsten Fall hat sich die Bewegung am Ende selbst obsolet gemacht !
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