Von Torben Waleczek
Bevor es losgeht mit dem Kampf gegen den entfesselten Kapitalismus, muss Silke Ötsch erst ein paar grundsätzliche Dinge erklären.
Wie ein Hedgefonds funktioniert.
Wozu Bad Banks eigentlich da sind.
Und was das mit der Schuldenbremse im Grundgesetz soll.
Silke Ötsch gehört zum wissenschaftlichen Beirat der Organisation Attac. Sie hat Bücher über Wirtschaft geschrieben und kennt sich aus mit dem internationalen Finanzsystem. Jetzt ist sie in einer Waldorfschule in Köln, bei der "Aktionsakademie" von Attac, einem viertägigen Treffen der Globalisierungskritiker. Die Teilnehmer sollen in Seminaren fit gemacht werden für Aktionen und Proteste in Zeiten der Krise, die eigentlich gute Zeiten sein müssten für Attac.
15 junge Leute sitzen im Stuhlkreis und hören Silke Ötsch aufmerksam zu. Thema: "Argumentationstraining rund um das Thema Krise". Neumitglieder sollen lernen, wie man in der Fußgängerzone selbst renitente Neoliberale überzeugt. Ötsch erläutert das Wunschprogramm von Attac: mehr Transparenz bei der Vergabe von staatlichen Rettungsgeldern, Steueroasen austrocknen, eine einmalige Sonderabgabe für Reiche - vielleicht zwei Prozent des Vermögens, vielleicht fünf.
Das klingt nicht nach brennenden Barrikaden, auch nicht nach dem Ende des Kapitalismus. So ähnlich könnte es auch im SPD-Wahlprogramm stehen.
Einige Seminarteilnehmer haben sich offenbar mehr erhofft. Sie sagen, dass es den Leuten im Kapitalismus zwangsläufig immer schlechter geht. Ötsch sagt, dass es bald eine große Kampagne geben soll. Und wie erfolgreich Attac die Krise angeblich vorhergesagt hat: "Wir müssen uns darüber klar sein: Wir haben Recht behalten."
Tatsächlich warnen Attac-Aktivisten seit Jahren vor den Gefahren einer ungezügelten Ökonomie, fordern Abgaben für internationale Finanztransaktionen wie die Tobin-Steuer. Falls sich demnächst eine neue Protestbewegung gegen Geldjongleure formiert - dann müsste Attac eigentlich ganz vorn mit dabei sein. Oder?
Kürzlich streute Attac eine gefälschte Ausgabe der "Zeit" unters Volk (siehe Fotostrecke unten). Darin verkündeten die Autoren eine gerechte Globalisierung, als wären die Forderungen von Attac schon Realität. Im Oktober stürmten Aktivisten die Frankfurter Börse und verhängten die Dax-Anzeigetafel mit einem Transparent: "Finanzmärkte entwaffnen!" Als nächstes plant eine Gruppe eine symbolische Besetzung von Banken. Ende Juni soll es in Berlin so weit sein, vielleicht auch in anderen Städten. Ablaufen soll die Aktion auf jeden Fall "ohne Gewalt" - wie das funktionieren soll, werde derzeit noch nicht verraten.
Nach außen wirken derlei Aktionen, als wären die Aktivisten schlagkräftig, eine einige Bewegung. Innen sieht es anders aus.
Bei der "Aktionsakademie" in Köln lässt sich beobachten, wie unterschiedlich die Interessen der Menschen sind, die sich in den Attac-Gruppen treffen.
Einige wollen den Kapitalismus durch gezielten Druck auf Politiker an den entscheidenden Stellen reformieren. Zu diesen Leuten gehört Ötsch.
Andere Teilnehmer erzählen, dass sie von Nahrungsmitteln aus der Mülltonne leben. Weil sie Geldwirtschaft aus Prinzip ablehnen.
Manche interessieren sich nur am Rand für die Krise. So die 21-jährige Laura Griese aus Berlin. Mindestens genauso wichtig seien ihr Umwelt und Menschenrechte, sagt sie. Seit drei Jahren macht sie bei Amnesty International mit, jetzt will sie sich auch bei Attac engagieren. Zusammen mit anderen Jugendlichen hechtet sie über den Pausenhof der Kölner Waldorfschule, übt den Durchbruch durch Polizeiketten, das richtige Verhalten bei Sitzblockaden. Einsetzen will sie diese Techniken bei Castor-Demos und Klimaprotesten. Von der Krise hat sie bislang noch nicht so viel mitbekommen, sagt sie.
Wie ihr geht es vielen Besuchern der "Aktionsakademie". Die jüngeren Teilnehmer eint vor allem eines - das diffuse Gefühl, dass auf der Welt vieles falsch läuft. In Theatergruppen und Trommelworkshops führen sie besorgt Gespräche. Sie fürchten sich vor Klimawandel und Gentechnik. Sind gegen Studiengebühren und Leistungsdruck. Für den Frieden und gegen den Krieg. Die meisten glauben, dass all das irgendwie miteinander zusammenhängt. Womöglich auch mit der weltweiten Wirtschaftskrise.
Auch im Workshop "Argumentationstraining" gibt es noch Diskussionsbedarf in Sachen Krise. Kursteilnehmer wollen wissen, ob Wirtschaftswachstum überhaupt notwendig ist.
Die Frage kann an diesem Tag leider nicht mehr eindeutig geklärt werden.
"Wir müssen uns erst selbst richtig aufstellen", sagt Ötsch am Ende des Seminars. Dann soll die große Kampagne kommen.
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