Selbstmordanschlag auf US-Botschaft: Bundesanwaltschaft ermittelte gegen Attentäter von Ankara

Von Hubert Gude und

Ankara-Attentäter Ecevit S. - Kampfname Alisan Sanli - auf der Website der Revolutionären Volksbefreiungspartei (DHKP/C), die sich zu dem Anschlag bekennt Zur Großansicht
AFP/ SITE

Ankara-Attentäter Ecevit S. - Kampfname Alisan Sanli - auf der Website der Revolutionären Volksbefreiungspartei (DHKP/C), die sich zu dem Anschlag bekennt

Bevor Ecevit S. sich vor der US-Botschaft in Ankara in die Luft sprengte, lebte er jahrelang in Deutschland - und geriet hier in den Fokus der Behörden. Die Bundesanwaltschaft ermittelte gegen den 40-jährigen Türken wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung.

Berlin - Der Selbstmordattentäter, der sich am vergangenen Freitag vor der US-Botschaft in der türkischen Hauptstadt Ankara in die Luft sprengte, war seit Jahren im Visier deutscher Sicherheitsbehörden. Nach SPIEGEL-Informationen ermittelte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe seit Frühjahr 2011 gegen Ecevit S. - wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Nach Angaben eines Sprechers bestand der Anfangsverdacht, dass sich S. in der Bundesrepublik als Mitglied an der linksextremistischen türkischen Gruppierung "Revolutionäre Volksbefreiungspartei/-front" (DHKP/C) engagiert habe.

Den Angaben zufolge soll S. "auf Gebietsebene" an der Beschaffung von Finanzmitteln für die Organisation mitgewirkt haben. Allerdings, so die Bundesanwaltschaft, konnten seit Mitte Oktober 2012 im Rahmen ihrer Ermittlungen "keine Erkenntnisse mehr über Aufenthaltsort und Aktivitäten" von S. gewonnen werden. Nach offizieller Bestätigung des Todes von S. dürften die deutschen Ermittlungen bald eingestellt werden.

Bereits 2009 hatte auch die Staatsanwaltschaft Berlin gegen S., der jahrelang in Deutschland gelebt haben soll, ermittelt - wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Vereinsgesetz. Bei ihm waren damals Flugblätter und Zeitschriften mit Bezug auf die in Deutschland verbotene DHKP/C gefunden worden. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Ecevit S., 1973 in der Ortschaft Gölköy an der türkischen Schwarzmeerküste geboren, wurde um die Jahrtausendwende herum bekannt, als er sich an einem spektakulären Hungerstreik in einem türkischen Gefängnis beteiligte. Anlass für die Revolte waren damals fünf neue Haftanstalten in der Türkei, sogenannte F-Typ-Gefängnisse. Im Oktober 2000 sollten Häftlinge aus den herkömmlichen Schlafsälen in die mit modernen Einzel- und Dreierzellen ausgestatteten Neubauten verlegt werden. Vor allem die politischen Gefangenen fürchteten dort die Willkür der Wärter und Folter. Sie verbarrikadierten sich und traten in den Hungerstreik.

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Ankara: Bombenalarm im Botschaftsviertel
Einer von den etwa 250 Gefangenen war Ecevit S. Nach 174 Tagen - das Militär hatte einen Teil des Aufstandes bereits mit Panzern und Bulldozern beendet - rechnete die Familie des Linksextremisten bereits mit seinem Tod. So zitierte damals die "tageszeitung" den Bruder von Ecevit S.: "Als ich in den Knast kam, konnte mein Bruder mich nicht sehen. Er war krank und lag im Bett. (...) Ich warte auf die Nachricht, dass mein Bruder tot ist." Doch Ecevit S. überlebte den Hungerstreik, körperlich und psychisch gezeichnet. Nach seiner Haftentlassung setzte er sich nach Deutschland ab; Autonome luden ihn seinerzeit zu einem Symposium über den Hungerstreik nach München ein.

Die Todesmeldung erreichte S.' Familie erst rund zwölf Jahre später: Am vergangenen Freitag zündete S. einen Sprengsatz, der aus einer Handgranate und sechs Kilo TNT bestand, vor einem Seiteneingang der US-Botschaft in Ankara in die Luft. Einen Wachmann riss er mit sich in den Tod.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Überbleibsel der "Strategie der Spannung"
michael2273 04.02.2013
In den 70ern war die Türkei Schauplatz eines Bürgerkriegs, der von der UdSSR gefördert wurde, um das NATO-Land zu destabilisieren. wie auch der deutsche Terror vom Ostblock gefördert worden war: Die “Terrorismus-Lügen” der Stasi « Aron Sperber (http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/08/07/terrorismus-lugen/) Bei vollem Bewusstsein, dass es sich bei Kurras um ihren eigenen Mann gehandelt hatte, verfolgte die Stasi höchst erfolgreich eine “Strategie der Spannung” Kein Wunder, dass man bei der Anprangerung einer angeblichen “Strategie der Spannung” durch westliche Geheimdienste stets so viel Phantasie zeigte. Offenbar hatte man damit selbst genug ”praktische Erfahrungen”.
2.
anomie 04.02.2013
Zitat von michael2273In den 70ern war die Türkei Schauplatz eines Bürgerkriegs, der von der UdSSR gefördert wurde, um das NATO-Land zu destabilisieren. wie auch der deutsche Terror vom Ostblock gefördert worden war: Die “Terrorismus-Lügen” der Stasi « Aron Sperber (http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/08/07/terrorismus-lugen/) Bei vollem Bewusstsein, dass es sich bei Kurras um ihren eigenen Mann gehandelt hatte, verfolgte die Stasi höchst erfolgreich eine “Strategie der Spannung” Kein Wunder, dass man bei der Anprangerung einer angeblichen “Strategie der Spannung” durch westliche Geheimdienste stets so viel Phantasie zeigte. Offenbar hatte man damit selbst genug ”praktische Erfahrungen”.
schwarz und weiß, so wird es gewesen sein...
3. Türkischer Attentäter
peterweingartz 04.02.2013
Interessant wäre doch die Antwort auf die Frage, wieso lebte dieser Attentäter jahrelang in Deutschland. Wer hat seinen Aufenthalt in Deutschland ermöglicht und warum?
4. Nachdenken und handeln!
theodor.froehlich 04.02.2013
"Autonome luden ihn seinerzeit zu einem Symposium über den Hungerstreik nach München ein." Irgendwie hat man ja naiv immer gehofft, dass nach 9/11 und der Tatsache, dass die Mörder in den USA jahrelang in Hamburg gehegt und gepflegt worden waren, die Deutschen Sicherheitsbehörden die Bundesrpublik von solchen Typen freihalten würden. Nein, man gibt ihnen deutsche Pässe und Sozialhilfe und beobachtet sie...
5. Rückzugsgebiet
obenim 04.02.2013
Ich möchte die gewagte aber nicht unbegründete These aufwerfen, ob in den Augen dieser Terrororganisation (auch PKK) Deutschland als Rückzugsgebiet bzw. Sammelbecken gesehen wird.
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