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19. Juli 2016, 19:52 Uhr

Attentäter von Würzburg

Ein Jahr Flüchtling, einen Tag Islamist

Aus Würzburg und Ochsenfurt berichten und

Zwei Opfer schweben in Lebensgefahr, drei weitere sind schwer verletzt: Die Axt-Angriffe von Würzburg sind erschreckend - auch, weil der 17-jährige Täter zuvor unauffällig und offenbar gut integriert war.

Axel Meiseberg, dichter Schnäuzer und kurze Hose, hockt auf vier übereinandergestapelten Holzpaletten und kneift die Augen zusammen. "Hier vorne", sagt er und zeigt auf eine Wasserlache vor ihm, "hat er die Spaziergängerin getroffen." Viel ist allerdings nicht mehr zu sehen von dem, was sich wenige Stunden zuvor auf dem Parkplatz vor der Lagerhalle im äußersten Süden Würzburgs zugetragen hat.

Der 51-Jährige zückt sein Handy und wischt durch einige Fotos, durch das Grauen der vergangenen Nacht. Die Bilder zeigen, wie es am frühen Morgen hier aussah, als Niederlassungsleiter Meiseberg zu dem abgesperrten Außenlager eines Heizungsunternehmens kam: Blaue Einweghandschuhe, zerknüllte Stofffetzen, viel Blut. Es sind die Überreste einer Tat, die seitdem das Land in Atem hält.

Um kurz vor neun steigt am Montagabend Riaz A., ein 17-jähriger Junge, in Ochsenfurt in den Regionalzug von Treuchtlingen nach Würzburg. Dann folgt ein Amoklauf von erschreckender Brutalität, wie aus den bislang bekannt gewordenen Ermittlungsergebnissen hervorgeht: Auf der Zugtoilette holt der Teenager eine Axt und ein Messer hervor, dann schlägt er damit auf vier Mitglieder einer chinesischen Familie aus Hongkong ein - laut Ermittlern "mit großer Wucht" und "Vernichtungswillen".

Nachdem ein Fahrgast den Zug mit der Notbremse gestoppt hat, läuft der 17-Jährige durch ein Wohngebiet bis zum Parkplatz vor der Lagerhalle von Axel Meiseberg, wo er auf zwei Frauen trifft, die einen Hund Gassi führen. Unmittelbar, so die Ermittler, attackiert Riaz A. eine der beiden von hinten und schlägt ihr zweimal mit der Axt ins Gesicht. "Ich mach dich fertig, du Schlampe", soll er dabei rufen. Dann macht er sich auf den Weg zum nahen Mainufer, wo er wenig später auf zwei ihn verfolgende SEK-Beamte losgeht und von ihnen erschossen wird.

Die Bilanz der Tat: Ein toter Angreifer und fünf schwer verletzte Opfer, von denen zwei noch immer in Lebensgefahr schweben.

Erste Hinweise auf ein Motiv des Täters erreichten die Polizei schon mit dem ersten Notruf: Auf der Aufnahme zu hören ist den Ermittlern zufolge der Ausruf "Allahu Akbar" - "Gott ist groß". Zudem trug er während seines Amoklaufs ein T-Shirt mit arabischen Schriftzeichen, die denen auf Fahnen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ähneln sollen. War der Attentäter ein Islamist?

Auf jeden Fall sei er gläubiger Sunnit gewesen, sagt Lothar Köhler vom Bayerischen Landeskriminalamt am Tag nach der Tat. Der 17-Jährige sei nicht regelmäßig in die Moschee gegangen, er habe privat gebetet. Auffällig war demnach erst der Collegeblock, der nach dem Amoklauf im Zimmer des Jugendlichen entdeckt wurde. Darin fanden die Ermittler laut Köhler unter anderem eine von Hand gezeichnete IS-Flagge und eine "etwas kryptische Botschaft".

In dem Schreiben, das ein Übersetzer für einen Abschiedsbrief an den Vater des Jungen hält, heißt es demnach: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und bete für mich, dass ich in den Himmel komme."

Dabei deutet in der Vorgeschichte des Attentäters nichts auf eine Hinwendung zum Islamismus hin: Am 30. Juni 2015 erreichte der Teenager bei Passau die Bundesrepublik, beantragte am 16. Dezember Asyl - und erhielt am 31. März dieses Jahres eine Aufenthaltsgenehmigung. "Dieser 17-jährige Afghane war polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt", sagt LKA-Ermittler Köhler. Mittlerweile haben Ermittler Zweifel, ob der Täter wirklich aus Afghanistan kommt.

Der Wandel zum Attentäter, so der leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager, habe eine Vorlaufzeit von lediglich ein oder zwei Tagen gehabt. Bislang gibt es den Ermittlern zufolge auch keine Hinweise auf eine Radikalisierung vor seiner Einreise oder frühere Kontakte zum "Islamischen Staat"; ein jetzt aufgetauchtes angebliches IS-Bekennervideo des 17-Jährigen wäre der erste klare Hinweis auf eine solche Verbindung.

Oberstaatsanwalt Ohlenschlager im Video: "Versuchter Mord"

Die Ermittler gehen daher davon aus, dass der Asylbewerber erst vor wenigen Tagen extremistische Ansichten entwickelte. Denn eigentlich hatte er sich in Deutschland eine Perspektive aufgebaut, wirkte gut integriert: Bis vor zwei Wochen wohnte er mit 15 anderen Jugendlichen in einem Wohnheim der katholischen Kolpingbewegung im malerischen Städtchen Ochsenfurt, seither lebte er bei einer Pflegefamilie. Er soll als Praktikant in einer Bäckerei gearbeitet haben, laut bayerischen Sozialministerium hatte er gute Aussichten auf eine Lehrstelle.

Nichts deutete auf einen Gewaltausbruch oder gar eine Hinwendung zum Islamismus hin - und genau das macht diese Tat zu einem so verstörenden Ereignis.

Auslöser war den Ermittlern zufolge womöglich eine Nachricht aus der Heimat: Vor wenigen Tagen habe der Junge erfahren, das ein enger Freund in Afghanistan ums Leben gekommen sei. Mit seinem Amoklauf, so die Ermittler, wollte er "sich an den Ungläubigen für das rächen", was sie seinem Freund angetan hätten.

War der Attentäter von Würzburg also fanatischer Islamist - oder ein fragiler junger Mann, der wegen eines persönlichen Schicksalsschlags völlig die Kontrolle verlor?

Für kurze Zeit jedenfalls war er beides.

Mitarbeit: Jörg Diehl

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