Parteien und Pädophilie Forscher Walter erwartet weitere Enthüllungen

Er soll die Verbindungen der Grünen zur pädophilen Szene der Achtziger erforschen - doch der Göttinger Politologe Franz Walter sorgt mit einem ersten Zwischenbericht auch in anderen Parteien für Aufregung. Er rechnet mit weiteren Enthüllungen im Wahlkampf.

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Politologe Walter: Keine Partei solle sich zu weit aus dem Fenster lehnen
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Politologe Walter: Keine Partei solle sich zu weit aus dem Fenster lehnen


Berlin/Göttingen - Günter Verheugen ist empört. Wie bitte? Er und Pädophilie? Man muss dem früheren FDP-Politiker erst mal vorlesen, in welchem Zusammenhang ihn der Parteienforscher Franz Walter in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" beim Thema Pädophilie-Aufarbeitung erwähnt, Verheugen kennt den Text noch nicht.

Verheugen, der 1982 zur SPD übertrat und später EU-Kommissar wurde, hat sich nach Walters Darstellung Anfang der achtziger Jahre für die Streichung des Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch (Verbot sexueller Handlungen zwischen Männern) eingesetzt - was der damalige FDP-Generalsekretär stolz bestätigt. Dass er allerdings auch die Revision der Paragrafen 174 und 176 (sexueller Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen) für möglich gehalten habe, wie Walter schreibt, weist Verheugen scharf zurück. Der Forscher stützt sich auf Aussagen mehrerer Zeitzeugen. "Ich halte das Vorgehen von Walter für extrem unseriös", sagt Verheugen. Und: "In meiner Zeit als FDP-Generalsekretär hat es nie eine Debatte über Pädophilie in der Partei gegeben."

Es ist ein brisanter Zwischenbericht, den der Politikwissenschaftler Walter in der FAZ veröffentlicht hat. Die Grünen bezahlen ihn dafür, dass er ihre Verstrickungen mit der Pädophilie-Szene der Achtziger aufarbeitet, auch dazu gibt es neue, bittere Erkenntnisse. Aber Walter und seine Mitarbeiter vom Göttinger Institut für Demokratieforschung haben eben auch entdeckt, dass Pädophilie seinerzeit nicht nur bei den Grünen auf Sympathie stieß, sondern beispielsweise auch bei der damaligen FDP-Jugendorganisation, den "Deutschen Jungdemokraten" (DJD).

Für die FDP ist das unangenehm - aber offenbar darf sich keine Partei zu sicher fühlen. Indirekt kündigte Walter bereits neue Enthüllungen an. "Ich kann mit Blick auf das, was wir jeden Tag an neuen Erkenntnissen sammeln, nur alle Parteien warnen, sich bei dem Thema Pädophilie zu weit aus dem Fenster zu lehnen", sagt Walter.

Grundsatzbeschluss der Grünen

Aber zunächst mal geht es in erster Linie weiter um die Grünen - und da ist natürlich niemand froh über die FAZ-Überschrift vom Montag: "Pädophilie-Verstrickungen der Grünen umfangreicher als bisher bekannt". Walter hat unter anderem herausgefunden, dass es sogar einen Grundsatzbeschluss von 1980 gibt, der die Legalisierung der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen forderte:

"...dass nur Anwendung oder Androhung von Gewalt oder Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses bei sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen sind."

Aber den Grünen war klar, auf wen sie sich mit dem Göttinger Forscher einlassen: Walter ist alles andere als parteinah und gilt als eigenwilliger Kopf. Der Vertrag über das Grundlagenforschungsprojekt - es kostet die Grünen 209.000 Euro - sieht lediglich vor, dass Walter die Partei zwölf Stunden vor einer Veröffentlichung informieren muss. Der Forscher tat dies am Sonntagmorgen. "Der Gastbeitrag in der FAZ sollte auch dem Vorwurf entgegenwirken, wir würden das für die Grünen unschöne Thema bis zur Bundestagswahl totschweigen", sagt er.

In den öffentlichen Reaktionen der Grünen betont man folglich auch die positiven Aspekte für die Partei. Parteichef Cem Özdemir begrüßte die Veröffentlichung, ähnlich äußerten sich die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Walters Erkenntnis, dass die pädophile Episode lang zurückliegt, kommt den Grünen ebenfalls zupass. "Klar wird auch, dass pädophile Forderungen innerhalb der Grünen seit über 20 Jahren keinen Platz mehr haben", sagt Özdemir.

Nicht nur die Grünen haben offenbar ein Problem

Walter skizziert aber auch, wie weit verbreitet Pädophilie-Symphathien damals in der Partei waren. Dazu sagt Özdemir: "Es ist offenkundig, dass pädophile Strömungen nicht nur versucht haben, ihre inakzeptablen Ansichten in Parteitagsbeschlüssen bei den Grünen durchzusetzen, sondern sie dabei leider auch teilweise Erfolg hatten."

Aber eben nicht nur bei den Grünen.

So beschreibt Walter, dass sich auch die damalige FDP-Jugendorganisation DJD für die Entkriminalisierung von Pädophilen und die Aufhebung der entsprechenden Paragrafen einsetzte. Und er erwähnt den Fall der hessischen FDP-Politikerin und bisherigen Bundestagskandidatin Dagmar Döring, die sich damals im Führungsgremium der "Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie" (DSAP) engagierte und in einem Buchbeitrag über ihre pädophilen Erfahrungen berichtete.

Döring hat inzwischen ihre Kandidatur in Wiesbaden zurückgezogen. Ein Sprecher der Bundes-FDP spricht von einem "lokalen Thema" zu dem man sich "weiter nicht äußern" werde. Gleiches gelte für die Vorwürfe gegen die damalige liberale Jugendorganisation.

Walter und seine Leute wissen, dass dieses Forschungsprojekt besondere Sprengkraft birgt, gerade im Wahlkampf. Aber sie haben noch eine Menge vor: Im Herbst wollen sie einen größeren Zwischenbericht vorlegen, bis Ende 2014 das Ergebnis präsentieren.

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