Aufrufe im Internet Mecklenburger Bürgermeister taucht nach Morddrohung unter

Im Internet drohten ihm Rechtsradikale mit einer Messerattacke wie bei Alois Mannichl - jetzt ist Hans-Peter Gossel abgetaucht. Der Bürgermeister aus Mecklenburg hat seinen Heimatort Warin aus Angst vor rechtsextremen Gewalttätern für ein paar Tage verlassen.

Von Jan Grundmann und


Berlin/Hamburg - Dunkle Ecken hat er bei Spaziergängen zuletzt gemieden. Und selbst beim Gottesdienst an Heiligabend konnte sich Hans-Peter Gossel nicht wirklich entspannen - der Bürgermeister des mecklenburgischen Ortes Warin setzte sich auf einen Platz ganz außen, sicher ist sicher, bloß nicht zu nah an vielen Menschen sein. "Man muss nichts herausfordern", sagt der 53-Jährige SPIEGEL ONLINE.

Bürgermeister Hans-Peter Gossel: "Man muss nichts herausfordern"
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Bürgermeister Hans-Peter Gossel: "Man muss nichts herausfordern"

Seit einer Woche lebt der parteilose Politiker in Angst, weil auf der bei Neonazis beliebten Internet-Hetzseite Altermedia eine Drohung gegen ihn aufgetaucht war. In einem Eintrag hieß es am 20. Dezember: "Aufpassen!!! Hoch-Zeit für Lebkuchen-Messer!! Das nächste 'Opfer' stellt sich zur Verfügung! Gossel? Kommt von Gössel = Gans. Weihnachtszeit, Weihnachtsgänsezeit..." Eine kaum verhüllte Drohung gegen den Bürgermeister - in Anlehnung an den Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl. Er wurde mutmaßlich von Rechtsradikalen mit einem Messer angegriffen, das wegen einer nachbarschaftlichen Lebkuchen-Aktion vor seiner Haustür lag, und überlebte schwer verletzt.

Laut Gossel stand auf der Hetzseite außerdem ein Video, in dem ein Strichmännchen von einem Messer "aufgeschlitzt" wird: "Ich war schockiert." Er könne die Angst "nicht ausblenden, sie ist überall". Seit einer Woche steht er unter Polizeischutz, sicher fühlt er sich trotzdem nicht.

"Man wird allein gelassen", sagt er - ein Vorwurf, den die Schweriner Polizeidirektion von sich weist. Ein Teil der Schutzmaßnahmen laufe verdeckt ab, Gossel nehme sie deshalb möglicherweise nicht wahr, sagt eine Sprecherin. Der Personenschutz für Gossel werde fortgesetzt: "Wir gehen von einer ernsthaften Bedrohung aus, die sich direkt auf das Mannichl-Attentat bezieht."

Gossel mag vorerst nicht weiterleben wie bisher. Einfach seinen Bürgermeisterpflichten nachzugehen, als sei nichts gewesen - das ist für ihn keine Option. Er will zunächst einmal raus aus Warin, zumindest für ein paar Tage. Irgendwo bei Freunden wolle er unterkommen, sagt Gossel.

Möglicher Hintergrund der Anschlagsdrohung gegen Gossel ist eine Auseinandersetzung des Bürgermeisters mit der obskuren Interim Partei Deutschland (IPD). Gossel gilt als deren lautstarker Kritiker, seit sie im vergangenen Sommer ein Haus in Warin erworben hat. Zusammen mit weiteren Vertretern der Stadt hatte sich Gossel gegen die Niederlassung der IPD in seinem Ort engagiert - aus Sorge, die Partei könne die Immobilie als Schulungszentrum nutzen. Gossel wurde außerdem von einem IPD-Mitglied wegen "Verleumdung" angezeigt.

Dem Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern zufolge gibt es bei der IPD "Bezüge zum Rechtsextremismus". Die Organisation wird deshalb in dem Bundesland seit längerem beobachtet. Auch in Hamburg, wo die IPD laut Satzung ihren Sitz hat, ist die IPD den Verfassungsschützern bekannt. Man ordne die IPD "dem reichsideologisch geprägten Teil der rechtsextremen Szene" zu, hieß es beim Hamburger Verfassungsschutz auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die IPD sei aber in der Szene nicht wirklich integriert und verfolge "etwas undurchsichtige Ziele". So seien unter einer früheren Hamburger Anschrift der IPD auch "eine Reihe von Vereinen mit personellen Überschneidungen" eingetragen gewesen, was für kommerzielle Ziele der Organisation sprechen könnte. "Wir haben die IPD weiter im Auge", sagt Manfred Murck, Vizechef des Hamburger Verfassungsschutzes.

Die IPD leugnet die Legitimität der Bundesrepublik. Der IPD-Vorsitzende Edgar Romano Ludowici gab sich unter anderem als "Erster Bürgermeister" des "Reichslandes Freistaat Freie und Hansestadt Hamburg" sowie als "Reichsminister des Inneren bei der Exilregierung des 2.ten Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937" aus. Auf der IDP-Internet-Seite ist unter anderem von "Handlangern der Besatzer dieses Landes" und von "Hochverfassungsverrätern in der Justiz, Politik und Beamtenschaft" die Rede.

Lob für die IDP gab es kürzlich von einem Altermedia-User: Man könne bei der IDP Rechtsseminare buchen und sei "danach fit, den Rechtsbeugern in deutschen Gerichten entgegenzutreten", heißt es in einem Eintrag vom 20. Dezember.



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