AfD und Sozialdemokratie "Der ökonomische Wandel hat die SPD ins Herz getroffen"

Was hat der Erfolg von Rechtspopulisten mit dem Niedergang der Sozialdemokratie zu tun? Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Harvard-Professor Peter Hall den Zusammenhang - und gibt Tipps an SPD und Co.

SPD-Chef Gabriel
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SPD-Chef Gabriel

Ein Interview von Philip Kaleta


SPIEGEL ONLINE: Mr Hall, was ist der Hauptgrund für die Erfolge von Rechtspopulisten in Europa?

Peter Hall: Kurzfristig ist es natürlich die Flüchtlingskrise. Die eigentlich treibende Kraft hinter dem Erfolg der Rechtspopulisten ist aber der wirtschaftliche Wandel. Wie Menschen arbeiten, in welchem Umfeld, das beeinflusst maßgeblich ihre politische Gesinnung.

SPIEGEL ONLINE: Erläutern Sie das bitte.

Hall: Wenn Sie zum Beispiel in einem Umfeld aktiv sind, in dem Kooperation und das Arbeiten in Gruppen nötig ist, dann neigen Sie dazu, Werte wie Toleranz, Weltoffenheit und Solidarität zu verinnerlichen. Das hat Einfluss auf ihr Wahlverhalten. Arbeitsumfelder, die eine solche Identität stiften, findet man vor allem im mittleren und oberen Bereich des Dienstleistungssektors. Der ist in den vergangenen Jahren rapide gewachsen - und mit ihm die Zahl der Menschen, die diese Werte vertreten. Wir nennen sie die "socio-cultural professionals".

Zur Person Peter A. Hall
  • privat
    Peter A. Hall, 66, ist Lehrstuhlinhaber für European Studies am Department of Government der Harvard University. Er ist geborener Kanadier, sein Interesse für Europa verschlug ihn als Student an die Oxford University in England. Gemeinsam mit dem Wirtschaftswissenschaftler David Soskice schrieb er das Buch "Varieties of Capitalism".

SPIEGEL ONLINE: Solche Leute wählen aber eher keine Rechtspopulisten, oder?

Hall: Korrekt. Rechtspopulisten feiern ihre Erfolge woanders. Im Industriesektor etwa arbeiten zwar noch niedrig- bis mittelqualifizierte Arbeiter, ihre Stellen werden aber aufgrund des technologischen Wandels mit der Zeit durch Maschinen ersetzt. Folglich wechseln die Arbeiter in die unteren Bereiche des Dienstleistungssektors. Dort sind diese Menschen am Ende der Hierarchiekette, haben wenig Abwechslung und arbeiten oftmals allein. Obendrein ist ihr Job fast immer befristet. Das ist die Gruppe der ökonomischen Außenseiter ohne soziales Prestige. Diese Menschen haben kaum Sicherheit, sie neigen zu einem rechten und autoritären Wertegefüge. Außerdem sind sie gegenüber Migranten, vorsichtig gesprochen, reserviert eingestellt. Das ist kein Gesetz, aber eine Tendenz.

SPIEGEL ONLINE: Das war mal die klassische SPD-Wählerklientel.

Hall: Exakt. Das war sie. Denn der ökonomische Wandel hat ins Herz der deutschen und europäischen Sozialdemokratie getroffen. Auf die mittel- bis gut ausgebildeten Arbeiter aus dem Industriesektor war ja immer Verlass gewesen: Sie arbeiteten in einer Fabrik und stimmten für dieselbe Partei. Über Generationen. Diese Art der Arbeiter gibt es heute kaum noch ...

SPIEGEL ONLINE: ... und die SPD ist keine Arbeiterpartei mehr ...

Hall: ... sondern eine Partei der Mittelschicht. Die Gruppe der "socio-cultural professionals" hat sich zur natürlichen Klientel der Sozialdemokratie entwickelt. Darunter sind auch viele Arbeiterkinder, die den sozialen Aufstieg geschafft haben. Die SPD sollte offensiver auf diese Gruppe zugehen. Sie wächst beständig, das ist die Zukunft. Und in ihrer Haltung zu sozioökonomischen Themen bereits sozialdemokratisiert: Ein maßvoller Wohlfahrtsstaat gilt ihr als begehrenswert; Solidarität, Freiheit und Toleranz sind ihre Leitprinzipien.

SPIEGEL ONLINE: Und die von Ihnen so bezeichneten "ökonomischen Außenseiter" soll die SPD den Rechtspopulisten überlassen?

Hall: Die Rechtspopulisten haben seit den Neunzigerjahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: Damals waren sie in politischen Fragen konservativ und autoritär, in wirtschaftlichen Fragen hingegen eher neoliberal. Das hat sich geändert, heute können sie nicht genug Wohlfahrtstaat bekommen. Auf diese Weise erobern sie die alten sozialdemokratischen Wählergruppen. Gleichzeitig vertreten sie wie eh und je ausländerfeindliche Ansichten. Deshalb mag es in Zeiten der Flüchtlingskrise viele Gründe dafür geben, weshalb die ökonomischen Außenseiter rechtspopulistische Parteien wählen. Die SPD sollte dennoch um die Stimmen dieser Gruppe kämpfen, auch wenn es schwerer wird, sie zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Hall: Das Thema Einwanderung war für Arbeiterschichten stets ein pikantes. Die Flüchtlingskrise hat es nun zum absoluten Politikum gemacht - ein Problem für die SPD. Denn die Sozialdemokratie vertrat ja immer liberale Werte und tut dies eben auch in der Flüchtlingskrise.

SPIEGEL ONLINE: Wohin führt diese Entwicklung?

Hall: Mittelfristig besteht die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft. Die etablierte Politik wird - wenn überhaupt - noch zwei Drittel der Leute ansprechen, vor allem die gut Ausgebildeten. Das restliche Drittel, das hauptsächlich aus den ökonomischen Außenseitern besteht und sich seiner sehr begrenzten politischen Einflussmöglichkeiten bewusst ist, könnte sich überwiegend den Rechtspopulisten und teilweise den Linkspopulisten zuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch einen Tipp für CDU und CSU?

Hall: Sie sollten sich auf die neben den "socio-cultural professionals" zweite, stark wachsende Gruppe konzentrieren: die der Informatiker, Gründer und Computeringenieure. Viele dieser Leute sind ebenfalls liberal, in sozioökonomischen Fragen aber deutlich konservativer: weniger staatliche Interventionen, weniger Steuern, weniger Wohlfahrtstaat. Hier gibt es für die Christdemokraten viel zu holen.



insgesamt 134 Beiträge
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jufo 22.05.2016
1. Seit wann sind Informatiker kobservativ?
keine schlechte Analyse auch wenn sie nur bedingt auf Deutschland passt. Die AfD ist wirtschaftsliberal. Dass sie von Menschen gewählt wird die aufgrund der zunehmenden sozialen Spaltung zutiefst verunsichert sind hat mit Parolen zu tun, nicht mit Inhalten. Die SPD hat den Draht zu ihrer Stammklientel abreißen lassen, das ist richtig, nur ist sie für Dienstleister im mittleren Bereich auch nur bedingt attraktiv. SPD Politik trifft zu gerne die untere Mitte, die muss immer Zahlen. Das kann nicht funktionieren. Der CDU sterben die Wähler schneller weg als konservative Informatiker nachwachsen.
bpauli 22.05.2016
2. Die AfD bedient das Großkapital mit der Abschaffung der Erbschaftssteuer
Leider scheint Herr Hall das AfD-Programm nicht gelesen zu haben, wenn er schreibt: " Das hat sich geändert, heute können sie (die Rechtspopulisten) nicht genug Wohlfahrtstaat bekommen." Im Programm fordert die AfD die Abschaffung der Erbschaftssteuer. Das würde, wissenschaftlich empirisch nachgewiesen, die bestehende Vermögensungleichheit in der BRD zementieren und bei geringem Wirtschaftswachstum noch weiter vergrössern.
j.willocks 22.05.2016
3. Schlichtweg falsch
Ich halte die These für falsch. Mit Schröder und den Grünen begann der massiven Sozialabbau. Danach kam die CDU und setzte das fort. Ab da war es für die kleinen Wähler irrelevant, ob sie Pest oder Cholera wählen. Es ging an ihre Substanz. Die Lösung ist einfach: zurück zu den alten Tugenden, ohne gleich das System, wie die Linken, abschaffen zu wollen.
billigflieger 22.05.2016
4. Informatiker
Informatiker wollen keinen Wohlfahrtsstaat? Dabei sind viele deutlich links und zT Linke-Anhänger (Lehrer zB). Konservativer Informatiker scheint mir ein Widerspruch in sich.
Affenhirn 22.05.2016
5. Schubladendenken
In seiner sehr einfachen Kategorisierung doch sehr oberflächlich. Aber wo soll es auch herkommen in den USA mit deren Zweiparteinensystem, wo selbst die sich demokratisch nennende Partei bei uns noch am rechten Rand einzusortieren wäre.
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