Berlin - Zur besten Sendezeit sollte die Fernsehöffentlichkeit auf ARD und ZDF Christian Wulff sehen, um 20.15 Uhr in voller Länge, 21 Minuten lang erklärt sich der Bundespräsidenten zu seiner Kredit- und Anrufaffäre. Das war der Plan. Nach tagelangem Schweigen hatte sich das Staatsoberhaupt entschlossen zu den Vorwürfen gegen sich Stellung zu nehmen - allerdings nur in dem gemeinsamen vorab aufgezeichneten Interview mit den öffentlich-rechtlichen Sendern, nicht auf einer öffentlichen Pressekonferenz (das komplette Interview im Video und im Wortlaut).
Eine Exklusiv-Veranstaltung, wie Kritiker monierten. Der Deutsche Journalistenverband und die Chefredakteure der Privatsender protestierten vehement. Die Erklärung sei "von so breitem öffentlichem Interesse, dass die Entscheidung, nur ARD und ZDF zu bedienen und das duale System einfach zu ignorieren", nicht nachvollziehbar sei", so die Privaten.
Von der Einflussnahme Wulffs sei ausschließlich die Tagespresse betroffen gewesen, sagte Michael Konken, Chef des Deutsche Journalisten-Verbands. Der Präsident solle deshalb für die Fragen aller Journalisten der Hauptstadtmedien zur Verfügung stehen. ARD und ZDF wiesen dagegen daraufhin, dass das Gespräch in dieser Form die Entscheidung Wulffs gewesen sei.
Was folgte war eine recht seltsames Hin und Her um die Sperrfrist. Denn schon kurz nach 17 Uhr zeichneten ARD und ZDF das Gespräch mit Wulff auf. Nach ersten Planungen wollte die ARD erste Auszüge um 18.25 Uhr ausstrahlen, das ZDF um 19 Uhr. Wer das komplette Interview sehen wollte, musste sich noch gedulden: Die ARD zeigte es ab 19 Uhr auf tagesschau.de in gesamter Länge.
Vorab im Web abrufbar
Zu spät, wie viele Medien vorher monierten. Das Bundespräsidialamt reagierte, veränderte daraufhin die Sperrfrist "im Nachhinein, um andere Medienvertreter nicht zu benachteiligen", wie es bei tagesschau.de dazu später in der Erklärung "Warum die Sperrfrist verändert wurde" hieß.
Schon um 18 Uhr konnten dann Journalisten das gesamte Wulff-Interview sehen und daraus zitieren. Die Aufzeichnung sei dann zu diesem Zeitpunkt auch an andere Medien gegeben worden, die dann bis zu drei Minuten Material aus dem Gespräch verwenden durften, so die weitere tagesschau.de-Erklärung.
Wie sinnlos die Sperrfristen-Regelung wurde, zeigte sich dann um 18.45 Uhr. Da tauchte das Komplettgespräch mit Wulff im Internet auf. Netzaktivist Markus Beckedahl stellte es auf sein Blog netzpolitik.org als Tonmitschnitt, der ihm zugespielt worden war. Die User konnten damit die 21 Minuten frei abrufen - lange vor der Ausstrahlung bei ZDF und ARD um 20.15 Uhr.
Sein Ziel sei es gewesen, mit der Aktion "auf die Absurdität von Sperrfristen und priviligierten Zugang zu Informationen für Journalisten in einer veränderten Medienlandschaft" hinzuweisen, sagte Beckedahl später dazu, dessen Server zwischenzeitlich angesichts des Ansturms den Dienst einstellten.
heb
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