Auftritt im SPD-Ortsverein Müntefering und Nahles proben den Schulterschluss

Sein erster Auftritt als designierter SPD-Chef führte Franz Müntefering zur Parteibasis nach Rheinland-Pfalz. Im Land seines Vorgängers Kurt Beck setzte er auf Geschlossenheit mit der Parteilinken Andrea Nahles - und bekam dafür Beifall.

Aus Sinzig berichtet


Sinzig - "Die Zukunft hat wieder einen Namen - SPD", steht auf einem der alten Wahlplakate. Es hängt im Saal des Pfarrheims St. Peter in Sinzig am Rhein, einer 18.000-Einwohner-Stadt im Norden von Rheinland-Pfalz. Die Luft im Saal ist stickig. 140 Gäste, Genossen, Politiker anderer Parteien und Größen der Stadt warten, dass die 100-Jahr-Feier des SPD-Ortsvereins endlich losgeht. Doch die Zukunft lässt auf sich warten: Franz Müntefering verspätet sich.

Seit' an Seit': Nahles und Müntefering in Sinzig
DPA

Seit' an Seit': Nahles und Müntefering in Sinzig

Eine ist schon da - Andrea Nahles. Die Bundesabgeordnete wohnt nicht weit entfernt in Weiler in der Eifel. "Es kommt jetzt drauf an, dass wir alle Geschlossenheit zeigen. Es muss einen Ruck geben und das Spiel nach vorn gehen", sagt sie. Der Ortsvorsitzende Ingo Terschanski und sein Stellvertreter Dirk Banze lächeln. Seit einem dreiviertel Jahr haben sie die 100-Jahr-Feier vorbereitet - und nun ist sie der erste Auftritt Franz Münteferings als designierter Parteichef.

Erstmals seit dem Rücktritt Kurt Becks zeigt er sich der Basis - und das in Rheinland-Pfalz, der Heimat Becks. Das birgt eine gewisse Spannung, denn das Verhältnis der beiden Politiker war in den vergangenen Monaten kühl. Müntefering vermisste beim ehemaligen Parteivorsitzenden Beck Klarheit und Führung. Am Sonntag hatte Beck seinen Rücktritt mit einem offenen Vertrauensbruch in der eigenen Partei begründet.

Doch in Sinzig sagte keiner der geladenen Genossen ab. "Im Gegenteil. Uns haben seit Sonntag viele Anrufe erreicht, ob Leute nicht noch kommen könnten, obwohl die Antwortfrist schon abgelaufen war", sagt Banze. Er ist seit 1975 in der SPD. "Wie mit Kurt Beck umgegangen wurde, ist vielen von uns negativ aufgestoßen." Der 64-Jährige freut sich aber, dass Beck wieder in seiner Heimat zurück ist. "Müntefering wünsche ich viel Spaß, mit der SPD in Berlin zurechtzukommen." Pause. "Das schafft er."

Müntefering an der Basis: Kämpfen um jeden Meter

Dann ist er da: Müntefering kommt zu Fuß. Er stellt sich vor die Kameras, neben Nahles. Auch ihr Verhältnis war nicht immer einfach: Nahles hatte 2005 einen Eklat verursacht, als sie auf das Amt der Generalsekretärin bestanden hatte und der damalige SPD-Chef Müntefering mit seinem Kandidaten Wasserhövel im Streit unterlag. Müntefering trat zurück.

Doch das war damals. Heute ist heute. Und da komme es auf Geschlossenheit an, sind sich die beiden einig. Bei der Frage, wie Müntefering denn mit dem linken Flügel umgehen wolle, seufzt die SPD-Linke Nahles neben ihm "ach, nicht schon wieder". Müntefering antwortet versöhnlich: "Eine so große Partei hat immer unterschiedliche Positionierungen in sich. Das gehört zur Demokratie dazu." Wenn man einen guten Weg finden wolle, müsse man notfalls auch streiten.

Und das ist für heute Abend die 100-Jahr-Feier des Ortsvereins. "Da ist er ja" - ein Murmeln geht durch den Saal, als Müntefering nach vorne geht. Höflicher, kurzer Applaus. In seiner Festrede beschwört er den Geist der SPD. "Es ist wichtig, sich seiner Geschichte bewusst zu sein", beginnt er. Nur dann komme man nicht im "Gestrüpp des Alltags" um.

"Solange Andrea und ich das Sagen haben, wird es nie wieder eine absolute Mehrheit der CDU geben", ruft er in den Saal. Klatschen, einige Bravorufe.

"Man muss um jeden Meter kämpfen, um etwas zu erreichen", legt Müntefering nach. Es gebe viel zu tun, um ein soziales Deutschland und Europa zu schaffen. Der Kapitalismus zeige sich "an einigen Stellen sehr autoritär". "Wenn ich höre, Geld regiert die Welt, dann sage ich nee." Er spricht über die Bildung der Kinder, "denen wir Orientierung geben müssen."

Nahles kommt zur Sache

Zum Schluss der dreiviertel Stunde langen Rede endlich ein Wort zu Kurt Beck. "Persönlich glaube ich, dass Kurt Beck im Wahlkampf dabei sein wird", sagt Müntefering." Beck werde auch künftig eine wichtige Rolle spielen, "als Person und als Ministerpräsident". Kommende Woche würden sie sich für ein ausführliches Gespräch zusammensetzen. Lauter Beifall.

Nahles kommt schneller zur Sache: "Es war eine schwierige Woche, vor allem für mich als Rheinland-Pfälzerin war es sehr emotional. Franz, Du hast meine Stimme und meine Unterstützung." Wieder Beifall.

Die Sinziger Genossen sind zufrieden. "Der Müntefering hat einfach mehr Streitkraft", sagt die 78-jährige Anne Linke. Sie ist seit 54 Jahren in der SPD. Beck sei einfach besser in seiner Heimat, hier habe er Erfolge. Das sieht auch Petra Klein so. "Ich bin sehr froh, dass er uns erhalten bleibt. Für die bundespolitischen Geschäfte ist der Beck einfach zu gutmütig, ein gewiefter Politiker wäre nicht so gegangen worden."

Ob Müntefering der richtige an der Spitze ist - die 47-Jährige will abwarten. Wichtig sei, dass Ruhe einkehre. "Wir müssen uns endlich in der Öffentlichkeit beruhigen, sonst sind wir bald eine 15-Prozent-Partei." Ein Anfang sei nun gemacht.

Der designierte Parteivorsitzende schüttelt derweil Hände, schreibt Autogramme. Als er zum Ausgang geht, ruft ihm ein Genosse zu: "Viel Glück."

Müntefering nickt: "Danke."

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