Auftritt in Berlin Merkel-Kritiker Merz beklagt inhaltsleeren Wahlkampf

Er scheidet im Streit mit der Kanzlerin aus dem Bundestag: Friedrich Merz vermisst im Wahlkampf seiner Partei die Inhalte. "Ich hoffe, das kommt noch", sagte der CDU-Finanzexperte jetzt bei einem Auftritt an der Basis. Die liebt ihn noch immer - und hofft auf ein Comeback.

Von


Berlin - Friedrich Merz ist einfach umwerfend. Als der Bundestagsabgeordnete die lokalen Parteifunktionäre begrüßt, fällt erst das Bierglas auf dem Tisch um, dann der Stuhl des vergeblich zurückspringenden Kreisverbandsvorsitzenden, und um ein Haar auch noch das dahinter stehende Stativ samt aufgesteckter Videokamera. Ein kurzes Raunen im Saal, dann erleichtertes Kichern: Gott sei Dank, die Kettenreaktion ist gestoppt. Merz hebt kurz unschuldig die Arme, dann muss er den Herrn mit nasser Hose zurücklassen. "Nicht so schlimm", sagt einer, "war ja kein Rotwein."

Merz, 54, sorgt immer noch für Unruhe in der Partei, auch wenn er am Ende dieser Wahlperiode aus dem Bundestag ausscheidet. Der CDU-Ortsverband Altglienicke im Berliner Osten hat ihn eingeladen, um an diesem Mittwochabend ein verdientes Mitglied zu ehren. Albert Kosler, 76, ist seit 60 Jahren in der CDU, er saß 1990 in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR, nach der Wiedervereinigung ging er als Beobachter für die neuen Bundesländer ins Europaparlament. Merz war dort seinerzeit Abgeordneter.

Jetzt steht er im kleinen Festsaal der Gaststätte Ebel, braun gebrannt, der Stehtisch vor ihm ist mit weißem Tuch bezogen, rund 40 Parteifreunde und Anhänger sitzen auf Holzstühlen, Pils und Cola in der Hand. Sie haben bei steigender Raumtemperatur bereits eine Dreiviertelstunde Grußworte und Filmchen ausgehalten, bevor Ortsvereinschef Michael Vogel "den herausragendsten, den wichtigsten Politiker der CDU seit Helmut Kohl" ankündigt. Da macht selbst der nicht gerade für Bescheidenheit bekannte Merz große Augen und schiebt staunend die Lippen hervor.

Er nimmt das Kompliment aber unkommentiert mit und zeigt dem alten Bekannten und Jubilar Kosler die Bundestagsdrucksache 12/2056, mit der die Unionsfraktion am 11. Februar 1992 die Entsendung Koslers ins EU-Parlament beantragte - eine der ganz wenigen Drucksachen des Parlaments, die nur einen einzigen Namen trage, wie Merz betont. "Das gibt's über mich nicht." Kosler studiert das Schriftstück gerührt, die Umarmung zwischen den beiden Männern, die 22 Jahre und anderthalb Köpfe Körpergröße trennen, fällt etwas unbeholfen aus.

Doch Merz ist ja vor allem gekommen, um zu reden. Das kann er besonders gut, mit ihm verliert der Bundestag einen der besten in dieser Disziplin. Es ist ein Schnelldurchlauf durch die Wirren der Finanz- und Wirtschaftskrise: Merz lobt den stabilen Euro, fordert mehr Unabhängigkeit Europas von US-amerikanischen Rating-Agenturen, eine europäische Bankenaufsicht.

Die erste Frage: Wann kommt er zurück?

Die Altglienicker schauen etwas ratlos. In diesem Moment scheint die Krise sehr weit weg vom roten Linoleum und den orangefarbenen Heizkörpern der Gaststätte Ebel.

Doch Merz weiß, wie er im Ostteil der Hauptstadt punkten kann. Er geißelt den "kleinkarierten Nationalismus" der Linkspartei, auf den es eine europäische Antwort zu geben gelte, er preist die soziale Marktwirtschaft und warnt vor der Planwirtschaft, die die Linke immer noch wolle. Die Menschen im Saal klatschen zum ersten Mal kräftig.

Sie nicken auch zustimmend, als Merz zum Ende seines 25-Minuten-Vortrags ein paar kritische Worte für den bisherigen Wahlkampf findet. Sie haben es wahrscheinlich nicht anders erwartet. "Ich hoffe, dass wir in diesem Wahlkampf auch noch über Themen reden", sagt Merz. "Ich gehöre zu denjenigen", kurze Pause, "vielleicht zu den wenigen in der CDU, die bedauern, dass wir keine harte inhaltliche Auseinandersetzung führen." Vielleicht komme das ja noch.

Auch wenn sie nicht alles versteht, was dieser hochgewachsene Mann ihnen dort in beeindruckender Leichtigkeit erzählt, ohne Stottern, ohne Manuskript, die Basis liebt Merz noch immer. Daran kann auch ein Karl-Theodor zu Guttenberg nichts ändern, der als Kabinettsüberflieger und neue ordnungspolitische Ikone der Union zuletzt den Schmerz des konservativen Wirtschaftsflügels ein wenig linderte.

Merz weiß um die Gunst seiner Zuschauer, er kokettiert damit. Gleich zum Auftakt der Diskussionsrunde lobt ein älterer Herr seinen Sachverstand und seine rhetorische Klasse, auf die eine Partei doch nicht verzichten könne. Er will wissen, wann er wieder in die Politik zurückkehre. Merz sagt: "Ich habe mich gefragt, ob das als erste oder als zweite Frage kommt." Es ist die erste.

Jeder weiß: Eine Aussöhnung mit Merkel ist derzeit nicht möglich

Es habe da in der Vergangenheit "Verspannungen und Verkantungen gegeben", erinnert Merz, "Verspannungen und Verkantungen, die nicht auflösbar sind". Namen nennt Merz nicht, aber jeder weiß: Eine Aussöhnung mit der Kanzlerin ist derzeit nicht möglich. Merkel hat Merz 2002 vom Fraktionsvorsitz verdrängt, zwei Jahre später räumte er auch den Vizeposten aus Protest gegen ihre Politik. Seither ist das Verhältnis zerrüttet. Zwei Mal habe er es in der ablaufenden Legislaturperiode versucht, die Differenzen zu überbrücken, sagt Merz, aber vergebens: "Sie sind nicht auflösbar."

Darum sieht er nun "den richtigen Zeitpunkt für eine Auszeit" gekommen, die könne kürzer oder länger dauern. Er sei aber immer bereit über eine Rückkehr nachzudenken, betont er. "Das setzt aber voraus, dass wir ein Team haben, dass wir das gemeinsam wollen." Wieder erwähnt er Merkel nicht, schiebt stattdessen hinterher, dies sei nicht gegen irgendjemanden gerichtet. Dann wiederholt er es noch einmal, als solle die Parteispitze es als Angebot verstehen: Er schließe eine Rückkehr überhaupt nicht aus - "auch wenn es der ein oder andere als Drohung empfindet".

Für die Altglienicker ist es an diesem Abend keine Drohung. Sie hoffen darauf, dass Merz' Auszeit nicht zu lange dauert. Zum Abschied schenkt der Ortsvereinschef dem Abgeordneten einen selbst gestalteten Berliner Foto-Kalender für das kommende Jahr. Man beachte das Portal, das auf dem ersten Blatt abgebildet sei, sagt Michael Vogel noch und hält das Präsent in die Höhe. Zu sehen ist der Eingang des Reichstagsgebäudes.



Forum - Wie bewerten Sie die Landtagswahlen im Hinblick auf die Bundestagswahl?
insgesamt 3475 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
goethestrasse 30.08.2009
1. Aufrichtige ehrliche CDU Wähler.
Althaus wurde abgestraft. Die ehemaligen CDU-Wähler lassen sich nicht für dumm verkaufen. Danke dafür !!!! Recht und Anstand sind zwei Paar Schuhe und nicht immer dasselbe. Machtversessenheit verträgt sich in diesem Fall nicht mit moralischem Gewissen. Auch Thüringen ist kein Testfall für Berlin bzgl. der CDU. Eher bzgl. der Rolle die SPD und Linke ggf. spielen werden.
SaT 30.08.2009
2. den Anspruch Volkspartei zu sein aufgegeben
Wer das fröhliche – um nicht zu sagen triumphierende - Gesicht von Steinmeier angesichts der SPD-Ergebnisse in den drei Landtagswahlen (24%, 18%, 10%) sieht kann nur zum Schluss kommen, dass die SPD den Anspruch Volkspartei zu sein aufgegeben hat.
raess2007 30.08.2009
3.
Zitat von SaTWer das fröhliche – um nicht zu sagen triumphierende - Gesicht von Steinmeier angesichts der SPD-Ergebnisse in den drei Landtagswahlen (24%, 18%, 10%) sieht kann nur zum Schluss kommen, dass die SPD den Anspruch Volkspartei zu sein aufgegeben hat.
Habs mir angeschaut. Ich glaub die sind alle drauf. Was soll's gewählt wird am 27.9. Abwarten...
Martin Lösslein 30.08.2009
4.
Was die Wahlen zeigen, ist: Die Wahlbeteiligung war relativ hoch, was zu Verschiebungen nach links führte. Die Nichtwähler wählen deshalb nicht, weil sie links sind und nicht, weil sie desinteressiert sind.
littlejon 30.08.2009
5.
Zitat von sysopIn Thüringen, Sachsen und im Saarland wurde der Landtag gewählt. Wie bewerten Sie die Ergebnisse im Hinblick auf die Bundestagswahl im September? Diskutieren Sie mit!
Tja, es wird spannend. Vielleicht merkelt die Union jetzt auch mal, dass die heiße Phase des BT-Wahlkampfs längst begonnen hat! Auf der anderen Seite - wenn die CSU so weiter macht wie bisher, schaffen Seehofer/Dobrindt entweder alle Voraussetzungen für RRG, oder zumindest für die Fortsetzung der allseits beliebten GroKo.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.