Auftritt in Brüssel: Ein nervöser Herr zu Guttenberg

 Von , Brüssel

Netzaktivisten haben ihn gestürzt, jetzt bekommt er von der EU ausgerechnet einen Job als Internetberater. Karl-Theodor zu Guttenberg muss sich deshalb bei seinem ersten Auftritt in Brüssel quälende Fragen gefallen lassen, seine Antworten sind zuweilen patzig.

REUTERS

Seine Stimme wackelt, sein Lächeln wirkt verunsichert, auf seinen Wangen haben sich rote Flecken gebildet. Karl-Theodor zu Guttenberg ist sichtlich aufgeregt, als er an diesem Montagvormittag im Pressesaal der EU-Kommission vor die Kameras tritt. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt auf europäischem Boden seit seinem Rücktritt als Verteidigungsminister vor neun Monaten.

Er trat zurück, weil Internetaktivisten aufgedeckt hatten, dass seine Doktorarbeit ein Plagiat ist. Nun ernennt die EU-Kommission ausgerechnet ihn zum Internetberater. Guttenberg solle herausfinden, wie Bloggern und Netzaktivisten in autoritär geführten Ländern geholfen werden kann, um der Unterdrückung durch ihre Regime zu entgehen, sagt die für die "Digitale Agenda" zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes.

Guttenberg soll Verbindungen mit EU-Mitgliedsländern, Nichtregierungsorganisationen sowie Staaten außerhalb der EU knüpfen und koordinierend tätig werden. Auch die Privatwirtschaft will der CSU-Politiker mit in sein Vorhaben einbeziehen. Ziel ist, dass Menschenrechtsaktivisten in autoritären Regimen nicht mehr so leicht überwacht und ihrer Kommunikationskanäle in die Außenwelt beraubt werden können. Ein Gehalt und eigene Mitarbeiter bekommt Guttenberg für seine Beratertätigkeit nicht, wie Kroes betonte. Ausgaben für Reisen werden ihm aber ersetzt.

Seit Guttenbergs Auftritt vor einigen Tagen bekannt wurde, bombardierten Journalisten das Büro der Niederländerin mit Anfragen. Warum gerade Guttenberg? Bezahlt ihn die EU für seinen Job? Warum gerade jetzt?

Doch das Büro der Kommissarin gab kaum Antworten. Es heißt, Kroes sei durch das Interesse an der Person Guttenberg überrascht worden, doch das ist kaum glaubwürdig. Und wenn es so wäre, sagt es viel aus über die politische Abgehobenheit des Brüsseler Polit-Personals. Auch dass nicht Guttenberg auf Kroes, sondern Kroes auf Guttenberg zukam, ist kein Zeichen von politischer Weitsicht, zumal die Niederländerin dem Deutschen bereits vor dem Sommer den Job antrug - zu einer Zeit also, als sein spektakulärer Rücktritt gerade einmal vier Monate her war.

"Ich bin froh, dass er uns einen Teil seiner Zeit zur Verfügung stellt"

Fragen über Fragen also, und die Journalisten im Pressesaal der Kommission sind froh, dass es mal nicht um zähe Sachfragen wie die Euro-Rettung oder die Anti-Diskriminierungsrichtlinie geht. Endlich stellt sich hier in Brüssel mal die Machtfrage. Der Sprecher von Kroes weist zwar noch einmal darauf hin, dass es in der Pressekonferenz ausschließlich um die Internet-Strategie gehen soll, aber das glaubt er wahrscheinlich selbst nicht.

Wäre es nicht weiser gewesen, jemanden mit einer besseren Reputation zu ernennen?, will der erste Journalist wissen. "Ich habe Karl-Theodor ausgewählt, und ich bin froh, dass er ja gesagt hat", antwortet die Kommissarin. "Er denkt unkonventionell. Ich suche keine Heiligen, ich suche Talente." Ob dies eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ehemalige Politiker sei, will ein anderer wissen. "Ich schaffe keine Jobs für Menschen, die nicht mehr aktiv sind", sagt Kroes. "Karl-Theodor ist sehr aktiv, und ich bin froh, dass er uns einen Teil seiner Zeit zur Verfügung stellt."

Guttenberg trägt schwarze Wildlederschuhe, eine schwarze Hose und ein blaues Sakko, dessen mittlerer Knopf geschlossen ist. Beobachter hatten geschrieben, er habe ein paar Kilo zugenommen, worüber Guttenberg sich empört hatte. Vielleicht hat er wieder abgenommen, zumindest wirkt er wieder wie früher.

EU-Berater mit Heimatbasis in den USA

Der Ex-Minister liest anfangs vom Zettel ab. Er spricht Englisch. Er werde, sagt Guttenberg, für die Koordinierung der Internet-Strategie mit anderen westlichen Ländern die Kontakte nutzen, die er in seiner zehnjährigen politischen Karriere gesammelt habe. Da kaum einen im Saal die Internet-Strategie der Kommission interessiert, versucht er es mit Vorwärtsverteidigung. "Ich bin selbst der Macht des Internets ausgesetzt gewesen." Seine Heimatbasis seien die USA, "aber ich werde sicherlich nach Europa reisen, wenn es notwendig ist".

Was dann folgt, ist eine Befragung, wie sie Brüssel bislang selten erlebt hat. Man wundert sich nach einer Weile, warum Guttenberg sich das antut. Mit jeder Frage werden seine Antworten kürzer, manchmal scheint es, als möchte er explodieren, aber er hat sich unter Kontrolle. Wenn er jetzt die Beherrschung verliert, kann er sein Comeback vergessen. Er muss sich, anders als er das im Interview mit der "Zeit" getan hat, in Bescheidenheit üben. Eine Kostprobe. Journalist: "Freiheit im Internet, heißt das Copy-and-Paste für alle?" Guttenberg: "Die Freiheit des Internets ist das Hauptziel, über das wir hier reden."

Warum sollte man ihm glauben, dass der Brüsseler Auftritt nicht Teil eines sorgsam geplanten Comebacks ist? "Weil Sie mich nicht in Deutschland sehen. Dies ist kein politisches Comeback. Ich bin gerade erst in die Vereinigten Staaten gezogen und plane nicht, in den nächsten Wochen oder Monaten zurückzukommen." Ob er langfristig die Rückkehr auf die politische Bühne in Deutschland plane, hakt einer nach. "Ich habe Ihnen gerade eine Antwort gegeben."

Er verschwindet lächelnd durch die Hintertür

Gastgeberin Kroes ist das Fragefeuer sichtlich unangenehm. "Ich bin es, der Sie die Schuld dafür geben müssen, Herrn zu Guttenberg gefragt zu haben. Ich vertraue ihm völlig, sonst hätte ich ihn nicht gefragt." Es ist der klare Versuch, Guttenberg zu rehabilitieren. "Ich habe in meinem Leben mehr aus meinen Fehlern gelernt als aus meinen Erfolgen", sagt die Niederländerin. "Seien Sie gewiss, dass die Liste meiner Fehler sehr lang ist."

Man glaubt das einer 70-Jährigen, die auf eine 40-jährige Karriere als Politikerin zurückblickt. Einem 40-Jährigen aber, der nicht einmal zwölf Monate im politischen Exil die Füße ruhig halten kann, fehlt diese Glaubwürdigkeit. Aber vielleicht hat er sich auch einen anderen Satz seiner Brüsseler Gastmutter gemerkt: "Ich bin tatsächlich etwas störrisch, Hartnäckigkeit ist ein ganz wichtiges Thema."

Guttenberg will wieder nach Brüssel kommen. Er weiß, dass der nächste Auftritt leichter sein wird als die Premiere. Und so verschwindet er nach einer halben Stunde durch die Hintertür des Pressesaals, lächelnd. Die Flecken auf den Wangen sind verschwunden.

mit Material von dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 198 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kuhrüden
mattotaupa 12.12.2011
Zitat von sysopNetzaktivisten haben ihn gestürzt,*jetzt bekommt er*von der EU ausgerechnet einen Job*als Internetberater. Karl-Theodor zu Guttenberg muss sich deshalb*bei seinem ersten Auftritt in Brüssel quälende Fragen gefallen lassen, seine Antworten sind zuweilen patzig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803210,00.html
Karl Theodor wer ??
2. Internetfreiheit und Guttenberg?
oldsiggi 12.12.2011
Na, das wird ja eine Spielwiese für Fälscher und Raubkopierer. Was da die Rechteverwerter wohl zu sagen ?
3. Die Verkommenheit ...
fridericus1 12.12.2011
Zitat von sysopNetzaktivisten haben ihn gestürzt,*jetzt bekommt er*von der EU ausgerechnet einen Job*als Internetberater. Karl-Theodor zu Guttenberg muss sich deshalb*bei seinem ersten Auftritt in Brüssel quälende Fragen gefallen lassen, seine Antworten sind zuweilen patzig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803210,00.html
... unserer sog. politischen Klasse lässt mich nur noch ins Essen brechen. Und da wundert man sich, dass die europäischen Institutionen den Menschen nur noch zuwider sind???
4. Demokratie
saitha 12.12.2011
Zitat von sysopNetzaktivisten haben ihn gestürzt,*jetzt bekommt er*von der EU ausgerechnet einen Job*als Internetberater. Karl-Theodor zu Guttenberg muss sich deshalb*bei seinem ersten Auftritt in Brüssel quälende Fragen gefallen lassen, seine Antworten sind zuweilen patzig. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803210,00.html
Demokratie in Reinkultur: Bei demokratischen Wahlen hätte der gute Herr seine eigene Partei geschädigt und wäre im Abseits gelandet. Also lieber direkt nach Brüssel, direkt zu den Kommissaren. Da kann man nur staunen, wie dreist die Machthaber ihren Schützling protegieren!
5.
klowasser 12.12.2011
"Guttenberg solle herausfinden, wie Bloggern und Netzaktivisten in autoritär geführten Ländern geholfen werden kann, um der Unterdrückung durch ihre Regime zu entgehen" Das der aus einem autoritär geführtem Land von Internetaktivisten gestürzte Guttenberg nun zu solch einem Berater wird, klingt ein wenig nach "Bock zum Gärtner machen".
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Karl-Theodor zu Guttenberg
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 198 Kommentare
Fotostrecke
Karl-Theodor zu Guttenberg: Meister der Inszenierung