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Joachim Gauck predigt den Segen der bewaffneten Politik. Damit steht der Pastoren-Präsident in einer unseligen Tradition: der protestantischen Begeisterung für den (selbst)-gerechten Krieg.

Bundespräsident Gauck: Nicht so zimperlich
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Bundespräsident Gauck: Nicht so zimperlich

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Schon wieder! Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deutschen aufgefordert, nicht so zimperlich zu sein, wenn es um die gerechte Sache geht. In einem Interview sagte er vor ein paar Tagen: "Und in diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen." Jeder Präsident hat sein Thema. Am Anfang dachte man, Gaucks Thema sei die Freiheit. Aber das war ein Irrtum. Langsam wird deutlich: Es ist der Krieg.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Januar hatte Gauck schon gesagt, Deutschland solle sich "früher, entschiedener und substanzieller einbringen." Gauck hatte das Wort nicht ausgesprochen, aber seine Zuhörer hatten ihn verstanden. Er sprach vom Krieg. Jetzt dieses Interview. Der Krieg ist eine schwerwiegende Sache. Warum redet der Präsident so oft und so leichtfertig darüber? Denn so muss man das nennen, wenn Gauck sagt, es habe "früher eine gut begründete Zurückhaltung der Deutschen" gegeben, bei internationalen Einsätzen und Konfliktfällen aktiv zu werden. Heute sei das Land aber eine "solide und verlässliche Demokratie", zu deren wachsender Verantwortung gehöre, den Einsatz militärischer Gewalt "als letztes Mittel nicht von vornherein zu verwerfen".

Genau das ist aber in Deutschland offensichtlich nicht der Fall. Die Deutschen "verwerfen" den Einsatz ihres Militärs mitnichten. Sie sind bloß nicht sonderlich erpicht darauf. Dennoch sind zurzeit 4600 Soldaten im Ausland eingesetzt - und zwar in 15 Einsatzgebieten, vom Kosovo, über die Küste des Libanon bis nach Afghanistan und weiter. Das liegt daran, dass sich außer der Linkspartei keine politische Partei grundsätzlich gegen ein militärisches Engagement der Bundesrepublik wendet. Und die Linken stehen nicht gerade kurz vor der Machtübernahme.

All diese Dinge sollte Gauck wissen. Er rennt also Türen ein, die weit offen stehen. Das aber tun nur Leute, die in Wahrheit das ganze Haus umbauen wollen.

Der Publizist Jürgen Todenhöfer hat Gauck auf seiner Facebook-Seite in einer Fotomontage als al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri gezeigt und dazu die Frage gestellt: "Was haben wir bloß getan, um einen solchen 'Jihadisten' als Präsidenten zu bekommen?" Wer den Vergleich schockierend findet, der übersieht, wie gefährlich der religiös-moralische Rigorismus in allen Religionen ist. Und die "Verteidigung der Menschenrechte" ist längst die säkulare Religion des Westens. Damit lässt sich beinahe alles rechtfertigen.

Die protestantische Selbstgerechtigkeit im Schloss Bellevue

Auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten des Erstens Weltkriegs stand noch "Gott mit uns". Die evangelische Kirche hatte ihren Teil an der "Augustbegeisterung". Der protestantische Theologe Reinhold Seeberg, der später Rektor der Berliner Universität wurde, vertrat bis zum bitteren Ende 1918 die Ansicht: Wer im Zuge der "Verteidigung des Vaterlandes" einen belgischen Soldaten erschießt, der vollstreckt damit das Werk der Nächstenliebe Christi an ihm. So lange ist es noch nicht her mit dem deutschen Dschihadismus. Der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies hat erst vor ein paar Wochen gesagt: "Dieses Erbe ist immer noch nicht genügend aufgearbeitet."

Gauck wird dazu nichts beitragen. Im Gegenteil: Er hat die protestantische Selbstgerechtigkeit ins Schloss Bellevue getragen. Unsäglich war schon vor zwei Jahren sein Auftritt in der Führungsakademie der Bundeswehr, wo er die deutsche Fahne beinahe zärtlich berührte und Einblick in seine absonderliche altdeutsch-protestantische Soldatenethik gab, in der es um Dienst und Pflicht und Opfer geht und die in der Feststellung gipfelte: "Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen."

Die Grünen sollten sich überlegen, ob sie wirklich für eine zweite Amtszeit dieses Präsidenten votieren wollen. Es wäre an der Zeit zu erkennen: Dieser Mann war ein Missverständnis.

Papst Franziskus hat sich übrigens gerade in einem Zeitungsinterview auch zum Krieg geäußert. Aber in einem ganz anderen Sinne. Er zog die Verbindung zwischen Krieg und Kapitalismus. "Damit das System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben. Einen dritten Weltkrieg kann man jedoch nicht führen, und so greift man eben zu regionalen Kriegen", sagte Franziskus.

Der brave Soldat Gauck, der käme im Leben nicht auf so eine Idee.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 328 Beiträge
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Seite 1
verantwortung 19.06.2014
1. danke
für diesen Kommentar! Das Ende beginnt immer am Anfang und bei einem Krieg ist es zum Schluss immer keiner gewesen! Nie wieder Krieg mit deutschen Soldaten und am besten auch nicht mit deutschen Waffen!
sappelkopp 19.06.2014
2. Danke, Herr Augstein...
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck predigt den Segen der bewaffneten Politik. Damit steht der Pastoren-Präsident in einer unseligen Tradition: der protestantischen Begeisterung für den (selbst)-gerechten Krieg. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-gegen-gauck-s-forderung-nach-mehr-deutschen-kriegseinsaetzen-a-976083.html
...sehr gut analysiert. Besonders die Frage nach der zweiten Antszeit kann gar nicht laut genug gestellt werden.
Tommi16 19.06.2014
3. offene Türen oder Perlen vor die Säue
Ja Herr Augstein, es bleibt Ihnen und uns, die wir keine Kriege wollen, nur die Resignation. "Deutschland, Deutschland - mittendrin" wird wohl Realität werden.
EinItaliener 19.06.2014
4. Das hat gesessen.
Kompliment, Herr Augstein.
holy10 19.06.2014
5. Guter Artikel
Wie kann man einen Angriffskrieg rechtfertigen? Mit Moral? Ich dachte Gauck wäre nach Köhler und Wulff mal wieder ein geeigneter Mann als Präsident, aber das war ein Irrtum.
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