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21. Mai 2012, 13:19 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Sarrazin entlarvt die Euro-Lüge

Eine Kolumne von Jakob Augstein

Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin ist zurück. Diesmal wettert er nicht gegen Ausländer, sondern gegen den Euro. Um ihn zu widerlegen, müsste man das Finanzsystem im Kern reformieren. Aber davor schrecken alle zurück - von Merkel bis Steinbrück.

Thilo Sarrazin ist wie ein böser Geist. Er erscheint dort, wo es sich die öffentliche Debatte in einer Lüge bequem macht. Das galt für die verpassten Chancen der muslimischen Integration in Deutschland. Das wird jetzt für sein Buch über den Euro gelten. Aber Sarrazin bringt keine Wahrheiten. Er führt die Lüge in ihr perverses Extrem. Dann liegt sie da in grellem Licht, und es wird schwer, sie noch zu übersehen. Sarrazin tut das unabsichtlich. So paradox es klingt: Man muss ihm dafür beinahe dankbar sein.

Sicher, das Argument, es gehe bei Schulden immer um Schuld, findet bei Sarrazin jetzt eine unheimlich deutsche, populär-psychologische Wendung: Die deutschen Befürworter von Euro-Bonds wollten in der Euro-Krise mit den Schulden der anderen die eigene Schuld am Holocaust abzahlen.

Angst muss man vor diesem Mann trotzdem nicht haben. Da gibt es gefährlichere Populisten in Europa, in Frankreich, in den Niederlanden, in Dänemark, in Polen, in Finnland. Eigentlich überall. Nur nicht in Deutschland. Die Deutschen beschreiten einen Sonderweg. Diesmal zum Glück. Unsere Populisten sind die fröhlichen Netzbefreier von der Piratenpartei, die den Grünen und den Linken gerade den politischen Optimismus streitig machen.

Ohne Empathie lässt sich die Welt nicht verstehen

Als öffentliche Figur ist Sarrazin eine kuriose Erscheinung: eine Mischung aus Dieter Hallervorden und Ekel Alfred. Aber er entlarvt in schroffem Ton die Lügen der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik. In der SPD ist Sarrazin gleichsam der Idiot der Familie. Er sagt die Sachen, die alle denken aber nicht aussprechen. Das liegt bei den anderen aber nicht an irgendeiner Verschwörung des Schweigens sondern am Wirken der höheren Vernunft. Die funktioniert bei Sarrazin nicht.

Sein Gehirn gleicht einem Taschenrechner: prima für Zahlen, schlecht für Politik. Wir haben das in der Islam-Debatte erlebt. Wir erleben es jetzt in der Euro-Debatte: Sarrazin erscheint als Autist. Es fehlt ihm die Empathie. Aber ohne Empathie, ohne Emotion lässt sich die Welt nicht verstehen. Wer seine Umgebung auf Zahlen, Daten, Fakten reduziert, geht wie ein Blinder durch sein Leben.

Es gibt Psychiater, die dafür ein Wort gefunden haben: Alexithymie, Gefühlsblindheit. Das ist in der Fachwelt ein umstrittener Begriff. Aber in jedem Fall eine traurige Sache. Sarrazins Welt ist die der Matrix. Wenn er von Deutschland redet oder von Europa, dann lösen sich diese Begriffe vor seinem inneren Auge in lauter Zahlenreihen auf. Oder anders: Sarrazin weiß gar nicht, wovon er redet. Er hat gar nicht verstanden, worum es bei der Integration geht, und er hat auch Europa nicht verstanden.

Bei Günther Jauch hat Thilo Sarrazin gesagt, dass Europas Erfolge in der Vergangenheit lägen, in der Zeit vor dem Euro. Und dass Europa seit seiner Einführung zunächst stagniert habe und nun beginne, auseinanderzufallen. Peer Steinbrück hat versucht, ihm zu widersprechen. Aber das ist dem Mann, der Kanzler werden will, nicht besonders gut gelungen. Kein Wunder. Ohne eine tiefgreifende Reform der Finanzmärkte oder einen großen Schritt in der politischen Integration ist der Euro nicht zu retten. Das eine trauen sich im Angesicht der Bankenmacht weder Merkel noch die SPD. Das andere trauen beide den Wählern nicht zu.

Selbstregulierung der Märkte? Diese Ideologie ist gescheitert

Das Problem des Euro ist, dass er vor den Märkten nicht geschützt und von der Politik nicht gehalten wird. Es gibt weder eine ausreichende Kontrolle des Finanzsystems noch eine gemeinsame Wirtschaftsregierung. Der Euro ist wie ausgesetzt: Er sollte allein zurechtkommen. Das funktioniert nicht. Europa als Labor eines neoliberalen Experiments hat gezeigt: Die Selbstregulierung der Märkte ist eine gescheiterte Ideologie.

Zur Erinnerung: Erst haben sich die Banken verzockt. Dann haben die Staaten sie gerettet. Und dann haben die Banken diese Rettung durch steigende Zinsen für die Staaten immer teurer gemacht. Dieses System ist pervers. Es wäre jetzt der Moment gekommen, es abzuschaffen. Steinbrück und Sarrazin und Merkel mögen sich als Euro-Kritiker geben oder als Euro-Retter, und sie mögen sich darüber streiten, welchen Teil der Last Deutschland zu tragen habe. Aber sie sind sich alle darin einig, um Gottes Willen das Problem nicht an der Wurzel zu packen.

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