S.P.O.N. - Im Zweifel links: Wir sind schuldig!

Eine Kolumne von Jakob Augstein

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Überflutung an der Elbe: Wer will schon gern Verantwortung übernehmen?

Jahrhunderthochwasser wälzen sich durch Süd- und Ostdeutschland. Jetzt ist Gelegenheit, die Leugner des Klimawandels auf die Deiche zu führen! Und die Wachstumsprediger nach Magdeburg. Aber sie würden nur sagen, dass sie nicht schuld sind. Und wir alle würden einstimmen!

In Magdeburg müssen Menschen mehrere Stadtteile verlassen. Mehr als 20.000 Bürger weichen vor der Flut zurück. Wenn das Umspannwerk versinkt, werden weite Teile der Stadt ohne Strom sein. Das ist keine Prognose, keine Studie zum Klimawandel. Darüber muss nicht auf einem paritätisch besetzten Panel gestritten werden. Das ist die Wirklichkeit.

Die Katastrophe klärt den Blick. Unsere Art zu leben kommt nicht ohne Kosten aus. Daran erinnert dieses Hochwasser - erneut. Es ist die zweite "Jahrhundertflut" in gut zehn Jahren. Ob dieses eine Hochwasser auf die von Menschen gemachte Erderwärmung zurückgeht, wird sich nicht beweisen lassen. Die Frage ist: Welchen Beweis brauchen die Klimawandelleugner, bevor ihnen die Augen aufgehen? Was muss geschehen, damit die Wachstumsprediger dazulernen? Keiner von ihnen wird später sagen können, er habe nichts gewusst.

Unter den Lemmingen gibt es immer welche, die vorauslaufen. Karl-Heinz Paqué ist so einer. Er ist Wirtschaftsprofessor und früherer Landesminister der FDP. Es ist vor allem ihm zu verdanken, dass der Bericht der Enquete-Kommission des Bundestags "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", der in der vergangenen Woche vorgelegt wurde, zu einem Dokument des Scheiterns wurde. In dem 844-Seiten-Wälzer heißt es zwar: "Angesichts der globalen Überschreitung von kritischen Umweltraumgrenzen bedarf es in den kommenden Jahrzehnten einer absoluten Reduktion der Nutzung dieser Ressourcen." Das heißt, wir müssen mit weniger von vielem Vorlieb nehmen. Aber Paqué, von der FDP als Sachwalter der alten Ideologie in die Kommission entsandt, predigt unverdrossen Wachstum, Wachstum, Wachstum. Eifrig hat er daran mitgewirkt, dass das Bruttoinlandsprodukt nach wie vor der entscheidende Indikator zur Beurteilung von Erfolg und Misserfolg der Wirtschaftspolitik ist. Der Versuch, durch die Berücksichtigung anderer Faktoren, wie Gesundheit, Bildung, Artenvielfalt, Raum für ein anderes Denken zu schaffen, endete in einer Farce.

Die alte Ideologie und die wirtschaftlichen Interessen haben lautstarke Verteidiger. So wie die Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch. In einer Broschüre über den Klimawandel nannte das Umweltbundesamt die beiden neulich zurückhaltend "Klimawandelskeptiker" - in Wahrheit sind sie Ideologen der intellektuellen Stagnation. Sie füllen eine wöchentliche Kolumne in Springers "Welt", die in den rechten Ecken des Internets nachbereitet wird. Ihr Ziel: die Ergebnisse der Klimaforschung ins Lächerliche zu ziehen. Wahlweise rechnen die beiden mit statistischen Taschenspielertricks die menschengemachte Erderwärmung weg oder geben gleich der Sonne die Schuld. Und dabei haben sie nichts als Spott und Häme für jene Menschen übrig, die uns alle zur Umkehr mahnen. Das ist Auftragsjournalimus im Interesse der Wirtschaft, und das Umweltbundesamt hatte Recht, diese Form von Lobby-Journalismus bloßzustellen.

In der Krise gibt es einen Moment der Hellsichtigkeit

Die Wachstumsprediger und die Klimaleugner tappen in die Falle des Vulgär-Liberalismus: Sie verwechseln Freiheit mit Verantwortungslosigkeit. Aber wer will schon gerne Verantwortung übernehmen?

Erinnern Sie sich an die Stimmung vor zwei Jahren? In Fukushima war das Kernkraftwerk explodiert. Die Euro-Krise befand sich auf einem ihrer vielen Höhepunkte. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte hatte Milliarden an Werten und Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet. Damals dämmerte den Leuten: Der Sozialismus ist pleitegegangen, als nächstes erwischt es den Kapitalismus. Eine Ahnung breitete sich aus: So kann es nicht weitergehen.

Aber was haben wir getan? Wir haben in ein System der Verschuldung noch mehr Geld hineingepumpt - und weiter gemacht wie bisher.

Und erinnern Sie sich an die Flut von 2002? Damals hatte eine Kommission empfohlen, der Elbe mindestens 12.000 Hektar Land freizumachen. Damit sie es nicht so eng habe in ihrem Bett und endlich Raum, schadlos über die Ufer zu treten. Man wusste schon damals, dass Extremwetterlagen zunehmen würden und dass erwärmte Luft mehr Wasser tragen kann.

Aber was geschah? Keine 20 Prozent dieser Fläche wurden realisiert. Zurückweichen kommt nicht in Frage. Das wäre doch gelacht, wenn wir dieses Flusses nicht Herr würden! An vielen Orten wurden die Deiche erhöht. Das war irre: Dadurch mussten die Wassermassen noch höher steigen, und die Flutwelle rast noch schneller stromabwärts.

In der Krise gibt es einen Moment der Hellsichtigkeit. Dann liegen das Problem und seine Ursachen klar vor uns. Dann entscheidet sich, ob wir lernen oder nicht. Meistens lernen wir nicht. In seinem Buch "Kollaps" hat der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond beschrieben, wie Kulturen untergehen: In der Krise geben sie sich noch mehr Mühe, das zu tun, was sie am besten können - Pech, wenn sie das immer tiefer in den Schlamassel lenkt. Wer unter neuen Lebensbedingungen alte Wege geht, endet im Aus. Das hat den Leuten auf den Osterinseln den Rest gegeben, den Wikingern auf Grönland und den Maya. Wenn wir die nächsten sind, sollten wir nicht überrascht sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 797 Beiträge
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    Seite 1    
1. Klimawandel und ToDo
rkinfo 10.06.2013
Natürlich darf jeder - auch Politiker - skeptisch bei Klimawandel sein. Aber 'Jahrhunderthochwasser' dann vorsichtig als 'Jahrzehnthochwasser' umzuformulieren war nicht abwegig. Überflutungsflächen sind auch keine Schätzwerte sondern einige 100 Mill. Kubikmeter Wasser müssen nun man umgeleitet werden damit Städte nicht im Wasser stehen.
2. Ein ziemlich ...
mexi42 10.06.2013
unqualifizierter Beitrag. Ausnahme: Hinweis auf nicht verwirklichte Überflutungsflächen.
3. Die
alpha-beet 10.06.2013
Sehr geehrter Jakob Augstein, das ist zwar ein lesenswerter Kommentar, aber ich rate Ihnen schon mal, Ihre Deiche zu erhöhen, damit Sie nicht in der unvermeidlichen Flut negativer Zuschriften in diesem Forum ertrinken.
4. Klare Antwort
ja-sager 10.06.2013
Lieber Herr Augstein, auf dieses schmale Brett lasse ich mich nicht locken. Auch dieses Hochwasser hat mit Klima nichts zu tun, sondern ist ein reines Wetterphänomen. Diese Form von Hetze ist von der ganz dummen Art. So traurig das für die betroffenen auch ist, aber mit Windmühlen und abgeschalteten Atomkraftwerken, mit Fahrradfahren und CO2-Reduktion lässt sich das Klima nicht beeinflussen. Sie möchten wohl aber lieber Wähler beeinflussen, ihre Fernsehauftritte in gewissen Talk-Runden sprechen da ja eine klare Sprache. Von der Redaktion des Spiegels bin ich enttäuscht, dass sie sich vor einen solchen Karren spannen lassen. Sie nennen sich Journalist? Sie taugen gerade noch als Pressesprecher einer linken Partei.
5. Verlassen
rennflosse 10.06.2013
Zitat von sysopJahrhundert-Hochwasser wälzen sich durch Süd- und Ostdeutschland. Jetzt ist Gelegenheit, die Leugner des Klimawandels auf die Deiche zu führen! Und die Wachstums-Prediger nach Magdeburg. Aber sie würden nur sagen, dass sie nicht schuld sind. Und wir alle würden einstimmen! Augstein-Kolumne: Wir sind schuld an der Flut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-kolumne-wir-sind-schuld-an-der-flut-a-904744.html)
Jetzt ist er anscheinend endgültig von allen guten Geistern verlassen! Es ist ja so bequem, wenn ein Erb-Millionär dem Volk erzählen will, wie es zu leben habe. Die Fluten sind also der Klimawandel, der doch angeblich erst in zwanzig Jahren eintreten soll, wenn die Temperatur nicht auf zwei Grad begrenzt werden kann? Dabei sinkt die Jahrestemperatur doch. Wie passt das zusammen? Und was ist mit den schneelosen Wintern, die wir doch angeblich längst als Folge des Klimawandels haben sollten? Klimaleugner gibt es nicht, sie sind eine Erfindung von Demagogen. Unklar ist lediglich, was die Ursachen sind und welche Auswirkungen man erwarten muss. Dass seit 2002 auch Fehler gemacht wurden und dass man nicht alles mit Deichen lösen kann, sei zugestanden. Aber wir können leider auch nicht die halbe Republik zum Polder umwandeln. Wachstum ist nicht unendlich zu haben, auch dies ist eine Binsenweisheit. Man muss dann aber auch die Frage beantworten, wovon die Menschen leben sollen. Schon jetzt sind zu viele vom Wohlstand ausgeschlossen; und das im eigenen Land. Manchmal wünscht man diesen Besserschreibern, sie würden in vorderster Sandsackfront stehen oder absaufen, statt sich am Elend der Opfer zu weiden.
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