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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Raushalten, Herr Steinmeier!

Eine Kolumne von

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Außenminister Steinmeier: "Was ist Deutschlands Rolle in der Welt?"

Die meisten Deutschen wollen nicht, dass sich ihr Land in der Welt stärker engagiert. Frank-Walter Steinmeier ficht das nicht an. Er will "die Welt anführen", redet von Verantwortung und Anstand. Warum sollen wir ihm glauben?

Das Auswärtige Amt hat nachgefragt: "Soll sich Deutschland künftig international mehr engagieren?" 37 Prozent der Befragten antworteten mit "Ja." 60 Prozent mit "Nein." Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Studie vorgestellt. Dagegen stellte er in einer Rede im Auswärtigen Amt die typische Position eines außenpolitischen "Experten": Es sei die deutsche Bestimmung, "Europa anzuführen und die Welt anzuführen". Solcher Irrsinn gilt im Auswärtigen Amt tatsächlich wieder als Expertenmeinung.

Steinmeier sprach von einem Graben zwischen den Erwartungen der "Experten" und der Zurückhaltung des Volkes. Seine Aufgabe sei es nun, diesen Graben zu überbrücken. Aber warum eigentlich? Er hätte stattdessen den "Experten", der den Deutschen rät, die Welt anzuführen, eigenhändig in jenen Graben werfen sollen.

Aber die Kunst der Selbstbescheidung geht der Deutschen Politik gerade verloren. In Berlin regt sich ein gefährlicher alter Geist: Wir haben doch der Welt so viel mehr zu bieten als nur unsere Industriegüter. Jetzt muss nur noch das Volk überzeugt werden. Hoffentlich hält es stand.

Als sich einmal Volk und Regierung der DDR entzweit hatten, gab Bertolt Brecht in seinen Buckower Elegien den berühmten Rat: "Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?" In einer ähnlichen Situation befindet sich der deutsche Außenminister. Er ist unzufrieden mit seinen Deutschen. Ihnen fehlt das richtige außenpolitische Bewusstsein: "Egal, ob es um Nahost, Mali, Afghanistan oder die Ukraine geht: 'Raushalten! Was geht uns das an?'", schimpfte Steinmeier, "Nur hält uns das nicht davon ab, immer und überall Haltungsnoten zu verteilen für das, was andere tun oder unterlassen."

Steinmeier hielt seine Rede im Weltsaal des Auswärtigen Amtes. Den muss man gesehen haben! Donnerwetter! 836 Quadratmeter ohne Stützen! Die Wände so weit wie der Wind und die Decke so hoch wie die Sterne. Ein Welt-Raum für große Gedanken. Das war mal die Kassenhalle der alten Reichsbank. Früher wurden hier Scheine gewechselt. Jetzt Visionen.

Steinmeier hat eine Mission

Denn Steinmeier hat eine Mission. Schon vor Monaten hatte er gesagt, Deutschland sei "zu groß, um die Weltpolitik nur zu kommentieren". Was die Deutschen schon leisten - das genügt dem Minister einfach nicht. Die Einsätze der Bundeswehr in Kambodscha, Georgien, Kosovo und Afghanistan - für Steinmeier alles nur Kommentare. Da sollte er sich nicht wundern, wenn er auf dem Berliner Alexanderplatz von Demonstranten als Kriegstreiber beschimpft wird. Er wurde da sehr wütend, der Minister, und seine Wutrede hat ihm viel Sympathie eingebracht. Steinmeier ist ein aufrichtiger Mann. Aber er ist kein aufrichtiger Politiker.

Steinmeier sagte: "Was in der Außenpolitik fehlt, ist die Verortung, der Kompass dafür, was Verantwortung heißt, was gerecht ist und was nicht, was anständig ist, was Politik leisten kann und was nicht." Da hätte er sich doch in seiner Weltsaal-Rede mit der Frage befassen können, warum die Bundesbürger vor 20 Jahren noch ganz anders auf die Welt geblickt haben: Damals waren die Verhältnisse genau umgekehrt und 62 Prozent hatten sich für mehr außenpolitisches Engagement ausgesprochen.

Aber seitdem hat sich der Westen heillos in seinen Lügen und Irrtümern verheddert. Steinmeier und seinen "Experten" in den Stabsstellen, in den Thinktanks und den Zeitungsredaktionen mag es gelingen, die moralischen Verheerungen der westlichen Abenteurerpolitik in einer großen historischen Bilanz als Verluste zu verbuchen. Die Deutschen können das offenbar nicht.

Denn es hat ihnen noch immer niemand erklärt, wie wir nach den Erfahrungen der Irak-Lüge jemals wieder den Amerikanern glauben sollen, wenn sie mit "Beweisen" für finstere Bedrohungen um die Ecke kommen, die einen Militärschlag nötig machen. Es hat ihnen noch immer niemand erklärt, wofür in Afghanistan 55 deutsche Soldaten gestorben sind. Und es hat ihnen noch immer niemand erklärt, warum die Frage, ob die Ukraine ein einheitlicher Staat bleibt oder in zwei Staaten zerfällt, deutsche Interessen berührt. Solange diese Fragen offen sind, sollte man den Deutschen danken, wenn sie die Zurückhaltung üben, die das politische Berlin gerade verlernt. Gott zum Gruße, Ohne-Michl!

Aber unsere außenpolitischen Eliten sticht schon lange der Hafer. Sie wollen endlich mit den Erwachsenen spielen, mit den Amerikanern, den Franzosen, den Briten, wenn auch ohne eigene Atomwaffen. Es geht ihnen wie im Hans Albers Lied: "Mich trägt die Sehnsucht fort / In die blaue Ferne". Steinmeier kündigte für die kommenden Monaten die Klärung der Frage an "Was ist Deutschlands Rolle in der Welt?". Da können wir uns auf einiges gefasst machen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 513 Beiträge
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    Seite 1    
1. großartig,
sacco 22.05.2014
Herr Augstein!
2. Ausnahmsweise
leser75 22.05.2014
bin ich ganz mit seiner Meinung einverstanden-weiter so Herr Augstein!
3.
kelnor 22.05.2014
Steinmeier hat recht. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Sie ist auch keine Ansammlung von autarken Inseln sondern alle hängen voneinander ab. Und nur weil wir immer lieb und anständig sind, werden das andere Staaten noch lange nicht sein. Und die lassen sich mit schönen Worten nicht beeindrucken. Für solche Situationen braucht man dann Verbündete. Und die erwarten von uns mehr Engagement. Zu Recht. Aber tun sie ruhig weiter so als würden wir in einer 80-Millionen-Einwohner großen Schweiz leben, Herr Augstein. Ihr Lebensstandard ist ja dank Vaters Millionen gesichert.
4. Politische Eliten?
abita 22.05.2014
Zitat von sysopAPDie meisten Deutschen wollen nicht, dass sich ihr Land in der Welt stärker engagiert. Frank-Walter Steinmeier ficht das nicht an. Er will "die Welt anführen", redet von Verantwortung und Anstand. Warum sollen wir ihm glauben? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-steinmeier-aussenpolitik-in-der-kritik-a-971028.html
Wer soll denn das bitte sein?
5. Laßt den Steinmeier
spon-facebook-10000790846 22.05.2014
auch mal eine Meinung haben, auch ist sie so krumm wie eine Banane. Man muß ihn schon verständnis entgegen bringen. Jahrzehnte hat der Gute nichts zu sagen gehabt. Ich kann nur sagen das ein Mensch mit einem geschenkten Titel noch lange nicht schlauer als vorher ist, und das gibt er zum besten.
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