S.P.O.N. - Im Zweifel links: Geliebte Apokalypse

Eine Kolumne von

Warum träumen die Linken so gerne vom Verderben? Weil Weltuntergang wichtig ist. Denn ohne Phantasien vom Ende gibt es keine Hoffnung auf einen neuen Anfang. Dystopie und Utopie gehören unweigerlich zusammen.

Propheten des Untergangs gibt es immer. Da gibt es eine direkte Linie von den Maya bis zum Club of Rome. Geirrt haben sie sich alle. Notwendig waren sie dennoch. Der Apokalyptiker hält dem Menschen das finale memento mori entgegen: Bedenke, Menschheit, dass wir alle sterblich sind. Bei Monty Python würde man sagen: "Well, that's cast rather a gloom over the evening, hasn't it?" (etwa: "Nun, das hat den Abend ein wenig verdorben, nicht?"). Und genau darum geht es: Demut, Einkehr - und Umkehr.

Die Warnung vor der Apokalypse ist die Aufforderung zur Reform. Wenn man den Fortschritt will, hilft es, den Untergang zu denken. Wunsch- und Schreckbilder gehören zusammen.

Nehmen wir mal den Club of Rome. Der lässt es sich einfach nicht verdrießen. Seit vierzig Jahren treffen seine Vorhersagen nicht ein. Manches ist viel schlimmer geworden: das Klima zum Beispiel. Manches ist besser geworden: der Hunger. Inzwischen könnten die Kollegen erkannt haben, dass das Problem mit der Zukunft ihre Unvorhersehbarkeit ist. Dennoch gibt es immer mal wieder ein Update zu den düsteren Visionen, mit denen die Organisation 1972 berühmt wurde. Das jüngste wurde übrigens gerade erst im Mai dieses Jahres präsentiert. Da wird China eine gute Prognose ausgestellt, "weil es fähig ist, zu handeln". Je wichtiger man die Ökologie nimmt, desto weniger wichtig nimmt man die Demokratie. Da gibt es offenbar einen Zusammenhang.

Dennoch war "Die Grenzen des Wachstums" vom Club of Rome ein bedeutendes und wirksames Buch. Es geht nicht darum, ob die Vorhersagen eintreffen. Es geht darum, den Menschen die Augen zu öffnen.

Apokalypse ist nur gut, solange sie nicht eintritt

Der Spott der Konservativen war der Organisation immer sicher. Konservative mögen keine Apokalypsen, weil sie auch keine Utopien mögen. 1991, nach dem Zusammenbruch des falschen Sozialismus im Osten, hat Joachim Fest vom "Ende des utopischen Zeitalters" gesprochen. Das war in Wahrheit selber eine Utopie des konservativen Intellektuellen Fest und ein großer Irrtum. Es gibt kein Zurück zur statischen Welt oder den kosmischen Zusammenhängen, wenn man einmal Abschied genommen hat.

Die Welt kann auf zwei Arten untergehen, mit einem Wimmern oder einem Knall. Der Mensch kann daran schuld sein (Sintflut) oder unschuldig (Maya). Das macht natürlich einen ungeheuren Unterschied. Es gibt eine inzwischen berühmte Sequenz aus "Apocalypse Now", die erst später wieder in den Film hineingeschnitten wurde. Da trifft der Amerikaner Willard im Dschungel auf französische Plantagenbesitzer. Sie sagen ihm: "Warum sind wir hier? Um unsere Familie zusammenzuhalten. Weil wir um das kämpfen wollen, was uns gehört. Ihr Amerikaner kämpft lediglich um das größte Nichts in der Geschichte der Menschheit." Wenn man um das Nichts kämpft, verliert man in jedem Fall, selbst wenn man gewinnt.

Aber Vorsicht: Nicht jede Apokalypse ist eine Utopie. Die Angst vor dem Untergang setzt die Kraft zum Fortschritt frei. Darum ist die Furcht vor der Apokalypse politisch. Die Freude daran ist höchstens religiös oder poetisch. Die Hoffnung auf eine Erlösung in der Endzeit ist das Gegenteil von Politik.

Der japanische Regisseur Hayao Miyazaki lässt in seinem Film "Ponyo" eine gigantische Flut über die Erde kommen. "Diese Welle säubert unsere Welt, sie schwemmt den Müll fort", sagte er. Aber das ist eben Religion oder Poesie. Die Fotos aus dem vom Tsunami verwüsteten Japan zeigen, dass die große Sündflut im echten Leben mehr Müll hinterlässt, als sie fortschwemmt. Apokalypse ist eben nur gut, solange sie nicht eintritt.

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insgesamt 102 Beiträge
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1. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 30.07.2012
Zitat von sysopWarum träumen die Linken so gerne vom Verderben? Weil Weltuntergang wichtig ist. Denn ohne Phantasien vom Ende gibt es keine Hoffnung auf einen neuen Anfang. Dystopie und Utopie gehören unweigerlich zusammen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,847108,00.html
Weil der Urnenpöbel einfach nicht so wählen will, wie sie es gerne hätten. Von der Weltrevolution ist auch noch immer nix zu sehen. Da muss Strafe natürlich sein. Hier unterscheiden sich Ideologien nicht von Religionen. Letztere Wünschen Andersdenkenden (aka Ungläubigen) ja auch immer die Pest an den Hals.
2.
hxk 30.07.2012
Zitat von sysopWarum träumen die Linken so gerne vom Verderben? Weil Weltuntergang wichtig ist. Denn ohne Phantasien vom Ende gibt es keine Hoffnung auf einen neuen Anfang. Dystopie und Utopie gehören unweigerlich zusammen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,847108,00.html
Soll bedeuten, richtig oder falsch ist nicht wichtig, solange es um eine 'gute' Sache geht. Warum muß ich sofort an die Energiewende und den angeblich von Menschen gemachten Klimawandel denken?
3. apocalypse now
jan07 30.07.2012
Genau, das reinigende Gewitter, das all die fortspült, die meine Utopien einfach nicht verstehen wollen. Dem Autor scheint nicht klar zu sein, wieviel Intoleranz sich hinter diesen Weltverbesserungsideen verbirgt. Intolernaz, die man heutzutage gerade bei linken Gutmenschen, die die Wahrheit für sich gepachtet zu haben glauben, verstärkt beobachten kann. Es stimmt schon, in diesem sinne sind Konservative weit gelassener und auch toleranter. Natürlich soll man auch den Blick für die Zukunft haben. Und dennoch halte ich es hier lieber mit Helmut Schmidt: 'Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen!'
4. Apokalypse
spon-facebook-10000009156 30.07.2012
Wir steuern in eine Apokalypse wenn wir einfach so weiterleben. Die Erde wird sich selbst heilen, doch der Mensch wird es nicht überleben. Man kann es nicht oft genug sagen.
5. Wie wärs mit einem Virus ...
MrGold 30.07.2012
... der nur Konservative befällt? Manchmal bleibt einem eben nichts anderes übrig als sich in schöne Utopien zu flüchten. Die Dummen sind leider in der Überzahl :(
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