Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Auschwitz-Befreiung: Warum Putin nicht zur Gedenkfeier kommt

Von und

Wladimir Putin (bei Gedenkfeier in Moskau): Diplomatische Verstimmungen Zur Großansicht
DPA

Wladimir Putin (bei Gedenkfeier in Moskau): Diplomatische Verstimmungen

Russlands Präsident Putin fehlt beim Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Veranstalter widersprechen Behauptungen, die Absage des Kreml-Chefs sei aus politischem Kalkül erfolgt.

Berlin - Joachim Gauck setzte in seiner Ansprache vor dem Bundestag ein Zeichen. "Die Vernichtungslager im Osten wurden von den Sowjetsoldaten befreit. Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit", sagte das deutsche Staatsoberhaupt am Dienstag. Von den Plätzen aller Abgeordneten gab es dafür Applaus.

Es war eine Geste, die auch nach Russland wirken soll. Denn Gauck und die Abgeordneten des Bundestags wussten: Die Feierlichkeiten zur Befreiung des von Deutschen betriebenen Vernichtungslagers werden überschattet von einer Debatte darüber, ob Moskau angemessen in Auschwitz vertreten ist.

Beim Gedenken vor zehn Jahren war Wladimir Putin einer der anwesenden 24 Staatsoberhäupter. Der Kreml-Chef hielt sogar eine Rede. Am Rande des Gedenkens kam es seinerzeit zu zahlreichen politischen Gesprächen, vor allem der damalige neue ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko stand im Interesse der Aufmerksamkeit. Die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete über "rege Diplomatie am Rande von Auschwitz".

Doch diesmal fehlt Putin - und seine Abwesenheit sorgt für Verstimmungen. Der russische Präsident sei wegen des aktuellen Ukraine-Krieges nicht eingeladen worden - das wird unter anderem in russischen Medien behauptet. Die "Moscow Times" berichtete kürzlich, die polnische Regierung habe nach dem Abschuss des malaysischen Flugzeugs MH17 am 17. Juli über der Ukraine auf eine offizielle Einladung Putins verzichtet. Eine solche Einladung wäre unter polnischen Wählern unpopulär gewesen, so das Blatt.

Max Mannheimer, Auschwitz-Überlebender, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, fordert in einem Brief an den ehemaligen polnischen Außenminister und Auschwitz-Häftling Wadysaw Bartoszweski: "Die Erinnerung an den Holocaust darf nicht instrumentalisiert und aktuellen politischen Konflikten untergeordnet werden." Über einen Kommentar bei SPIEGEL ONLINE, in dem es um Putins Abwesenheit geht, wird im Forum intensiv debattiert.

Auschwitz-Rat wehrt sich

Christoph Heubner, Mitglied des international besetzten Auschwitz-Rates, stellte das Vorgehen kürzlich anders dar. "Kein Staats- oder Regierungschef wurde eingeladen", sagte er dem SPIEGEL. "Wir haben schon vor Monaten beschlossen, dass die Überlebenden im Mittelpunkt stehen sollen, nicht Politiker."

Die Gedenkstätte Auschwitz habe "auf unsere Empfehlung hin bei allen Botschaften in Warschau angefragt, ob das entsprechende Land teilnehmen möchte und wenn ja, auf welcher Ebene", sagte Heubner. Die polnische Regierung habe die Anfragen freundlicherweise an die Botschaften übermittelt, "mehr nicht".

Putins Sprecher wiederum bestätigte kürzlich, dass keine persönliche Einladung an den Präsidenten eingegangen sei. Er fügte gegenüber der Agentur Reuters hinzu: Dies sei allerdings offenbar in diesem Zusammenhang ohnehin nicht üblich.

Kein Kommentar in Berlin

Tatsächlich erhielt die deutsche Botschaft in Warschau im Juli ein Schreiben der Gedenkstätte, das dann wiederum an das Bundespräsidialamt in Berlin weitergeleitet wurde. Gauck entschied sich schließlich, an der Gedenkveranstaltung in Auschwitz teilzunehmen, ebenso Frankreichs Präsident François Hollande. Russland hingegen habe mitgeteilt, einen Botschafter zu schicken, sagte Heubner.

"Putin hat keinen Grund, beleidigt zu sein", wehrte sich das Mitglied des Auschwitz-Rates gegen Unterstellungen, man habe den russischen Präsidenten nicht dabei haben wollen. "Die Überlebenden bedauern es sehr, dass Putin nicht kommt. Allerdings kann nicht nur er für die Befreier sprechen. In der Roten Armee dienten auch ukrainische und weißrussische Soldaten", sagt Heubner.

Am Gedenken in Auschwitz nimmt nun eine russische Delegation teil - angeführt von Putins Stabschef Sergej Iwanow. Neben Gauck und Hollande wird auch Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer dabei sein, aus Belgien und den Niederlanden die Königspaare und die Regierungschefs.

In Berlin wollten sich sowohl das Bundespräsidialamt als auch das Auswärtige Amt nicht zur Debatte um Putins Fernbleiben äußern. "Welcher Staat auf welcher Ebene an Feierlichkeiten im Ausland teilnimmt, müssen wir nicht kommentieren", hieß es im Auswärtigen Amt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Reden von Staatsoberhäuptern sind am heutigen 27. Januar in Auschwitz - bis auf die Ansprache des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski - nicht vorgesehen. Das Gedenken soll weitestgehend den letzten noch lebenden Zeitzeugen überlassen bleiben. Drei von ihnen werden in Auschwitz reden - Halina Birenbaum, Kazimierz Albin und Roman Kent.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein bisschen Stolz muss sein.
werner.thunert 27.01.2015
Er lädt sich nicht selbst ein, Punkt.
2. Niemand
juwedevelop 27.01.2015
wird über sein wegbleiben allzu beschwert sein, besser so!
3. Schmoll-Putin
abc-xyz 27.01.2015
Da haben wir es. Kein Staats- oder Regierungschef wurde eingeladen. Für Putin offensichtlich ein Affront, der aber wie ein Bumerang zurück kommt. Es zeigt hier um ein Weiteres wie sehr Putin in seiner eigenen Welt gefangen ist.
4.
Immanuel_Goldstein 27.01.2015
Ich persönlich kann auf eine Neurussland-Rede Putins absolut verzichten.
5. Wenn schon hier die NZZ erwähnt wird
sfmai 27.01.2015
...dann bitte auch ihre aktuelle Darstellung dieser Affäre erwähnen. Es ist kläglich und eine echte Schande für Europa, wie man das Auschwitz-Gedenken für so kleinliche politische Ränkespeile mißbraucht. Der Link: http://www.nzz.ch/international/geteiltes-gedenken-1.18467868
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Interaktive Grafik
REUTERS
Auschwitz: Symbol des Terrors und der Vernichtung
Karten
SPIEGEL ONLINE
Auschwitz: Topographie des Grauens

DER SPIEGEL: Auschwitz
Buchtipp

Martin Doerry:
Nirgendwo und überall zu Haus
Gespräche mit Überlebenden des Holocaust.

Fotografien von Monika Zucht; Deutsche Verlags-Anstalt; 264 Seiten; 39,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: