Deutsch-griechisches Treffen Operation Schönwetter

Bekommt Griechenland Aufschub bei den Reformen? Diese zentrale Frage haben die Außenminister Avramopoulos und Westerwelle bei ihrem Gespräch in Berlin umgangen. Es gilt, die Erwartungen an das kommende Treffen der Kanzlerin mit dem griechischen Ministerpräsidenten zu dämpfen.

Avramopoulos und Westerwelle: "Wir wissen, was Sie in Griechenland alles schultern"
dapd

Avramopoulos und Westerwelle: "Wir wissen, was Sie in Griechenland alles schultern"

Von


Berlin - Es ist griechische Woche in Berlin. Zuerst kommt der Außenminister, am Freitag der Premier. Die Erwartungen sind so hoch, dass den Verantwortlichen in Berlin ein wenig mulmig wird. Und so dämpft Angela Merkels Regierungssprecher die Hoffnung, beim Treffen von Kanzlerin Angela Merkel und Antonis Samaras werde gar in der Substanz über das Schicksal Griechenlands in der Euro-Zone entschieden: Es sei nicht zu erwarten, dass dort "die großen Weichen gestellt und die wesentlichen Entscheidungen gefällt werden", sagt Steffen Seibert.

Die Linie in der Regierung ist klar: keine Aufregung erzeugen, die medialen Erregungswellen brechen. Erst einmal soll der nächste Prüfbericht der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) abgewartet werden. Anfang September reist die Troika wieder nach Athen und will dort angeblich den gesamten Monat bleiben. Wann das Papier veröffentlicht werden soll, ist offen.

Dass mit diesem Bericht schon ein endgültiges Urteil über den Verbleib des Krisenlands in der Euro-Zone getroffen wird, gilt in Berliner Koalitionskreisen als unwahrscheinlich. Das Ergebnis dürfte vielmehr den Reformprozess in Griechenland differenziert beschreiben - und ein klares Urteil vermeiden.

Aufschub wird nicht angesprochen

Warten auf den Bericht, heißt denn auch die Devise nach dem Treffen des griechischen Außenministers Dimitris Avramopoulos bei seinem Amtskollegen Guido Westerwelle (FDP). Eineinhalb Stunden Zeit hatten sich die beiden Minister inklusive Mittagessen für ihre Zusammenkunft Zeit genommen. In Berlin hatte man danach den Eindruck, der griechische Gesprächspartner wollte die klare Botschaft vermitteln, sein Land werde die Reformen in der Euro-Krise schon packen.

Der Außenminister aus Athen sagte in der Pressekonferenz, es sei der "Wille des Ministerpräsidenten und der gesamten Regierung, die notwendigen Reformen umzusetzen." Er mahnte aber auch, man brauche eine Politik, die Wachstum mit einschließe.

Doch ist das eine allgemeine, luftige Aussage, die so schon oft von griechischer Seite zu hören war. Die eigentliche und spannende Frage, die bis in die vergangenen Tage auch in griechischen Medien ventiliert wurde - ob das Land gegebenenfalls erst 2016 statt 2014 die Auflagen der Troika erfüllen muss -, spielte bei dem Treffen der beiden Außenminister keine Rolle.

Offenbar aus einem einfachen Grund: Mehrere Berliner Koalitionspolitiker hatten in den vergangenen Tagen wiederholt klargemacht, dass es keine "Rabatte auf Reformen" geben kann. Damit war die Ausgangslage vor dem Treffen klar. Das heikle Thema wurde ausgelassen. Auch Westerwelles Einlassung von vergangener Woche, die kurzzeitig für Spekulationen über eine zeitliche Streckung des Sparprogramms gesorgt hatten ("Mit der in den griechischen Wahlkämpfen verlorenen Zeit muss umgegangen werden") - wurde bei der Zusammenkunft nicht angeschnitten.

In Berlin betonten Bundesfinanzministerium und Auswärtiges Amt, dass höchstens über eine andere Prioritätensetzung innerhalb des griechischen Reformprogramms gesprochen werden könne, nicht aber über die Ziele. "Der Rahmen - inhaltlich, zeitlich, finanziell - ist gesteckt", so ein Sprecher von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Konkret in der Pressekonferenz danach gefragt, ob sein Land mehr Zeit benötige, verwies Avramopoulos auf den Troika-Bericht. Seine "persönliche Meinung" zur Zeitfrage umschrieb er mit einem fast schon platonischen Spruch: "Sie wissen, dass die Geschichte nicht nach der Zeit, sondern nach den Taten beurteilt wird."

Berlin will, dies wurde nach dem Treffen noch einmal betont, dass Griechenland in der Euro-Zone verbleibt. Doch wurde auch klargemacht, wer am Ende die Verantwortung trägt. "Der Schlüssel zum Erfolg liegt in Athen", betonte Westerwelle und fügte hinzu, die Reformagenda müsse "konsequent" umgesetzt werden, das werde sich am Ende auszahlen.

Gegen Klischees und Stereotype

Westerwelle und sein griechischer Kollege sprachen bei ihrem Treffen auch über die Stimmungen in ihren beiden Ländern. Über Klischees und Stereotype, die in Politik und Medien vom jeweils anderen transportiert werden. Beide waren sich einig: sie schaden. Demonstrativ sprach Avramopoulos vom "lieben Guido", der deutsche Außenminister wiederum warnte vor einem "antieuropäischen Populismus", dem müsse man entgegentreten.

Europa, so Westerwelle, sei eine "Schicksalsgemeinschaft, eine Kulturgemeinschaft", die Völker sollten sich nicht "mit Klischees und Vorurteilen gegenseitig überziehen". Jeder, auch in Deutschland, solle seine Worte sorgfältig wählen und bedenken. Es sei leicht, mit der "Hacke der Kritik ein europäisches Haus einzureißen", aber viel schwieriger, es wieder zu errichten.

Westerwelle blieb damit seiner Linie treu, die er in den vergangenen Monaten gegenüber Athen eingeschlagen hatte - mit freundlichen, aufmunternden Worten das Bild vom hässlichen Deutschen zu konterkarieren, wie es in manchen Teilen der griechischen Gesellschaft und der Medien gezeichnet wird.

Und so begann die griechische Woche in Berlin mit einer Schönwetter-Periode. Draußen schwitzte Berlin bei über 30 Grad, Temperaturen wie am Mittelmeer. Drinnen, im Amtssitz am Werderschen Markt, streichelte Westerwelle die griechische Seele, sprach anerkennende Worte über die Reformbemühungen in Athen, von Rentnern, Arbeitnehmern, jungen Menschen und Kranken, die die Kürzungen treffen und am stärksten zu tragen haben.

"Wir wissen", sprach Westerwelle in die TV-Kameras und damit zu den Bürgern des Euro-Krisen-Staats, "was Sie in Griechenland alles schultern."

insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spaltpilz 20.08.2012
1. Die Kanzlerin wird Nicht einknicken!
...weil es nicht mehr notwendig ist. Man hat leichte Kritik an der EZB üben lassen, deren Replik arbeitet in der Öffentlichkeit für sich und unsere Helden in Regierung und Bundestag entgegnen achselzuckend: „Da haben wir keinen Einfluss drauf....” Sicherlich hatte JEDER Abgeordnete der Weimarer Republik mehr Nstand und Ehre aber solches scheint heutzutage ja absolutes Ausschlusskriterium fùr Parteikarrieren zu sein....
nickleby 20.08.2012
2. Es ist doch eh Wurscht...
Unsere Politiker nehem uns auf den Arme, verdummen uns und lassen uns für ihre Fehler büßen. In Stralsund müssen zwei Werften in die Insolvenz gehen und Griechenland, Spanien und Italien erhalten Milliarden. Die Idee Europa wird den Bürgern wahrhaftig ausgetrieben. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn wir Politiker hätten, die klug,ehrlich,zuverlässig, und fleißig wären. Aber leider haben wir nur Konjunkturritter. Das Wort Politiker ist heute ein Schimpfwort
spon-facebook-10000249569 20.08.2012
3. optional
lernt ihr in der schule gar nichts mehr. damit deutschland seine oikonomischen probleme loeste begann es einen weltkrieg .bekam vor und nach dem weltkrieg schuldenschnitte in emeser hoehe. bekam sogar guenstige ruckzahlungszinsen. jetzt wo das feuer aber auf der anderen seite liegt , geht man feifend durch die gegend und zeigt mit dem finger auf die opfer des brandes. und das alles von dem brandstiefter. maastrich vertrag der 2% (inflation) den ja nur deutschland nicht eingehalten hat.
volkerkraft88 21.08.2012
4. Guidos gesammelte Märchen
"Wir wissen, was Sie in Griechenland alles schultern." Eine wunderbare Märchenstunde des lieben Guido, aber wer will da noch hinhören? Und wenn Griechen schon solche Schalmeientöne erklingen lassen, steht scheinbar ein neuer Taktikwechsel dieses durchtriebenen Volkes zu erwarten.
funxxsta 21.08.2012
5. @spon-facebook-10000249569
Wir lernen in der Schule serioes zu recherchieren bevor wir Anderen unsere Meinung kundtun. Desweiteren haben wir in Deutschland - im Vergleich zu ihrem Heimatland Hellas - eine weitestgehend breitgefaecherte Presselandschaft, die es selbst in Krisenzeiten vermeidet nationalistische Tendenzen zu foerdern. Sie haben den gleichen Post gestern in anderm Kontext, in einem anderen Forum bereits gepostet. Und dort wurde hinlaenglich Stellung zu ihren kruden Theorien genommen sowie Ihnen die geschichtlichen Zusammenhaenge in Zahlen erklaert. Das Sie Hier den gleichen Unsinn erneut posten, laesst darauf schliessen, das Sie ihrem Unmut nur etwas Luft machen wollen. Bitte, von mir aus. Es zeigt lediglich das Sie in Hellas immer noch die Realitaet verweigern, vergewaltigen und das mit Gewalt. SPON - ich bin stinksauer. Meine-und Die andere regelmaessiger Foristen-faktenbezogene Posts werden von Euch kassiert und solcher Unsinn hier mehr und mehr publiziert. Was soll das?? Geht ihr nun vollends auf Welt/ Bild Niveau herunter!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.