Außenpolitik Gerhardts Lehrstunde bei Joschka

Unter Aufsicht von Sabine Christiansen trafen gestern die beiden Außenminister-Kandidaten aufeinander. Gegen den Profi Joschka Fischer gewann FDP-Herausforderer Wolfgang Gerhardt kaum einen Stich. Eine schwarz-gelbe Außenpolitik, so scheint es, würde genau so aussehen wie die rot-grüne.

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Gerhardt und Fischer: "Bleiben Sie doch mal bei der Sache"
DDP

Gerhardt und Fischer: "Bleiben Sie doch mal bei der Sache"

Berlin - Der entscheidende Moment im Duell kommt nach 35 Minuten, als die Außenpolitik aufgerufen wird. Zuvor hatten Joschka Fischer und Wolfgang Gerhardt bereits über Kirchhof, Steuern und Windkraft gerungen. Da konnte Gerhardt noch mithalten. Ab und zu musste er gegen den angriffslustigen Obergrünen allerdings um Fairness bitten. "Bleiben Sie doch mal bei der Sache", "Wir sollten respektvoll miteinander umgehen" und "Ich muss noch mal reagieren", sagte der FDP-Politiker.

Doch dann legt Moderatorin Sabine Christiansen den Ball auf den Elfmeterpunkt. An Fischer gewandt sagt sie, Außenminister seien ja traditionell die beliebtesten Politiker des Landes, weil sie durch die Welt reisten, Hände schüttelten und für schöne Fotos sorgten. Da blickt Fischer sie mit einem entrüsteten Blick an. "Eine merkwürdige Betrachtung", sagt er. Wie sie das denn sagen könne, zumal an diesem Tag, dem 11. September. Und mit Grabesstimme beginnt er einen vierminütigen Monolog über die Terroranschläge, die eine "Riesenherausforderung für die Außenpolitik" gewesen seien, und die "neuen Herausforderungen", Kosovo, Mazedonien, Irak, Iran. Es fallen Worte wie "Geduld" und "Durchsetzungsfähigkeit". "Da kommen Sie mit Händeschütteln nicht weit", sagt er.

Spätestens an dieser Stelle hat Fischer den Abend gewonnen. Christiansen lässt ihn fortan gewähren, und auch Gerhardt bietet keinen ernsthaften Widerstand mehr. Als Duell der beiden Außenminister-Kandidaten war die Debatte in der ARD angekündigt worden. Auf der einen Seite die "Primadonna der deutschen Politik", auf der anderen Seite der "brave Parteisoldat". Beide werden dem Klischee gerecht. Fischer spielt sich auf als Staatsmann ("Ich werde noch diese Woche in New York sein"), und Gerhardt vergisst vor lauter Fairness, dass er die Regierung auch mal kritisieren könnte.

Duell-Situation: "Kontinuität allein reicht nicht"
DDP

Duell-Situation: "Kontinuität allein reicht nicht"

Wenn Gerhardt zu Wort kommt, dann sagt er Dinge wie: "Außenpolitik eignet sich nicht zum großen Schlagabtausch". Auch Schwarz-Gelb werde die großen Linien der deutschen Außenpolitik fortführen. Mehrfach benutzt er das Wort "Kontinuität" und wiederholt einfach Fischers Worte. Beispiel Uno-Reform: Er kritisiert, die Reform werde von Rot-Grün "monothematisch verengt" auf den Sicherheitsratssitz. Aber natürlich stimme er Fischer zu, dass sie "unglaublich notwendig" sei. Der deutsche Wunsch nach einem ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat gehe im Übrigen auf FDP-Außenminister Klaus Kinkel zurück.

Auch die EU-Verfassung würde Gerhardt erneut vorlegen, nur "etwas schlanker". Beim Thema Irak sieht Gerhardt "gar keine Differenz" zu Rot-Grün. Die FDP sei immer gegen unilaterale Einsätze der USA gewesen.

Fischer bringt es irgendwann auf den Punkt: "Sie können ja nicht sagen, die machen eine tolle Außenpolitik." Also versuche Gerhardt sich in "Stilkritik".

Nur in der Türkei-Frage ist ein Richtungsstreit zu erkennen, allerdings wieder nicht zum Vorteil Gerhardts. Es sei ein "Gebot der politischen Klugheit", über Alternativen zur EU-Vollmitgliedschaft der Türkei nachzudenken, so Gerhardt. Schließlich könne es passieren, dass die Bevölkerung der EU-Länder sich, wenn es soweit sei, gegen den Beitritt ausspreche. Das klingt jedoch mehr nach Opportunismus als nach Überzeugung. Eine außenpolitische Begründung für oder gegen den Beitritt bietet nur Fischer. Er sei für den Beitritt, weil es für Europa einen Zuwachs an Sicherheit bedeute, wenn ein "großes muslimisches Land" die Modernisierung schaffe.

Fischer nutzt die Gelegenheit, sich erneut in die Pose des Überlegenen zu werfen und Gerhardt zu erklären, er unterschätze die Situation im Mittelmeerraum. "Kontinuität allein reicht nicht mehr", doziert er. Die Außenpolitik sei nicht mehr ein Flussbett, in dem alles in gelenkten Bahnen bleibe, wie vor dem 11. September. Heute komme es auf Entscheidungsfähigkeit an. Und wieder reibt er seinem Kontrahenten den Irak-Krieg unter die Nase. "In einer solchen Situation nützt kein Wackeln." Vielmehr brauche man ein "klares Urteil" und "Festigkeit dem Freund gegenüber".

Gerhardt regt sich auf über die "Unterstellungen", eine schwarz-gelbe Regierung hätte Soldaten in den Irak geschickt. Fischer wisse ganz genau, dass die FDP dagegen war. Das stimmt zwar, aber im Publikum glaubt ihm das keiner. Der Beifall geht wieder mal an Fischer.

Zwanzig Minuten geht das so, und der Außenminister Gerhardt taucht einfach nicht auf. Zwar behauptet er, die deutsche Außenpolitik "schwächele". Doch er kann die Kritik nicht überzeugend formulieren. Egal ob Menschenrechte in Russland und China oder das transatlantische Verhältnis - er muss Fischer öfter recht geben, als ihm lieb sein kann.

Der amtierende Außenminister wirkt mit zunehmender Gesprächsdauer immer zufriedener. Am Ende provoziert er seinen Herausforderer noch einmal mit Irak, trotz wütender Proteste und dem Versuch Christiansens, dazwischenzugehen. Fischer brüllt einfach am lautesten und darf schließlich sagen, was er will. Zu diesem Zeitpunkt scheint er nur noch spielen zu wollen.

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