Große Piraten-Sprechstunde: Lass uns reden, Basis

Von und , Bochum

Mehr als tausend Piraten strömen nach Bochum, um ihr mageres Programm aufzupolieren. Vorher sollte die Basis noch ihren Frust am Vorstand auslassen. Parteichef Schlömer moderierte jeden Anflug von Unmut ab - die Spitze forciert den Imagewechsel ins Seriöse.

dapd

Bochum - "Wir wollen echte Politik machen", sagt der Parteichef, "wir wollen diese echte Politik den Menschen näher bringen. Und wir stehen für einen klaren Politikwechsel." Willkommen bei der Partei der jungen Wilden - beziehungsweise willkommen bei der Partei, die einmal jung und wild sein wollte.

Jetzt, nach einem Jahr voller Höhen und Tiefen, mit vier Wahlerfolgen, zeitweise zweistelligen Umfragewerten und einem anschließendem Sinkflug, soll jetzt ein Imagewechsel her. Hört man dem Vorsitzenden der Piraten zu, gewinnt man den Eindruck, die Partei wolle nun erwachsen sein, gar etabliert. Im Bundestagswahlkampf müsse man alles geben, beschwört Bernd Schlömer seine Leute, und an anderer Stelle: "Das Motto Themen statt Köpfe gilt nicht mehr, wir müssen unsere Aushängeschilder in den Vordergrund stellen."

Schlömer, der norddeutsch-nüchterne Piratenchef, spricht am Freitagabend im Rahmen einer eigens zum Bundesparteitag angesetzten Fragestunde. Damit will der zuletzt stark in die Kritik geratene Bundesvorstand seine irritierte Basis besänftigen, schwelende Probleme klären, offene Fragen beantworten. Mehr als tausend Piraten strömen an diesem Wochenende nach Bochum, um ihr dringend überarbeitungswürdiges Programm zu erweitern. Doch fast 200 Freibeuter sind extra früher angereist, um der Runde beizuwohnen.

Zum großen Knall kommt es nicht - zwar melden sich ein paar wütende Piraten zu Wort, die mit der Arbeit ihres Vorstands alles andere als zufrieden sind. Doch für die eine grundlegende Rebellion scheint der Frust nicht groß genug. Außerdem - das wissen alle im Raum - sind kaum mehrheitsfähige populäre Piraten in Sicht, die eine realistische Chance hätten, den jetzigen Vorstand abzulösen.

Die Diskussion wird sich in knapp zwei Stunden hauptsächlich um schlechte Presse und den Streit zwischen Schlömer und seinem politischen Geschäftsführer Johannes Ponader drehen. Wer hat wann was gesagt? Und vor allem wie gemeint? Es ist eine große Paartherapie auf offener Bühne. Schlömer sagt: "Johannes und ich haben uns ausgesprochen, wir schauen gemeinsam in die Zukunft." Ponader sagt: "Wichtig ist jetzt Vertrauen." Als die prominente Piratin Anke-Domscheit-Berg nachfragt, ob man nicht konkreter werden könne, sagt Schlömer: "Wir haben ein stabiles, kollegiales Arbeitsverhältnis."

"Umfragen sind nur Momentaufnahmen"

Zu den sinkenden Umfragewerten hat Schlömer wenig Selbstkritisches zu sagen. "Wichtig ist, dass wir in den acht Wochen vor der Bundestagswahl stark sind", meint der Oberpirat. "Bis dahin passiert noch sehr, sehr viel. Wir sind jetzt bundesweit bekannt, das werden wir ausnutzen."

Die Stimmung im Bochumer Jahrhunderthaus kippt nie ins Gereizte, allerdings scheinen die Piraten längst nicht so euphorisch, wie man es von einer Partei erwarten würde, die mit Karacho den Bundestag stürmen will. Ein Landtagsabgeordneter aus Berlin erkundigt sich nach Mailadressen und Bildmaterial. Ein Basispirat fragt: Welche Socken trägt Ponader?

Schlömer und Ponader geben sich alle Mühe, mit gestanzten Sätzen, wie bei den großen Parteien, zu punkten.

"Umfragen sind nur Momentaufnahmen." (Schlömer)

"Wir alle sind die Partei, auch wenn wir hier etwas erhöht sitzen." (Ponader)

"Wir sollten nicht immer zurückblicken, sondern nach vorne schauen." (Schlömer)

Nach knapp zwei Stunden hat dann auch ein Basispirat genug vor dem Politsprech. "Ihr mit euren einstudierten Sprüchen", ruft er. "Wir sind doch hier nicht die Presse, wir sind die Piraten!". Auch dafür gibt es Applaus, aber auch eben nur ein bisschen. Von der großen Aussprache bleiben nur ein paar Sprüche. Oder der Parteichef weiß es geschickt, kritische Fragen abzumoderieren, bevor sie aufkommen könnten. "Wir sind auf Eure Unterstützung angewiesen, und ich gehe davon aus, dass wir die auch haben." Basta.

Auf diese Weise schimmert der Unmut der Basis zwar immer mal wieder durch - er verfängt aber nicht, und er wirkt zunehmend verdruckst. Einmal meldet sich dann noch der Rebell, der sich über die "einstudierten Sprüche" aufgeregt hat, ein zweites Mal zu Wort: "Wie können wir dafür sorgen, dass ihr zurücktretet?" Die Frage sitzt, Schlömer lacht etwas zu laut, Ponader blinzelt ins Publikum. Vizeparteichef Markus Barenhoff, der sonst wenig zu Wort kommt, springt schnell ein und antwortet. Doch der eben noch so wütende Fragesteller plaudert mit seinem Nachbarn, hört gar nicht mehr zu. Aufstand abgesagt. Doch das Mosern wird weitergehen.

SPIEGEL ONLINE begleitet den Piratenparteitag das ganze Wochenende. Über einen Themen-Liveticker können Sie die Entstehung des Piraten-Programms in Echtzeit verfolgen, dazu liefern wir mit Analysen, Features und Videos Eindrücke aus Bochum. Außerdem hält Sie der Twitter-Account @SPIEGEL_live über die wichtigsten Etappen auf dem Laufenden.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. die
martin-z. 24.11.2012
Zitat von sysopMehr als tausend Piraten strömen nach Bochum, um ihr mageres Programm aufzupolieren. Vorher sollte die Basis noch ihren Frust am Vorstand auslassen. Parteichef Schlömer moderierte jeden Anflug von Unmut ab - die Spitze forciert den Imagewechsel ins Seriöse. Aussprache der Piraten vor dem Parteitag in Bochum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/aussprache-der-piraten-vor-dem-parteitag-in-bochum-a-869058.html)
piraten sind inzwischen genauso wie alle anderen parteien. geld , macht ecetera..... für mich und viele in meinem bekanntenkreis, sind sie schon lange nichtmehr wählbar....
2. optional
cibag 24.11.2012
http://www.youtube.com/watch?v=cB7S5JKKtpY
3. optional
sincere 24.11.2012
Das ist soo unglaubwürdig was die Piraten jetzt machen - wer wird ihnen dieses neue "Ich" abkaufen?
4. Exit...Stage Left
rudolf_mendt 24.11.2012
Tja, mal wieder eine Chance vertan. Den besten Auftritt hatte in der Tat der Hausmeister des Jahrhunderthaus, der den anwesenden Bundesvorstand mal eben kurz und schmerzlos rausschmiss.
5.
xvulkanx 24.11.2012
Liebe Spon-Redakteure, ich bin kein Pirat, aber diese widerwärtige Diffamierung widert mich an. Wo ist Merkels Programm? Bei der Eurokrise ändert es sich wöchentlich! Was ist Steinbrücks Programm? Ändert sich von neoliberal zu pseudosozial! Was ist grünes Programm? Hartz4-Regelsatz muß höher sein, aber bei der vom Verfassungsgericht erzwungenen Neuberechnung einer lächerlichen Minimalerhöhung zustimmen.
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