Entführung eines Vietnamesen Auswärtiges Amt bat slowakischen Botschafter zum Gespräch

Agenten entführten in Berlin einen vietnamesischen Ex-Politiker. Nun führen Spuren in die Slowakei. Der Botschafter des EU-Partners wurde nach SPIEGEL-Informationen kürzlich vom Auswärtigen Amt zum Gespräch geladen.

Auswärtiges Amt in Berlin
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Auswärtiges Amt in Berlin

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Der Fall ist spektakulär und belastet die deutsch-vietnamesischen Beziehungen schwer: Im Juli vergangenen Jahres wurden mitten am Tag in Berlin der vietnamesische Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh und seine Begleiterin entführt. Agenten verschleppten das Paar nahe dem Tiergarten mit einem VW-Bus, der zur vietnamesischen Botschaft nach Berlin-Treptow fuhr. Von dort gelangte der Entführte in seine Heimat - auf welchen Wegen, das wird noch untersucht. Die Spur seiner Geliebten verliert sich in einem Militärkrankenhaus in Hanoi.

Die Geschichte wird in diesen Tagen noch komplizierter. Denn an der Aktion könnte womöglich auch der slowakische Staat beteiligt gewesen sein - ob bewusst oder unfreiwillig, das bleibt bislang unklar.

Die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) berichtete am Montag, die Slowakei habe einer ranghohen Regierungsdelegation aus Vietnam im Juli 2017 ein Regierungsflugzeug zur Verfügung gestellt, mit dem diese nur drei Tage nach der Operation in Berlin von der slowakischen Hauptstadt Bratislava aus nach Moskau reiste, von dort sei es vermutlich in die vietnamesische Hauptstadt Hanoi weitergegangen. Die Leihgabe der Maschine, so die FAZ, werfe die Frage auf, ob der Entführte Trinh Xuan Thanh mit an Bord gewesen sei.

Der neueste Hinweis auf den EU-Partner Slowakei beschäftigt auch deutsche Diplomaten. Wie der SPIEGEL erfuhr, wurde bereits am vergangenen Freitag der Botschafter der Slowakei in Berlin, Peter Lizák, ins Auswärtige Amt gebeten. Dabei ging es um eben jenen Vorgang: den möglichen Zusammenhang zwischen dem geliehenen Regierungsflugzeug und der Entführung des vietnamesischen Ex-Politikers und Ex-Managers.

Trinh Xuan Thanh vor Gericht in Hanoi
AFP

Trinh Xuan Thanh vor Gericht in Hanoi

Ausdrücklich, so erfuhr der SPIEGEL, diente das Treffen am Werderschen Markt in Berlin dem Informationsaustausch und war somit keine förmliche Einbestellung des Botschafters, mit der Staaten üblicherweise ausdrücken, dass es zwischen ihren Ländern Verstimmungen gibt (mehr zu den diplomatischen Gepflogenheiten lesen Sie hier).

Eine Beteiligung an der Operation wies das slowakische Innenministerium nach dem Bericht der FAZ zurück, schloss aber auch nicht aus, dass Vietnam die slowakische Gastfreundschaft missbraucht haben könnte. Offiziell war die vietnamesische Delegation im vergangenen Sommer in Bratislava, um die Sicherheitsarbeit zwischen beiden Ländern zu besprechen, unter anderem gehörte zur Delegation der vietnamesische Minister für öffentliche Sicherheit, To Lam.

Der Fall des entführten Vietnamesen beschäftigt auch das Kammergericht in Berlin. Die Bundesanwaltschaft erhob Anfang März Anklage gegen den 47-jährigen Vietnamesen Long N. H., das Verfahren begann in der deutschen Hauptstadt vor wenigen Tagen. Der Inhaber einer Geldwechselstube in Prag soll in der tschechischen Hauptstadt einen Transporter angemietet haben, der für die Entführung im vergangenen Juli in Berlin benutzt wurde, so die Bundesanwaltschaft. Die Anklage lautet auf geheimdienstliche Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung.

Der Entführte Thanh war 2016 nach Deutschland geflohen und beantragte hier Asyl. In seiner Heimat wurde ihm vorgeworfen, als Chef des Staatskonzerns PetroVietnam Construction Wirtschaftsstraftaten begangen zu haben. Laut Bundesanwaltschaft stellte Vietnam einen Auslieferungsantrag, verschleppte Tanh dann aber noch vor einer Entscheidung darüber gewaltsam aus Berlin. Nachdem Trinh Xuan Thanh auf noch unbekanntem Weg in seine Heimat verbracht wurde, verurteilte ihn ein Gericht Anfang des Jahres in Hanoi wegen Wirtschaftsdelikten zu zweimal lebenslänglich.

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Seite 1
quark2@mailinator.com 01.05.2018
1.
Die Bundesrepublik hat sich nach meiner Beobachtung noch nie sehr intensiv gegen die staatlich organisierte Entführung von Personen ins Ausland gewehrt. Schon die Aktionen des Mossad werden diesbezüglich kaum ernsthaft kritisiert, aber auch später bei Kurnaz (der ja wohl in Gitmo von deutschen Polizisten gesehen wurde) oder bei dem nach Frankreich entführten Mann, der dann dort verurteilt wurde ... nie sagt die Bundesrepublik mal, daß man das ernsthaft für inakzeptabel hält und aktiv bestrafen wird. Aus meiner Sicht ist das eine klare Verletzung der Schutzpflicht dieses Landes. Hier hat niemand von anderen Staaten einfach "geklaut" zu werden und wenn es doch passiert, dann hat das bitte sehr ernsthafte Konsequenzen zu haben. Ich wette, die USA würden die SEALS oder die Delta Force schicken. Einfach unhaltbar sowas.
wjandel 01.05.2018
2. kein Geschaeftsmann
Ueber die Rueckfuehrung nach Vietnam kann man unterschiedlich denken und streiten. Auch die Geheimdienste anderer Laender bedienen sich derartiger Praktiken. Bei dem entfuehrten Vietnamesen, der als Ngestellter eines Staatsunternehmen ca. 132 Mio. Euro unterschlagen hat, sich nach Deutschland absetzt und Asyl beantragt, von einem GESCHAEFTSMANN zu schreiben, ist eine Farce. Er ist und bleibt ein Wirtschaftsverbrecher, Betrueger.
hitd 01.05.2018
3.
Zitat von quark2@mailinator.comDie Bundesrepublik hat sich nach meiner Beobachtung noch nie sehr intensiv gegen die staatlich organisierte Entführung von Personen ins Ausland gewehrt. Schon die Aktionen des Mossad werden diesbezüglich kaum ernsthaft kritisiert, aber auch später bei Kurnaz (der ja wohl in Gitmo von deutschen Polizisten gesehen wurde) oder bei dem nach Frankreich entführten Mann, der dann dort verurteilt wurde ... nie sagt die Bundesrepublik mal, daß man das ernsthaft für inakzeptabel hält und aktiv bestrafen wird. Aus meiner Sicht ist das eine klare Verletzung der Schutzpflicht dieses Landes. Hier hat niemand von anderen Staaten einfach "geklaut" zu werden und wenn es doch passiert, dann hat das bitte sehr ernsthafte Konsequenzen zu haben. Ich wette, die USA würden die SEALS oder die Delta Force schicken. Einfach unhaltbar sowas.
Solche Fälle werden bestraft. Wie im Mykonos-Fall bekannt wurde, ist die Bundesregierung recht nachlässig, die Gerichte sind es nicht.
hitd 01.05.2018
4.
Zitat von wjandelUeber die Rueckfuehrung nach Vietnam kann man unterschiedlich denken und streiten. Auch die Geheimdienste anderer Laender bedienen sich derartiger Praktiken. Bei dem entfuehrten Vietnamesen, der als Ngestellter eines Staatsunternehmen ca. 132 Mio. Euro unterschlagen hat, sich nach Deutschland absetzt und Asyl beantragt, von einem GESCHAEFTSMANN zu schreiben, ist eine Farce. Er ist und bleibt ein Wirtschaftsverbrecher, Betrueger.
Mag sein, das Mittel der Wahl unter zivilisierten Nationen ist dann aber der Auslieferungsantrag.
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