Auszeit des Fraktionschefs SPD lernt Steinmeier lieben

Die Nachricht verschlug vielen Genossen die Sprache: SPD-Fraktionschef Steinmeier nimmt eine Auszeit, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Plötzlich entdecken die Sozialdemokraten ihre Wertschätzung für jenen Mann, mit dessen politischem Erbe sie sonst so ringen.

Von und


Berlin - Nach drei Sätzen ist der Parteichef wieder beim Tagesgeschehen. Die Energiepolitik der Bundesregierung? Eine einzige "Katastrophe", ätzt Sigmar Gabriel. Die Bundeswehr? Mache der Verteidigungsminister mit seiner geplanten Reform zu einer "Praktikantenarmee". Ein bisschen ist es so wie immer. Der Vorsitzende schäumt und die Bundesregierung kommt überhaupt nicht gut weg.

Nur wirken die Sätze angesichts der Nachricht vom Montagmorgen merkwürdig gestelzt, ohne Leben. Das ist dem SPD-Chef nicht vorzuwerfen, denn er ist beileibe nicht der einzige in seiner Partei, dem es ein wenig die Sprache verschlagen hat. Die Nachricht, dass Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier eine Auszeit einlegt, um seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere zu spenden, hat die SPD in einen merkwürdigen Zustand versetzt, irgendwo zwischen Routine und Ungewissheit, zwischen Zuversicht und Zweifel.

Selbst Menschen, die nah an ihm dran sind, waren überrascht, als Steinmeier am Morgen eine Pressekonferenz ankündigte. Ein Thema hatte sie nicht - wollte der Fraktionschef etwa seinen Rücktritt ankündigen? Mitten im Rentenstreit, vielleicht sogar deswegen? Aber die Politik war plötzlich ganz fern, als Steinmeier im Reichstagsgebäude ans Mikrofon trat und ankündigte, aus privaten Gründen ein paar Wochen auszusetzen.

Der Zustand seiner schwerkranken Frau habe sich verschlechtert, sie brauche eine neue Niere - und er werde der Spender sein, erklärte Steinmeier. Noch am Nachmittag wollte er sich für die geplante Transplantation in ärztliche Obhut begeben. Manche fühlten sich sogleich an Franz Müntefering erinnert, der 2007 vom Amt des Bundesarbeitsministers zurücktrat, um seine krebskranke Frau zu pflegen.

Seit mehr als 20 Jahren ist Steinmeier mit der 48-jährigen Büdenbender liiert, 1996 kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Büdenbender, die als Richterin für Verwaltungsrecht in Berlin arbeitet, war während des vergangenen Bundestagswahlkampfs mit einigen Auftritten an der Seite des SPD-Kanzlerkandidaten einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Steinmeier genoss die gemeinsamen Auftritte, an ihrer Seite schien er aufzublühen.

"Wir sehen uns ja dann bald wieder"

Nun stellt Steinmeier die Politik für sie zurück.

Schon im Februar war Büdenbender von ihren Ärzten darauf hingewiesen worden, dass eine Transplantation nötig sein könnte, im Mai hieß es dann, sie müsse noch im Laufe dieses Jahres eine neue Niere bekommen. Weil die Wartelisten für Spenderorgane zu lang sind, entschloss sich Steinmeier schließlich Ende Juni, seiner Frau selbst eine Niere zu spenden.

Eingeweiht in den Plan war nur Steinmeiers engstes Umfeld. Parteichef Gabriel informierte er über die bevorstehende Auszeit erst am Mittwochabend, bei einem Besuch in dessen Büro im Willy-Brandt-Haus. Generalsekretärin Andrea Nahles, der parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann und Fraktionsvize Joachim Poß wurden erst am Sonntagnachmittag telefonisch eingeweiht. Poß soll während der Abwesenheit Steinmeiers die Fraktion kommissarisch führen, was vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil Olaf Scholz, der auch Steinmeiers Stellvertreter ist, nicht zum Zug gekommen ist.

Lang soll die Auszeit nicht dauern, auf dem Parteitag Ende September wird er aber in jedem Falle fehlen. Steinmeier versicherte, er wolle wohl im Oktober wieder zurück im Hauptstadtbetrieb sein. "In alter Frische", sagte er. Und am Ende seines Statements schob er lächelnd hinterher: "Wir sehen uns ja dann bald wieder".

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Frank-Walter Steinmeier: An der Seite seiner kranken Frau

Wann genau, ist nicht ganz klar. Aber das spielt eigentlich auch keine Rolle, die Sozialdemokraten sind schon froh, dass er überhaupt plant zurückzukommen. "Es fehlt ein wichtiger Mensch, aber er wird ja wiederkommen", gibt sich Gabriel zuversichtlich. Und selbst Steinmeiers Kritiker in der SPD, wie der Parteilinke Ralf Stegner, würdigen ihn: "Steinmeiers Seriosität ist schlicht unbezahlbar", sagt er.

Der ehemalige Kanzlerkandidat dürfte das gerne vernehmen, denn zuletzt war ja nicht immer klar, welche Bedeutung dieser Mann eigentlich noch hat in der Partei, welches Ansehen er noch genießt. Jetzt, wo er eine gewisse Zeit fehlen wird, geht manchem auf, welche Lücke da geschlossen werden muss.

Noch vor einem dreiviertel Jahr konnte sich kaum jemand in der SPD vorstellen, dass dieser Mann überhaupt noch eine politische Zukunft hat. Steinmeier hatte als Kanzlerkandidat die SPD in der Bundestagswahl zu ihren katastrophalen 23 Prozent geführt und galt gleich als doppelt Schuldiger: Einmal wegen seiner zentralen Rolle unter dem Agenda-2010-Kanzler Gerhard Schröder, andererseits als Vize-Kanzler der Großen Koalition, die aus Sicht vieler Sozialdemokraten die SPD erst so richtig klein gemacht hatte.

Doch Steinmeier kämpfte, noch am Abend des Wahltags erklärte er den Anspruch auf die Führung der SPD-Bundestagsfraktion. Die Partei nahm es zähneknirschend hin, besänftigt durch die Inthronisierung Sigmar Gabriels als Vorsitzendem. Viele hofften darauf, dass der ewige Regierungsmann Steinmeier rasch die Lust als Oppositionschef verlieren und hinschmeißen würde.

Steinmeier wirkt als Korrektiv zu Gabriel

Das Gegenteil ist offenbar der Fall: Steinmeier fremdelte zwar zunächst sichtbar in seiner neuen Rolle - doch dann nahm er sie an. Inzwischen wirkt er als ideales Korrektiv zu Parteichef Gabriel: Wenn der hochtourige Niedersachse wieder mal überdreht, ist Steinmeier der Gegenpol. Das wird auch in der Partei überwiegend so gesehen.

Völlig unumstritten ist er indes nicht. Noch immer ist unklar, wieviel Macht er in der Partei noch hat, noch immer ringen die Genossen mit ihm, mit seinem Erbe. Und Steinmeier sorgt für Irritationen. Er zögert, anders als Gabriel, die Programmatik der Regierungs-SPD deutlich zu korrigieren. Das ärgert jene, die eine klare Oppositionslinie fahren wollen - und das sind nicht gerade wenige.

Nirgends ist das besser zu sehen, als in der parteiinternen Rentendebatte. Wochenlang stritt die Partei über ihre künftige Haltung zur Rente mit 67. Steinmeier, der die umstrittene Reform vehement verteidigte, war von Beginn an auf verlorenem Posten. Die meisten seiner Parteifreunde, allen voran der linke Flügel, sehnten sich nach einer Abkehr.

Am Montag beschloss das Parteipräsidium einstimmig einen Beschluss, den Steinmeier zwar mitträgt, aber eher zögerlich. Immerhin das Zieldatum 2029, bis zu dem die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters abgeschlossen sein soll, konnte der Fraktionschef hineinverhandeln. Doch soll der Start der Reform nach dem Willen der SPD erst dann erfolgen, wenn sich der Anteil der über 60-jährigen Beschäftigten mit einem sozialversicherungspflichtigen Job auf 50 Prozent verdoppelt hat. Wann das sein wird, steht in den Sternen.

Es ist ein klassischer Problemvertagungsbeschluss. Denn sollte die SPD 2013 tatsächlich schon wieder regieren und die Quote im Laufe der Legislatur die 50 Prozent überspringen, drohte eine neue Debatte. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass die Sozialdemokraten Luftsprünge machen, wenn endlich die Voraussetzungen für die Rente mit 67 erfüllt sind.

Das dürfte dann auch Steinmeier wieder zu spüren bekommen.

insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
creativefinancial 23.08.2010
1. Steinmeier for Bundeskanzler
Zitat von sysopDie Nachricht verschlug manchen Genossen die Sprache: Fraktionschef Steinmeier nimmt eine Auszeit, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Plötzlich entdecken sie ihre Hochschätzung für jenen Mann, mit dessen Erbe sie sonst ringen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713308,00.html
Ich hoffe, Herr Steinmeier erholt sich, kommt zurueck und fuehrt die SPD in den naechsten Wahlkampf gegen Angela. Steinmeier for Bundeskanzler.
Oskar ist der Beste 23.08.2010
2. Steinmeier tritt zurueck?!
Zitat von sysopDie Nachricht verschlug manchen Genossen die Sprache: Fraktionschef Steinmeier nimmt eine Auszeit, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Plötzlich entdecken sie ihre Hochschätzung für jenen Mann, mit dessen Erbe sie sonst ringen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713308,00.html
also, erstmal ist das natuerlich kein schoener Anlass, auch kann man sich fragen kann, warum Steinmeier seine privaten Probleme in dieser Form oeffentlich macht. (was aber verzeihlichist, denn sonst waere die Bildzeitung ihm auf den Pelz gerueckt). Und ansonsten hat der Mann weder fuer Deutschland noch fuer die SPD irgend etwas positives getan. Er hat zu verantworten, dass das Land mit der Agenda 2010 einem Lohndumpingsystem ueberantwortet wurde und der SPD hat er ein Wahlergebnis beschert, dass so schlecht war, dass es verantwortungslos gewesen ist, dann noch weiter eine verantwortliche Funktion ausueben zu wollen und zu koennen. Und Hochachtung hat jemand nicht deshalb verdient, weil er sich aus privaten Gruenden (vorlaeufig?!) zurueckzieht!
oliver twist aka maga 23.08.2010
3. Alles Gute
Zitat von sysopDie Nachricht verschlug manchen Genossen die Sprache: Fraktionschef Steinmeier nimmt eine Auszeit, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Plötzlich entdecken sie ihre Hochschätzung für jenen Mann, mit dessen Erbe sie sonst ringen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713308,00.html
Ich wünsche Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau alles Gute und viel Kraft in den kommenden Tagen und Wochen.
hirn_einschalten 23.08.2010
4. Alles Gute für Herrn Steinmeiers Ehefrau
Eine Nierenspende zwischen Ehepartnern ist meines Wissens ein verzweifelter Akt mangels geeignetem Spender. Besser wäre ein Bruder oder eine Schwester als Spender. Hoffen wir mal, dass seine Frau die Niere nicht abstößt.
pietro-del-cesare 23.08.2010
5.
Zitat von sysopDie Nachricht verschlug manchen Genossen die Sprache: Fraktionschef Steinmeier nimmt eine Auszeit, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Plötzlich entdecken sie ihre Hochschätzung für jenen Mann, mit dessen Erbe sie sonst ringen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713308,00.html
Gut, dass jetzt alle Medien fleißig berichten, dass Herr Steinmeier das politische Parkett für einige Zeit nicht betritt. Andernfalls würde kaum jemandem das Fehlen dieser Schnarchtüte auffallen. Für die geplanten Operationen wünsche ich dem Ehepaar Steinmeier aber trotzdem viel Erfolg und eine baldige Genesung.
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