Autogrammstunde Mann im Anzug ohrfeigt den Kanzler

Gernhard Schröder muss in diesen Wochen viel einstecken: Die Partei rebelliert, die Umfragen sind mies und nun trifft ihn auch noch eine körperliche Attacke. Ein 52-jähriger Arbeitsloser hat ihm auf einer SPD-Veranstaltung in Mannheim, wie ein Zeuge berichtet, "volle Kanne eine gescheuert".


Schlag ins Gesicht: Schröder nach dem tätlichen Angriff auf dem Europafest in Mannheim
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Schlag ins Gesicht: Schröder nach dem tätlichen Angriff auf dem Europafest in Mannheim

Mannheim - Es war ein Empfang für neue Parteimitglieder. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ließ es sich nicht nehmen, in Mannheim Autogramme für die frisch gebackenen Genossen zu schreiben. Da kam es zu einem Zwischenfall.

Ein 52-jähriger Arbeitsloser näherte sich Schröder im Anzug und schlug zu. Augenzeugen berichten, der Mann habe dem Kanzler eine Ohrfeige verpasst. Die Polizei Mannheim teilte später mit, Schröder habe keine sichtbaren Verletzungen davon getragen. Der Angreifer sei von Personenschützern überwältigt und festgenommen worden.

Bei dem Tatverdächtigen handele es sich um einen Mann aus Bad Krozingen (Breisgau-Hochschwarzwald), gab ein Polizeisprecher später bekannt. Er habe den Kanzler mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Der Mann verweigere die Aussage. Über die Hintergründe des Angriffs herrschte deshalb zunächst noch Unklarheit.

Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg sagte, was genau vorgefallen sei, hätten nur ganz wenige mitbekommen. Schröder nahm anschließend weiter am Europafest der baden-württembergischen SPD teil.

Ein 21-jähriger Augenzeuge berichtete, der Mann habe Schröder "volle Kanne eine gescheuert". Ein 25-jährige Veranstaltungsteilnehmerin sagte, der Täter sei mit Sicherheit kein SPD-Mitglied gewesen: "So etwas tun Sozialdemokraten nicht."

Schröder hatte sich zügig wieder berappelt und übte scharfe Kritik an der Irak-Politik der Unionsparteien. "Sie mögen willig sein zur friedlichen Konfliktlösung, fähig sind sie nicht.

Der Kanzler betonte, er wolle "nicht darauf hinweisen, dass wir Recht behalten haben". Jene Kräfte, die vor einem Jahr die SPD "schrecklich diffamiert" hätten, sollten aber überlegen, ob sie nicht "wenigstens ein Wort des Bedauerns" sagen sollten.

Der Kanzler sagte, in ähnlicher Weise werde heute gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union polemisiert. Er verwies darauf, dass die Türkei gerade beginne, das Land zu demokratisieren.

Es könne einen "ungeheuren Sicherheitszuwachs" für Europa bringen, wenn es in der Türkei zu einer Versöhnung zwischen dem "nichtfundamentalistischen Islam" und den "Werten der Aufklärung" komme.



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