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300.000-Spende an die Grünen: "Ich kannte Kretschmann nur von YouTube"

Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann Zur Großansicht
DPA

Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Der Investor Jochen Wermuth hat 300.000 Euro an die Grünen gespendet, damit sie die Wahl in Baden-Württemberg gewinnen. Im Interview erzählt er, wie es zu der Rekordspende kam.

Jochen Wermuth
  • Wermuth Asset Management
    Jochen Wermuth, 46, führt in Berlin eine Anlageberatungsfirma, die sich auf nachhaltige Investitionen im Bereich erneuerbaren Energien, spezialisiert hat. Kurz vor der wichtigen Landtagswahl in Baden-Württemberg überwies er 300.000 Euro auf das Wahlkampfkonto von Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann - eine ungewöhnlich hohe Parteispende.

SPIEGEL ONLINE: Warum spenden Sie den Grünen 300.000 Euro?

Wermuth: Der Herr Kretschmann in Baden-Württemberg macht eine recht mutige und ordentliche Politik. Er verfolgt die richtigen Ziele in der Energiewende , aber verhält sich auch in der Flüchtlingsfrage vernünftig.

SPIEGEL ONLINE: In der Flüchtlingsfrage hätten Sie ja auch Frau Merkel und ihre CDU unterstützen können - da liegen Ministerpräsident Kretschmann und die Kanzlerin auf einer Linie .

Wermuth: Für mich ist entscheidend, dass die Grünen in Baden-Württemberg gewinnen. Mit dem Spitzenkandidaten der CDU kann ich wenig anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vorher noch nie eine politische Partei finanziell unterstützt. Warum jetzt?

Wermuth: Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland die Energiewende und den Umstieg auf Elektroautos schaffen kann, auch ohne Subventionen. Die Grünen verfolgen dieses Ziel im Gegensatz zu allen anderen Parteien konsequent. Ich hoffe, dass ich mit meiner Wahlspende dazu beitragen kann, dass Kretschmann an der Regierung bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie Winfried Kretschmann persönlich?

Wermuth: Bis vor wenigen Tagen kannte ich ihn nur von YouTube. Nachdem ich meine Spende angekündigt habe, habe ich ihn vergangenes Wochenende in Stuttgart getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief das Treffen?

Wermuth: Der Landesgeschäftsführer hat mich vom Bahnhof abgeholt. Dann ging es zum Mittagessen mit Reinhard Bütikofer , und, übrigens mit einem Elektroauto, weiter zur Veranstaltung mit Herrn Kretschmann. Später gab es Kaffee und Kuchen, ich saß neben Herrn Kretschmann. Der Schatzmeister, mehrere Grünen-Minister und die Vorsitzenden des Landesverbandes waren auch dabei.

SPIEGEL ONLINE: Worüber haben Sie gesprochen?

Wermuth: Ich habe Herrn Kretschmann bestimmt keinen Rat gegeben, wie er Politik machen soll. Aber ich bin regelmäßig mit Politikern in Kontakt. Die Botschaft, die ich in solchen Gesprächen setzen will: Es gibt eine neue Industrierevolution, weg von fossilen zu erneuerbaren Energien, weg vom Verbrennungsmotor. Für Deutschland stellt sich die Frage: Schaffen wir das, oder überlassen wir das den Indern, Amerikanern, Chinesen, Norwegern und Holländern? Kretschmann sieht das genauso wie ich, das haben wir bei unserem Gespräch gemerkt. Ich habe ihm für den Wahlkampf viel Glück gewünscht.

"Kommen Sie doch mal nach Stuttgart"

SPIEGEL ONLINE: 300.000 Euro ist der höchste Betrag, der in den vergangenen Jahren an eine Partei gespendet wurde . Wie haben die Grünen reagiert?

Wermuth: Ich habe Cem Özdemirs E-Mail-Adresse herausgefunden und ihn angeschrieben, dazu die Grünen Reinhard Bütikofer und Gerhard Schick, die ich von Fachveranstaltungen kenne. Ich habe ihnen gesagt, dass ich für Herrn Kretschmanns Wahlkampf spenden will. Es hieß dann, wir freuen uns, kommen Sie doch mal nach Stuttgart.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie, was konkret mit Ihrem Geld passiert?

Wermuth: Keine Ahnung.

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Grüne Politiker*innen: Kennen Sie diese Zehn?

SPIEGEL ONLINE: Als Investor verdienen Sie Geld mit Firmen, die sich auf Ressourceneffizienz spezialisiert haben. Es drängt sich der Verdacht auf: Da versucht ein schwerreicher Investor, als Lobbyist Politik zu beeinflussen, damit seine Geschäfte in Zukunft noch besser laufen werden.

Wermuth: Die Investitionen, die ich mit meiner Firma tätige, sind unabhängig von der Politik. Meine Lebensphilosophie ist: Ich möchte grüne Ziele vorantreiben. Ich verdiene viel Geld, damit kann ich Gutes tun.

SPIEGEL ONLINE: Um ein Beispiel zu nennen - Ihre Firma investiert in den sogenannten Green Gateway Fund, der wiederum am Unternehmen The Mobility House beteiligt ist. Die Firma nutzt Elektroautobatterien als Speicher für das Stromnetz. In Baden-Württemberg ist Elektromobilität ein wichtiger Wirtschaftszweig. Werden da nicht Interessen verquickt?

Wermuth: Ich bin an dem Green Gateway Fund mit zehn Prozent beteiligt. Der Fonds ist am Unternehmen The Mobility House ebenfalls zu zehn Prozent beteiligt. Ich habe also ein circa einprozentiges Interesse an dem Erfolg der Firma. Die größten Märkte für Elektromobilität sind aber die USA, China, Japan, Holland, Norwegen und Frankreich. Auf diese Märkte konzentrieren sich unsere Portfoliofirmen. Baden-Württemberg kommt mit rund 4000 Elektromobilen Anfang 2015 auf etwa 0,8 Prozent des Weltmarktes, und ist deshalb gar nicht auf dem Radar der Firma.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Energiewende, für die die Grünen stehen, kann für Sie ein lukratives Geschäft sein.

Wermuth: Natürlich kann man mit der Energiewende Geld verdienen. Aber ich werde einen Teufel tun, von der Landesregierung irgendwelche Aufträge für Firmen zu verlangen. Das entspricht nicht meinen Werten, wäre unethisch und problematisch.

Das Interview führten Sven Becker und Annett Meiritz

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Unterschied
hmutt 05.03.2016
Tja, der Unterschied hier ist ja, dass hier keine Briefumschläge durch die Gegend geschoben werden (nicht wahr, Herr Schäuble..), für die irgendwann entsprechende Gegenleistungen erfolgen, die natürlich gaaanz bestimmt nichts mit der heimlichen "Spende" zu tun hat. Es wird stattdessen ganz offen damit umgegangen. Wer von Anfang an nichts verheimlicht, wird sicher weniger in Versuchung geraten, irgendwelche "Gefallen" zu tun. Denn dann wäre die K... am Dampfen. Und wer glaubt, dass die Grünen nur wegen Parteispenden grüne Politik machen, hat vielleicht etwas verpasst in den letzten 30 Jahren...
2.
stefan1904 05.03.2016
"Ich gebe jedem. Wenn sie anrufen, gebe ich. Und wisst ihr was? Wenn ich etwas von ihnen brauche, zwei Jahre später, drei Jahre später, dann rufe ich sie an. Sie sind da für mich. Und das ist ein kaputtes System." Warum muss ich gerade an dieses alte Zitat von Donald Trump denken?
3.
carlitom 05.03.2016
Zitat von hmuttTja, der Unterschied hier ist ja, dass hier keine Briefumschläge durch die Gegend geschoben werden (nicht wahr, Herr Schäuble..), für die irgendwann entsprechende Gegenleistungen erfolgen, die natürlich gaaanz bestimmt nichts mit der heimlichen "Spende" zu tun hat. Es wird stattdessen ganz offen damit umgegangen. Wer von Anfang an nichts verheimlicht, wird sicher weniger in Versuchung geraten, irgendwelche "Gefallen" zu tun. Denn dann wäre die K... am Dampfen. Und wer glaubt, dass die Grünen nur wegen Parteispenden grüne Politik machen, hat vielleicht etwas verpasst in den letzten 30 Jahren...
Also 1. hat Kretschmann bzw. haben die Grünen mit dieser Nachricht nicht freiwillig rausgerückt, wie Sie glauben und 2. machen die Grünen in BW beileibe keine grüne Politik. Würden sie ihren Prinzipien treu bleiben, hätten sie keine 30 Prozent. Sie sind nicht aus der Gegend, was?
4. Logo, er kauft die ...
curiosus_ 05.03.2016
... unterstützten Politiker nicht. Er fördert sie, weil sie bisher in seinem Interesse gehandelt haben. Egal, ob das jetzt eigennützig oder uneigennützig war. Und wenn auf die Art sein wirtschaftliches Engagement politisch gefördert wird ist es sicher nicht zu seinem persönlichen Schaden. So wie bei anderen mit der Solarenergieförderung, die blöderweise nicht nachhaltig war. Wodurch die entsprechende deutsche Industrie nahezu komplett kollabiert ist. Wäre er wirtschaftlich nicht auf politisch günstige Rahmenbedingungen (Subventionen, gesetzliche Vorgaben etc.) angewiesen würde seine Spende ja auch keinen Sinn machen. Zumal Welt retten auch noch ein gutes Gefühl gibt.
5. Wenn es gelingt ...
freddygrant 05.03.2016
... aus solchen strategisch orientierten Beratungs- und Projektfirmen im Umkehrschluß der entsprechenden Politik in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, besteht auch Hoffnung für einen Siegeszug der erneuerbaren Energien und der alternativen Elektromobilität. Das wären dann die Katalysatoren für den nachhaltigen Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Schön wär´s allemal!
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