Grünen-Triumph in Baden-Württemberg "Kretsch!"

Winfried Kretschmann verhilft den Grünen in Baden-Württemberg zu einem Wahnsinns-Wahlsieg - und lässt CDU und SPD weit hinter sich. Ob er auch Ministerpräsident bleibt, ist aber trotz allem offen.

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Von , Jan Friedmann, und Britta Stuff



Stand der Zahlen in diesem Text: 19.42 Uhr.


"Die Baden-Württemberger haben heute Geschichte geschrieben", sagt Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Wahlabend in Stuttgart. Selbst wenn diese Worte von einem Politiker stammen - übertrieben sind sie nicht.

Die Grünen sind im Elf-Millionen-Bürger-Bundesland deutlich vor der Union gelandet (Hochrechnungen: Grüne 32,1 bis 32,3 Prozent, CDU: 27,5 Prozent). Im einstigen Stammland der CDU bedeutet das eine Umkehr der Kräfteverhältnisse. Dass der einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands im Ländle derart beliebt ist und die Wahl so klar für sich entschieden hat - das ist spektakulär.

Der Sieger des Abends könnte aber ein großes Problem bekommen. Nach derzeitigem Stand reicht es nicht mehr für eine Fortsetzung von Grün-Rot. Die SPD (Hochrechnungen: 12,7 bis 12,8 Prozent) könnte sogar noch hinter der rechtspopulistischen AfD (Hochrechnungen: 14,6 bis 14,9 Prozent) landen. Ändert sich daran im Laufe des Abends nichts, müsste sich Kretschmann einen neuen Koalitionspartner suchen.

1. Wie konnte Kretschmann so klar gewinnen?

Der Grünen-Ministerpräsident, ohnehin beliebt bei konservativen Wählern, erkannte früh, dass ihm seine Unterstützung für Angela Merkel in der Flüchtlingskrise weitere Wähler aus dem Unionslager zutragen würde. Keiner unter den Ministerpräsidenten bekannte sich so häufig und so klar zur Kanzlerin wie er. Kretschmann konnte die Rolle des Kanzlerinnen-Verstehers einnehmen, ohne sich verbiegen zu müssen: Er ist überzeugter Europäer, gibt gerne den Welterklärer.

Doch Kretschmanns Triumph allein mit der Flüchtlingspolitik zu erklären, würde zu kurz greifen. Tatsächlich haben die Grünen ihre Machtbasis in Baden-Württemberg über mehr als drei Jahrzehnte ausgebaut und gefestigt. Seit 1980 schafften sie es bei jeder Landtagswahl über die Fünfprozentehürde. Es gibt grüne Oberbürgermeister und weitere profilierte Kommunalpolitiker. Jetzt könnte die Partei zum zweiten Mal in Folge einen Ministerpräsidenten stellen.

Der aktuelle Grünen-Sieg ist genauso wenig ein Einmaleffekt wie die grün-rote Mehrheit 2011: Damals schoben viele das Ergebnis auf den Streit um den Tiefbahnhof Stuttgart 21 und das Reaktorunglück von Fukushima.

2. Wie geht es jetzt weiter?

Das Grünen-Ergebnis ist eine Art Plebiszit für den populären Ministerpräsidenten: Kretschmann hat das Mandat zur Regierungsbildung. Allerdings ist unklar, in welcher Konstellation er weiter regieren soll. Die grün-rote Mehrheit ist passé, es könnte sich im Laufe des Wahlabends allerdings herausstellen, dass es doch knapp reicht.

Dem Ministerpräsidenten und seinem fünfköpfigen Verhandlungsteam stehen schwierige Sondierungen bevor. Rechnerisch würde es für eine grün geführte Ampel reichen, doch die FDP hat bereits im Vorfeld der Wahl deutlichgemacht, dass sie diese Konstellation eigentlich nicht wünscht.

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Baden-Württemberg: Gewinner und Verlierer der Wahl
Bleibt eine grün-schwarze Koalition - bis vor einigen Tagen war das noch undenkbar. Einiges spricht dafür, dass sich die darbende CDU auf ein solches Bündnis einlässt. Sie könnte sich als kleinerer Koalitionspartner personell und programmatisch erneuern für die Zeit nach Kretschmann und müsste nicht noch einmal fünf Jahre in die Opposition.

Sicher ist aber nicht, dass die schwarze Landtagsfraktion sich auf ein solches Bündnis einlässt. Denn das Wahlergebnis lässt trotz des Grünen Kantersiegs auch eine Mehrheit jenseits von Kretschmann zu: Eine schwarz-rot-gelbe Koalition, von den PR-Strategen auch als "Deutschland-Koalition" betitelt. CDU-Vize Thomas Strobl bringt diese Option noch am Wahlabend offiziell ins Spiel - ist aber offen für alle Koalitionen, solange sie nicht die AfD mit einschließen.


Sehen Sie hier eine Videoanalyse zum Sieg des Grünen Kretschmann in Baden-Württemberg:

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3. Was bedeutet das Ergebnis bundespolitisch?

Natürlich sind die Grünen wahnsinnig stolz auf ihren "Kretsch", wie er in der Partei genannt wird. Trotzdem dürfte sich der Triumph vorerst kaum in bundesweiter Beliebtheit niederschlagen - Kretschmann ist eben ein regionales Phänomen, schon beim Nachbarn Rheinland-Pfalz kratzen die Grünen nur an der Fünfprozenthürde. Dennoch stärkt der Sieg im Ländle die Rolle der Partei als möglicher Koalitionspartner, auch im Bund.

Für die CDU ist das Ergebnis ein Desaster, für die SPD, die noch schlechter als vorhergesagt abschneiden könnte, ebenfalls. Freuen kann sich die FDP, der in Baden-Württemberg ein Comeback gelang (Hochrechnungen: acht bis 8,2 Prozent). Die AfD ist jetzt auch endgültig im Westen Deutschlands gestärkt.

4. Wie reagieren die Sieger, wie die Verlierer?

Anhänger der Grünen in Stuttgart
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Anhänger der Grünen in Stuttgart

Nur Minuten nach den ersten Hochrechnungen erscheint Kretschmann auf der Grünen-Wahlparty in Stuttgart und wird mit Applaus empfangen. Der sonst so zurückhaltende Kretschmann probiert sich an Sprachbildern: "Der grüne Teppich ist gelandet, und zwar in der Mitte dieses Landes", sagt er, oder dass "Baden-Württemberg grün imprägniert" sei. Für seine Verhältnisse ist das fast schon euphorisch.

Bei der Bundespartei in Berlin gibt es einmal großen Jubel und zweimal großes Aufatmen. Die Grünen hatten Angst, in Rheinland-Pfalz und womöglich auch in Sachsen-Anhalt ganz aus dem Landtag herauszufallen. Ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen.

Bei der CDU ist man gefasst - viele hatten sich auf die Niederlage vorbereitet. Der Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, Guido Wolf, versucht sein schlechtes Wahlergebnis schönzureden: "Grün-Rot ist abgewählt, Grün-Rot hat keine Mehrheit mehr." Ehrlicher ist SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid: "Das Ergebnis der Landtagswahl ist schmerzlich."

Bei der Party der AfD geht es zunächst gesittet zu, im Stuttgarter Hotel Maritim sitzen die Mitglieder an runden Tischen. Als die Ergebnisse kommen, springen sie auf und jubeln. Parteivize Alexander Gauland ruft: "Wir werden die etablieren Parteien zum Teufel jagen!"

5. Fun Fact des Wahlabends

In der Parteizentrale der Grünen in Berlin wurden drei Arten von Jubelschildern vorbereitet: "i love grn", "Winfried", und "Kretsch!". Die Grünen wussten, dass sie abgesehen von Baden-Württemberg eher mies abschneiden würden. Und so versucht Parteichefin Simone Peter am Wahlabend so lange wie möglich über die Sensation des Abends in Baden-Württemberg zu sprechen. Auch wenn Stuttgart ganz weit weg ist.



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