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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: In der Identitätsfalle

Eine Kolumne von

Der Kolumnist hat den Finanzminister einen Schwaben genannt - das schreit nach Strafe. Halb Baden schickt Leserbriefe. Was verrät die Empörung über unser Heimatgefühl? Kann man seine Identität ändern, wenn man lang genug in Stuttgart lebt?

Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich habe Wolfgang Schäuble als Schwaben bezeichnet. Das hätte ich nicht tun dürfen, wie ich heute weiß. Schäuble ist in Freiburg geboren, Freiburg gehört zu Baden. Die Badener und die Schwaben können sich nicht ausstehen. Wenn jemand einen Badener einen Schwaben nennt ist das so, als würde man einen Schalke-Anhänger als Dortmund-Fan bezeichnen. Oder einen Schotten als Briten.

Ich mache seit viereinhalb Jahren den "Schwarzen Kanal". Ich habe in dieser Zeit etwa 300 Kolumnen geschrieben. Ich habe mich über die Italiener lustig gemacht, was mir einen empörten Brief des italienischen Botschafters eingetragen hat. Ich habe mich der Griechen angenommen und der Russen. Aber keine Kolumne hat mir solchen Ärger eingetragen wie jene, die von mir vor Kurzem im SPIEGEL stand. Eigentlich ging es gar nicht um die Badener, sondern um Schäubles Griechenlandpolitik, aber das scheint in Freiburg und Umgebung nur wenige interessiert zu haben. Was die Leser dort bewegte, war, dass ich Schäuble als Schwaben bezeichnet hatte.

Ich habe es mit dem Argument versucht, dass außerhalb von Baden-Württemberg alle, die dort leben, als Schwaben gelten, so wie für die Bayern alle Norddeutschen Preußen sind und für die Schweizer überhaupt jeder Deutsche ein Schwabe. Aber das hat die Sache nur noch schlimmer gemacht. Ich gelte jetzt bei allen Freunden des Badnertums nicht nur als kenntnislos, sondern auch noch als unbelehrbar. Umgekehrt scheint das Verhältnis übrigens nicht so belastet zu sein. Ich habe jedenfalls kaum Briefe von Schwaben bekommen, die sich darüber beklagen, dass man ihnen fälschlicherweise den Finanzminister zurechnet.

Meinetwegen kann man mich als Preußen oder Schwaben bezeichnen, ich werde oft noch ganz anderes genannt. Der deutsche Lokalpatriotismus riecht für mich immer ein wenig nach Ersatzhandlung. Ich glaube, viele Leute, die sich eine Fahne mit dem Wappen ihrer Heimat vors Haus hängen, trauen sich nur nicht, die deutsche Flagge zu zeigen. Anderseits muss man sich in der Welt nur umgucken, und man entdeckt überall Separatismus. Auch die Katalanen wollen nichts mit Spanien zu tun haben, die Korsen sehen sich nicht als Franzosen und die Schotten konnten neulich nur mit Mühe davon abgehalten werden, sich von Großbritannien zu trennen.

Bleibt man ein Leben lang Badener?

Ständig kann man lesen, dass wir one world seien und Grenzen keine Rolle mehr spielen sollten - was man eben so sagt, wenn man in der Redaktionskonferenz nicht anecken will oder einen Werbespruch für eine Fluggesellschaft braucht. Aber das ist natürlich barer Unsinn. Identitätsbildung funktioniert über Abgrenzung, das war schon im Alten Testament so. Neueren Datums ist lediglich der Versuch, aus jeder Besonderheit spezielle Rücksichtnahmen und Vorrechte abzuleiten. Dem Furor nach zu urteilen, der aus vielen Leserbriefen in der Schwaben-Causa spricht, kann es nicht mehr weit sein, bis man auch im Badischen Benachteiligung samt Kompensation geltend macht.

Der interessante Punkt bei der Identitätsfrage ist, wie sehr man durch die Herkunft determiniert wird. Bleibt man sein Leben lang Badener, weil man in Freiburg geboren wurde, oder kann man die Identität wechseln, wenn man genug Zeit in Stuttgart verbracht hat?

In Amerika hat vor ein paar Wochen der Fall einer Frau für Aufsehen gesorgt, die irgendwann beschlossen hatte, als Schwarze zu leben. Ihr Vater ist weiß, die Mutter auch, aber Rachel Dolezal aus Spokane, Washington, fühlte sich ihr Leben lang im falschen Körper; "It's not a costume", wie sie selbst sagt. Also machte sie sich Locken und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus. Erst als die Eltern einem Reporter steckten, dass Rachel als Kind blond gewesen sei, fiel plötzlich auf, dass an ihrer Geschichte etwas nicht stimmte, worauf sie erst den Job und dann ihre Freunde los war.

Bei der Geschlechterfrage sind wir doch auch schon weiter

Möglicherweise war Rachel Dolezal ihrer Zeit einfach voraus. Im Geschlechterverhältnis sind wir, was Identitätsfragen angeht, schon weiter. Wer als Mann beschließt, dass er eigentlich eine Frau ist, gilt nicht als Betrüger, sondern als Pionier. Im Fall des Olympiasiegers Bruce Jenner, der jetzt Caitlyn heißt, waren vor zwei Monaten alle voller Bewunderung für den Mut zum Identitätswechsel. Nur ein paar Feministinnen nörgelten herum, dass man als Frau aufgewachsen sein müsse, um zu verstehen, was Diskriminierung wirklich heiße.

Ich habe mir die Sache mit den Badenern noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wenn der Badener daran Anstoß nimmt, dass man ihn als Schwaben bezeichnet, sollte man darauf Rücksicht nehmen. Wir nennen den Zigeuner schließlich auch nicht mehr Zigeuner.

In der Sache selbst bin ich allerdings ins Schwanken geraten. Mich erreichte am Wochenende die Zuschrift eines Lesers, der mich darauf hinwies, dass Schäuble zwar in Freiburg geboren sei, aber in Hornberg im Schwarzwald aufgewachsen. "Dort spricht man schwäbisch, der Ort hat bis zu Napoleon zum Herzogtum Württemberg gehört", schrieb er mir. "Einen Dialekt namens 'Badisch' gibt es nur in der Vorstellung der Südbadener."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 398 Beiträge
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1. Badener
Ishibashi 18.08.2015
Badener sind ethnisch gesehen Allemannen genau wie die Schwaben. Zu welchem Herrscher Geschlecht die Vorfahren gehörten sollte eigentlich irrelevant sein.
2. Ein Schotte ist ein Brite!
coeliax 18.08.2015
Nur Engländer ist er nicht. Also nicht nur mit deutschen Regionalidentitäten tut sich der Autor schwer.
3. Heimatgefühl
werbungspamschund 18.08.2015
"Ständig kann man lesen, dass wir one world seien und Grenzen keine Rolle mehr spielen sollten" Und das ist eben Unfug. Es gibt viele Menschen, die sich mit ihrer Heimat stark identifizieren. Nur weil man ständig das Gegenteil liest wird es ja nicht wahr.
4.
jamguy 18.08.2015
Zitat von IshibashiBadener sind ethnisch gesehen Allemannen genau wie die Schwaben. Zu welchem Herrscher Geschlecht die Vorfahren gehörten sollte eigentlich irrelevant sein.
Schäuble is demnach Oberschwabe?
5. Ich hatte es bemerkt und mich nicht aufgeregt
spmc-135322777912941 18.08.2015
Bin selbst Nordbadener und kann mich noch an die Plakate die für den Südweststaat warben, erinnern. Bin stolz darauf dass wir es aus freien Stücken geschafft haben ein wichtiges Bundesland zu erschaffen. Es gibt Wichtigeres als auf diese Querelen einzugehen.
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Jan Fleischhauer

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