Badesalz zur Landtagswahl "Nicht alle Roland-Koch-Wähler sind depressiv"

Der Hesse neigt zum Brudermord, sagt Badesalz-Comedian Henni Nachtsheim im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Nicht umsonst erwähne die Landesverfassung noch die Todesstrafe. Der politische Wahnsinn bei SPD und Linke sei somit normal. Nur eins gehe nicht: Ein Bayern-Fan als Ministerpräsident.


SPIEGEL ONLINE: Herr Nachtsheim, was waren die bisher lustigsten Momente im hessischen Wahlkampf?

Nachtsheim: Oh, eigentlich ist das alles sehr traurig. Aber gestern habe ich etwas Schönes gesehen. Bei Darmstadt war ein riesiges Plakat mit dem SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel aufgehängt, über so eine große Fläche, wo der Plakatierer mehrere Teile Kante an Kante zusammenkleben muss. Da war offenbar ein total Betrunkener am Werk. Die Nase von TSG war komplett in sich zusammengeklebt, so eine richtig fiese Pinocchio-Nase. Jetzt läuft's eh schon nicht gut, und dann fallen dem Mann auch noch die Plakatierer in den Rücken.

Comedy-Star Nachtsheim: "Der Hesse neigt zum Brudermord"
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Comedy-Star Nachtsheim: "Der Hesse neigt zum Brudermord"

SPIEGEL ONLINE: Bis vor kurzem war Schäfer-Gümbel völlig unbekannt...

Nachtsheim: ...ja, für ihn ist das halt so, wie wenn man am Ende der Bundesligasaison weiß, man ist zwar hinten aber wird wenigstens nicht absteigen. Da plant man am besten mit Blick auf die nächste Saison. Schäfer-Gümbels Chance ist doch, die SPD zu stabilisieren und dann bei den nächsten Wahlen in fünf Jahren noch mal anzugreifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben nicht an einen Erfolg in letzter Minute? Schäfer-Gümbel - Spitzname TSG - vergleicht sich ja mit dem Bundesliga-Überraschungsverein TSG Hoffenheim.

Nachtsheim: Süß. Aber beim TSG Hoffenheim ist die Infrastruktur stabil, da ist über Jahre gut gearbeitet worden, das kann man bei der SPD jetzt nicht unbedingt sagen. Die geht mehr in Richtung Energie Cottbus.

SPIEGEL ONLINE: Schäfer-Gümbel zeigt angesichts der wahrscheinlichen Niederlage Galgenhumor - manchmal bis an die Grenzen des guten Geschmacks. In einem "Bunte"-Interview hat er frei nach Luther erklärt: "Aus einem verzagten Hintern kriecht kein fröhlicher Furz." Kann man so Politik machen?

Nachtsheim: Der Hesse hat eine gewisse Derbheit, der findet das gut. Vielleicht ist das ja auch mal ein Slogan für ein Wahlplakat. So acht mal acht Meter am Frankfurter Ortseingang: "Aus einem verzagten Hintern..."

SPIEGEL ONLINE: Droht Schäfer-Gümbel nicht, ohnehin schneller als andere zur Witzfigur zu werden? Oder sind dieses Aussehen und der Name ein Vorteil, wie er selbst sagt, weil sie ihn in Windeseile bekannt gemacht haben.

Nachtsheim: Das ist ja fast Woody Allen, mit seinen Makeln so zu arbeiten. Aber klar: Ich lass mich auch immer von der Brille ablenken. Das ist wie bei dem Loriot-Sketch mit der Nudel. Und Gümbel hört sich auf Hessisch an wie "simbel", das hessische simpel. Weckt komische Assoziationen. Da hätte er mit seiner Frau noch mal reden müssen, von ihr kommt ja der Name. Andererseits: Wenn er die Leute irgendwann mit Inhalten überzeugen kann, können sie das alles auch liebgewinnen. Wie bei Hans-Dietrich Genscher. Der sieht aus wie Dumbo und wurde trotzdem ernst genommen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Überraschungserfolg von TSG ist also ausgeschlossen?

Nachtsheim: Ja. Das hat auch übergeordnete Gründe. Wir Hessen haben so eine leicht depressive, fatalistische Grundhaltung. Wir dürfen nicht vergessen: Hessen ist das einzige Bundesland ohne Zugang zum Meer, wie unser leider verstorbene Kollege Matthias Beltz mal so treffend festgestellt hat. Daher kommt das.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb wählen die Hessen Roland Koch?

Nachtsheim: Nicht alle Roland-Koch-Wähler sind depressiv. Der hat ja auch sein Stammklientel, da werden schon welche zuversichtlich sagen: Das kann ja doch noch was werden. Aber vor allem verdankt er seinen absehbaren Sieg doch den vier Hanseln in der SPD, die da mit ihrem Nein Andrea Ypsilanti als Ministerpräsidentin verhindert haben. Das ist typisch. Der Hesse neigt zum Brudermord.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht auch zur Selbstzerfleischung? Nehmen Sie die Linke, die jetzt so viele enttäuschte SPD-Wähler gewinnen könnte. Aber statt Wahlkampf veranstalten die Genossen interne Grabenkämpfe.

Nachtsheim: Wir sind eben sehr speziell. Hessen ist ja auch das einzige Bundesland, das unter Artikel 21, Absatz 2 noch die Todesstrafe erwähnt. Wir dürfen das zwar nicht mehr ausüben, das steht dann ein paar Artikel weiter drunter. Aber im Grunde bedauert das der Hesse zutiefst.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie es denn jetzt noch fünf Jahre mit dem ewigen Koch aus als bekennender Nicht-Konservativer?

Nachtsheim: Wir sind ja leidgeprüft und im Grunde wollen wir es auch nicht anders. Wenn die Zukunft zu rosig aussieht, dann sagt der Hesse: Des kann isch net. Nehmen Sie, wie die Eintracht in Rostock damals verloren hat. Da hätten wir Deutscher Meister werden können und alles wäre gut gewesen. Aber wir verlieren gegen einen Absteiger 2:1.

SPIEGEL ONLINE: Stur sind die Hessen offenbar auch. Die CDU hat sich auf die FDP festgelegt, und auch die FDP will nun auf keinen Fall mit Grünen und SPD koalieren. Woher kommt diese Ablehnung aller modernen politischen Farbenspiele?

Nachtsheim: Ach, das ist keine Sturheit. Hessen babbeln halt immer zu viel und zu früh. Siehe Andrea Ypsilanti. Wenn die im Wahlkampf die Klappe gehalten hätte, hätte niemand was gegen eine Tolerierung durch die Linke gesagt. Hätte sie mal einfach abgelenkt, das können wird doch wie niemand anders. "Müsse mer mal gucke, is net eindeutisch - aber andererseits: Hauptsach', die Eintracht wird Meister!" Oder: "Die hessische Landesregierung erwägt noch einmal zehn Millionen in die Eintracht zu stecken, damit wir mit Bayern München gleichziehen können." Ganz Hessen wäre ihr zu Füßen gelegen.

SPIEGEL ONLINE: Dann hätte höchstens Schäfer-Gümbel das Glaubwürdigkeitsproblem gehabt, der ist schließlich bekennender Bayern-Fan.

Nachtsheim: Auch wieder zu schnell gesabbelt! Des geht net. Die Eintracht ist das Zentrum des hessischen Sportbewusstseins. Und jeder Eintracht-Fan lehnt Bayern München instinktiv ab. Wir werden so erzogen! Und der geht hin und outet sich als erstes als Bayern-Fan. Politiker sagen doch eh nie die Wahrheit - wieso fängt er denn da jetzt ausgerechnet an? Der FPD-Spitzenkandidat Jörg-Uwe Hahn ist auch so einer. Der hat mal einen offenen Brief an die Eintracht geschrieben und die Entlassung von Trainer Friedhelm Funkel gefordert. Das hat ein emotionales Erdbeben ausgelöst.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit würde man sich solche Ausfälle wünschen - die Politiker quer durch alle Parteien geben sich plötzlich wie weichgespült. Woran liegt's?

Nachtsheim: Ich kann's mir nur teilweise erklären. Koch zum Beispiel muss ja nicht mehr den Dicken machen. Der hat das Ding im Sack. Und er ist bestimmt ziemlich milde gestimmt, für den ist jeder Tag ein Geschenk. Der war doch schon weg eigentlich. Und plötzlich folgt die Auferstehung, und er musste noch nicht einmal was dafür tun.

SPIEGEL ONLINE: Von Koch kommen in letzter Zeit vor allem leise Töne...

Nachtsheim: ...ja, jetzt fängt er sogar an, über alternative Energien zu schwadronieren. Früher stand da: Atomkraft druff, feddisch. Man fragt sich, wer ihm so was plötzlich in die Reden schreibt.

SPIEGEL ONLINE: Alles nur Show?

Nachtsheim: Zu hoffen wäre es, dass er gelernt hat. Bei der Schulpolitik zum Beispiel. Ich sehe das bei meinen Kindern: Unendliche Hausaufgabenberge, die Schulen können sich nicht auf Lehrpläne einigen. Und um halb acht müssen die Kinder im Klassenzimmer sitzen. Unsäglich! Das war ein echter Hoffnungsschimmer, wie die SPD das umkrempeln wollte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Stimme gehört also der SPD?

Nachtsheim: Es wird wohl eher Grün werden. Damit die da inhaltlich wenigstens mitmischen. Die SPD schafft es eh nicht mehr, in der Hinsicht ist die Wahl für mich abgehakt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie gehen trotzdem hin am 18.?

Nachtsheim: Klar. Wie bei der Eintracht. Man geht immer hin. Alles andere ist aufgeben.

Das Interview führte Anne Seith.



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