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BaFin-Prüfbericht: Wie die HRE in die Katastrophe schlitterte

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Das Missmanagement bei der Hypo Real Estate war weitaus größer als bisher bekannt. Das belegen interne Dokumente der Finanzaufsicht BaFin, die SPIEGEL ONLINE vorliegen - jetzt sollen die Kontrolleure vor dem Untersuchungsausschuss im Bundestag aussagen.

Berlin - Der Bericht, der Einblicke in das Innenleben der Hypo Real Estate gibt, ist 159 Seiten lang. Er handelt von den Taten jenes Bankkonzerns mit dem inzwischen landesweit bekannten Kürzel HRE, der nur mit 87 Milliarden Euro an Staatsgarantien vor dem Untergang gerettet werden konnte - und der im September 2008 die deutsche Finanzbranche an den Rand des Zusammenbruchs führte.

Geschildert wird das Scheitern einer Bank, wie man es nur selten so detailliert offengelegt bekommt.

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Seit Ende April beschäftigt sich im Bundestag der HRE-Untersuchungsausschuss mit dem Bankenskandal, auf Antrag von FDP, Linkspartei und Grünen. Am Donnerstag stehen erstmals auch drei Mitarbeiter der Bundesbankenaufsicht BaFin vor dem Ausschuss. Es könnte ein interessanter Auftritt werden - wenn die Zeugen in öffentlicher Sitzung auskunftsfreudiger sind als zuletzt die vier Bundesbanker, die vor dem Gremium auftraten. Denn aus internen Unterlagen der BaFin, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, geht hervor, dass die HRE mit ihren 400 Milliarden Euro Bilanzsumme eine hochriskante Finanzstruktur hatte - und dabei viele der gesetzlich vorgeschriebenen "Anforderungen an das Risikomanagement" nicht erfüllte.

Die Dokumente belegen, dass das Missmanagement der HRE und ihrer irischen Tochter Depfa - dem Zentrum des Problems - weitaus größer war als bislang bekannt. Die BaFin hatte einst die Prüfung der Depfa im Frühjahr 2008 verfügt. Zwei Monate lang durchleuchteten Mitarbeiter der Bundesbank vier Institute der HRE-Finanzholding, darunter die Depfa in Dublin. Ihr Bericht beschreibt Geschäfte, die kaum mehr zu verstehen sind, und astronomische Summen, die meist auf neun Nullen enden.

Dabei kann das Ergebnis auch in einfache Worte gekleidet werden: Mitten in der tobenden Finanzmarktkrise hatte das HRE-Management ihr zusammengekauftes Finanzimperium nicht im Griff.

Die Depfa - ein aggressiver Hedgefonds

Allein 49 Verstöße gegen "das ordnungsgemäße Betreiben der Geschäfte und die Funktionsfähigkeit des Risikomanagements" listet der Prüfbericht der Bundesbank vom 24. Juni 2008 auf - darunter zwölf der Kategorie "gewichtige" Beanstandungen und 29 "mittelschwere". In dem Begleitschreiben, das die Bundesbank-Prüfer drei Tage später an die BaFin schickten, empfahlen sie den Kollegen, den HRE-Vorstand über das Ergebnis zu informieren. Dabei sollte "klar zum Ausdruck gebracht" werden, dass die "teilweise gravierenden Feststellungen insbesondere im Bereich Risikomanagement (...) nicht toleriert werden können", forderten sie.

Die drohende Pleite der HRE - ausgelöst durch die US-Bank Lehman Brothers - allerdings sahen die Prüfer nicht voraus. Stattdessen schlugen sie vor, dass die Bankengruppe bis Ende September 2008 einen ersten Bericht über die Beseitigung der Mängel liefern sollte.

Zu diesem Zeitpunkt war die HRE dann bereits zahlungsunfähig.

Von vorne: Die HRE übernahm im Oktober 2007 für mehr als fünf Milliarden Euro die Depfa in Dublin. Die irische Tochter spielte dann die Rolle einer soliden Pfandbriefanstalt - doch in Wahrheit agierte sie wie ein aggressiver Hedgefonds. Sie refinanzierte langfristige Staatsschulden mit extrem kurzen Krediten.

So lange der Turbokapitalismus funktionierte, ließen sich mit den Zinsdifferenzen satte Gewinne einfahren. Doch in Krisenzeiten ist das Geschäft mit ihnen hochriskant. Schon im Januar 2008 musste die HRE Abschreibungen über 390 Millionen Euro melden. Im Herbst 2008 geriet die HRE dann im Zuge der Pleite von Lehman Brothers ins Trudeln. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank brachte die Kreditvergabe zwischen Finanzinstituten zum Erliegen. Und zerstörte das Geschäftsmodell der Depfa.

Die BaFin indes hatte das Treiben der HRE und insbesondere die Geschäftspraktiken der Depfa schon 2007 kritisch gesehen. Doch sie hatte keine Handhabe, den Kauf zu unterbinden.

Schon im Januar 2008 musste die HRE-Holding der BaFin und der Bundesbank über ihre Liquiditätslage berichten. Im Februar schließlich gab die BaFin der Bundesbank den Prüfungsauftrag. Die Subprime-Krise, der Absturz der Hypothekendarlehen, war da schon in vollem Gang, und die Finanzmärkte hatten die ersten Beben hinter sich. Am 18. Februar 2008 begann die Sonderprüfung. Die HRE war so dilettantisch aufgestellt, dass die Prüfer der Bundesbank ihre Arbeit um eine Woche verlängern mussten, weil die Banker nicht mit den Antworten nachkamen. "Die Rückmeldungen erfolgten erst auf mehrfache Anfrage, so dass personelle Engpässe zumindest in einigen Fachbereichen offenkundig wurden", notierten die Bundesbanker. Offenbar war die Finanzholding mit der Integration der irischen Tochter Depfa überfordert.

Das Misstrauen in der BaFin gegenüber der HRE muss damals tief gewesen sein. Schon am 17. März 2008 schickten die Bundesbank-Prüfer der BaFin auf deren Wunsch hin per E-Mail einen Zwischenbericht aus der laufenden Untersuchung heraus. Auf 15 Seiten listeten sie darin ihre bisherigen Ergebnisse auf - allerdings ohne schon Feststellungen zu treffen.

Die fatalen Resultate folgten dann im Abschlussbericht: Die Banker waren demnach schlicht nicht in der Lage, alle wesentlichen Risiken am Markt zu erkennen. So erfasste der tägliche Liquiditätsreport "nicht alle relevanten Zu- und Abflüsse". Den Marktwert des größten Teils ihrer Wertpapiere und Schuldscheindarlehen ermittelte die HRE-Tochter Depfa nur vierteljährlich. Selbst die internen Organisationsrichtlinien spiegelten "nicht die tatsächlichen Arbeitsabläufe wider". In der gesamten Bank gab es "keine ausreichend zeitnahe Darstellung der tatsächlichen Ertragslage". Wenigstens im Bereich "Ansatz und Bewertung von strukturierten Produkten" waren "die Beanstandungen weniger gravierend".

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