Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bahn-Prestigeprojekt: Stuttgart-21-Gegnern geht die Puste aus

Von , Stuttgart

Stell dir vor, die Bahn baut weiter an S21 - und nur ein paar Dutzend Gegner kommen zu Blockaden. Rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof sind die Proteste seltsam erlahmt. Die Kritiker des Prestigeprojekts fühlen sich von der Bahn hintergangen und von der neuen Regierung im Stich gelassen.

S-21-Gegner: Der Protest lässt nach Zur Großansicht
Getty Images

S-21-Gegner: Der Protest lässt nach

"32", sagt der Polizist. "Hab ich gerade gezählt."

Sein Kollege nickt. "Und die Ersten haben sich gerade schon wieder bei mir verabschiedet, mit Handschlag." Die einen müssten zur Arbeit, erzählt er, die anderen den Hund Gassi führen.

Mittwochmorgen, kurz vor 9 Uhr, der Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs zeigt sich unter einem milchigen Juni-Himmel. Die Staatsmacht und der Protest sind in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu Vertrauten geworden. Und es ist eine gewisse Routine eingekehrt: Hier die Gegner des geplanten unterirdischen Bahnhofsumbaus, die Stuttgart 21 verhindern wollen, dort die Polizisten. Nur einmal, am 30. September des vergangenen Jahres, als die damalige Landesregierung den Schlossgarten unter Einsatz von Wasserwerfern räumen ließ, eskalierte die Gewalt. Beide Seiten waren seinerzeit erschrocken.

Seitdem ist viel passiert: Es gab eine Schlichtung zu S21, die Proteste gegen den Bahnhofsumbau spülten die Grünen in die Landesregierung, mit dem Koalitionspartner SPD einigte sich der neue Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf eine Volksabstimmung über das Projekt.

Natürlich hat das die einst sehr aufgeheizte Atmosphäre in der Landeshauptstadt entspannt.

Und so kommt es, dass selbst das Ende des Baustopps nur wenige S-21-Gegner mobilisiert. Um den Hauptbahnhof geht es in diesen Tagen so beschaulich zu wie im Rest der Landeshauptstadt: 70 Protestierer waren es am frühen Mittwochmorgen, immerhin 300 am Tag zuvor. Ein paar Fahrzeuge haben sie blockiert, etwa ein Drittel von ihnen bekam nach Angaben der Polizei Platzverweise ausgesprochen.

Kleinigkeiten werden gefeiert

Wer zu den spärlichen Blockierern gehört, feiert schon Kleinigkeiten als Erfolg. So wie am späteren Mittwochmorgen vor der Südseite des Bahnhofs, wo die Bahn auf einem eingezäunten Gelände am sogenannten Grundwassermanagement arbeiten lässt. "Schrauben - Verbindungstechnik - Werkzeuge" ist auf den großen Pappboxen zu lesen, die ein Lieferant gerade von seinem Lkw geladen hat. "Ich hab keine Zeit für diesen Scheiß", sagt er, als eine Gruppe sich vor seine Paletten setzt - jetzt wird blockiert. Der Mann flucht, die S-21-Gegner jubeln. Einer ruft: "Lass doch die Paletten stehen, dann blockieren die mit." Großes Gelächter.

Der S-21-Protest, das zeigen die vergangenen zwei Tage, ist in der Krise.

Natürlich sehen das die Organisatoren ganz anders. Zimmer 011 im Erdgeschoss des Stuttgarter Rathauses, das Aktionsbündnis gegen S21 hat in einem Raum der Grünen-Fraktion zur Pressekonferenz geladen. Einer der beiden Bündnis-Sprecher ist Hannes Rockenbauch, ein junger Mann mit roten Locken und dem Hang zu großen Worten. "Die Chancen, S21 zu kippen, sind so gut wie nie", sagt er. Was die Gegenseite im Moment biete, sei nicht anderes als "ein Aufbäumen der Bahn".

Das soll sehr selbstbewusst klingen, aber es bewirkt das Gegenteil: Nach einem Aufbäumen sieht vielmehr das Verhalten von Rockenbauch und seinen Freunden aus. Wütend müssen sie miterleben, wie Bahnchef Rüdiger Grube seelenruhig an S21 weiterbastelt - und dabei vor allem die Gemengelage der neuen Koalition ausnützt. Zwar hat sich die SPD auf eine Volksabstimmung eingelassen, aber sie ist nach wie vor für den unterirdischen Bahnhofsumbau. Also hat Grube auch nach dem Abgang von Schwarz-Gelb einen Verbündeten in der Regierung.

Grube scheint sich seiner Sache inzwischen so sicher zu sein, dass er die Partei von Ministerpräsident Kretschmann selbst öffentlich attackiert. Den Grünen sei vor der Landtagswahl bekannt gewesen, dass sie nicht aus den vereinbarten Verträgen herauskämen, sagt der Bahn-Chef. "Alles andere, was sie gemacht haben, ist Volksverdummung und ist Wählerfängerei."

Trickste die Bahn beim Grundwasser?

Wie ehrlich agieren Grube und seine Leute selbst in Sachen S21? Darüber gibt es unter Fachleuten erhebliche Zweifel. Beispielsweise wollen die Bahn-Planer erst kürzlich realisiert haben, dass sie während der siebenjährigen Bauphase 6,8 Millionen Kubikmeter Wasser abpumpen und umleiten müssen - doppelt so viel wie bisher kommuniziert. Das sorgt in der Stuttgarter Innenstadt für Sorgen um den Grundwasserspiegel und die Statik großer Gebäude. Das Verkehrsministerium hat inzwischen ein Gutachten vorgelegt, demzufolge ein neues Planfeststellungsverfahren notwendig ist. Die Konsequenz wäre ein erneuter Baustopp.

Auch beim Stresstest, der am 14. Juli die Leistungsfähigkeit des neuen Bahnhofs demonstrieren soll, fühlen sich die Gegner von Stuttgart 21 hintergangen. Anders als von Schlichter Heiner Geißler gewünscht, sei das Aktionsbündnis bisher nicht eingebunden worden, beklagt Sprecher Rockenbauch. Zudem sei der von der Bahn vorgelegte Zeitplan absolut willkürlich, wonach schon am Tag nach dem Stresstest neue Milliardenaufträge vergeben werden müssen. "Das ist ein Popanz, den die Bahn aufbaut", sagt Co-Sprecherin Brigitte Dahlbender.

Von der Bahn fühlen sie sich hintergangen, von der Landesregierung nicht ausreichend unterstützt. Und die eigenen Leute bleiben im Moment zu großen Teilen lieber zu Hause, als sich nochmals in den Kampf gegen S21 zu stürzen.

Viele tausend Thomas Jochims wären jetzt nötig. Der Realschullehrer ist - nach Ende des Baustopps - aus Engen am Bodensee für zwei Tage in die Landeshauptstadt gekommen, um zu protestieren. Er trägt eine Kette mit bunten Holzperlen um den Hals und einen grünen Button mit der Aufschrift "Friedlich gegen S21" auf dem Wollpullover. Jochim glaubt daran, dass sie es schaffen können. "Das Projekt zu verhindern, wäre ein Riesen-Symbol."

Wenn erst die großen Bagger wieder auffahren, sagt er. Wenn es erst wieder gegen die Bäume im Schlosspark geht, sagt der Aktivist Rockenbauch. Ja, was ist dann? Dann kehrt der Massenprotest zurück - hoffen sie.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 270 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Na
xm29oicw 15.06.2011
wenn das mal kein gutes Zeichen ist, endlich kann in Ruhe gebaut werden.
2. Wieso von der neuen Regierung im Stich gelassen?
NormanR, 15.06.2011
Was soll die denn tun jetzt? Baustopp hätte viel Geld gekostet - also nicht. Warum will die Bahn überhaupt Schadenersatz haben, die ist doch ein Staatsbetrieb?? Oder nicht? Zumindest kann sie doch nur leben von Zuwendungen des Staates. Und trotzdem Schadenersatz?? Ist es nicht sehr unlogisch weiterzubauen und dann eine Volksabstimmung im Herbst durchzuführen??
3. protestmarsch gegen den titel
Predo 15.06.2011
Zitat von sysopStell' dir vor, die Bahn baut weiter an S21 - und nur ein paar Dutzend Gegner kommen zu Protest und Blockaden. Am Stuttgarter Hauptbahnhof sind die Demonstrationen seltsam erlahmt. Die Gegner des Prestigeprojekts fühlen sich von der Bahn hintergangen und von der neuen Regierung im Stich gelassen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,768600,00.html
das macht also ein realschullehrer in den ferien. auch interessant.
4. wie oft denn noch demonstrieren ?
oink_oink_weee 15.06.2011
Die Zermürbungstaktik hat geklappt, da jetzt nur ein paar Dutzend zur Demo erschienen sind, heisst es für die Macher von S21, dass alle anderen dafür sind - ist doch alles in Butter ! :)
5. Gerade die Gegner beschweren sich ...
Fred Heine 15.06.2011
Zitat von sysopStell' dir vor, die Bahn baut weiter an S21 - und nur ein paar Dutzend Gegner kommen zu Protest und Blockaden. Am Stuttgarter Hauptbahnhof sind die Demonstrationen seltsam erlahmt. Die Gegner des Prestigeprojekts fühlen sich von der Bahn hintergangen und von der neuen Regierung im Stich gelassen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,768600,00.html
Jedes Mal das selbe Spiel: es kommen 1.500 Leute zur Montagsdemo, es kommen 1.500 Leute zur "Großdemo" am Samstag. Montags werden diese auf 5.000 Teilnehmer hochgelogen, samstags dann auf 7.000. Und diese Leute meinen im Ernst, dass man ihren Zahlen zu S21 und K21 glauben soll? Diese Leute beklagen sich, die Bahn operiere mit unsauberen Zahlen? Nur noch total Bekloppte glauben diesem Verbund von Luagabeidl noch irgendwas!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Stuttgart 21 in Zahlen
Außer dem Projekt Deutsche Einheit mit dem Aus- und Neubau der Strecke Nürnberg-Berlin ist Stuttgart 21 samt der Trasse nach Ulm das größte Bauvorhaben der Bahn AG. Die Kennzahlen:
Höchstgeschwindigkeit
250 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke
Schienen
117 Kilometer neue Strecke, davon 60 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrasse von Wendlingen (Kreis Esslingen) nach Ulm und 57 Kilometer für einen neuen Ring in Stuttgart, die Talquerung und die Anbindung über die Filderebene an die Strecke nach Ulm
Stuttgart
100 Hektar freie Fläche in der Stuttgarter Innenstadt durch die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde
Tunnel
63 Kilometer Tunnel, von denen 33 Kilometer Stuttgart 21 und 30 Kilometer der Neubaustrecke nach Ulm zuzuordnen sind. 26 Tunnel, davon 16 bei "Stuttgart 21" und zehn auf der Neubaustrecke
Brücken
55 Brücken, davon 18 bei Stuttgart 21, 37 auf der Neubaustrecke
Fahrzeiten
- 41 statt 61 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Tübingen
- 28 statt 54 Minuten Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm
Kosten
Mehr als sechs Milliarden Euro Kosten, wovon gut 4,1 Milliarden auf Stuttgart 21 und mehr als zwei Milliarden auf die Neubautrasse entfallen
Bahnhöfe
Drei neue Bahnhöfe: der unterirdische Hauptbahnhof in Stuttgart, ein ICE-Halt an der Messe und am Flughafen und die S-Bahnstation Mittnachtstraße zur Erschließung des geplanten Rosensteinviertels


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: