Bundesamt für Migration In sechs Wochen zum Entscheider über Asylanträge

Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stapeln sich Hunderttausende unerledigte Asylanträge. Nun werden im Schnellverfahren neue Mitarbeiter ausgebildet. Sie entscheiden, wer bleiben darf.

Asylbewerber vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin (Archivbild): Echte Fluchtgründe von vorgetäuschten unterscheiden
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Asylbewerber vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin (Archivbild): Echte Fluchtgründe von vorgetäuschten unterscheiden

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In einem Backstein-Bau im Nürnberger Süden, drittes Obergeschoss, sitzen die Männer und Frauen, auf denen die Hoffnung der Bundesregierung lastet.

In einem schmucklosen Seminarraum mit grauem Teppichboden werden sie zu Asyl-Entscheidern ausgebildet - im Schnellverfahren. Sie lernen, was der Unterschied zwischen Asyl nach dem Grundgesetz und Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention ist. Und wie sie echte Fluchtgründe von vorgetäuschten unterscheiden.

Vier Wochen Theorie, zwei Wochen Praxis, fertig ist die Ausbildung. Mehr Zeit gibt es im Moment offenbar nicht. Asyl-Entscheider werden so dringend benötigt wie kaum eine andere Berufsgruppe. Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wachsen seit Monaten die Aktenberge in schwindelerregende Höhe, inzwischen stapeln sich in der Behörde fast 330.000 unerledigte Asylanträge.

Oliver Joost, 29, ist einer der angehenden Asyl-Entscheider, die den Crash-Kurs in Nürnberg absolvieren. Sechs Jahre war er Jobvermittler bei der Bundesagentur für Arbeit. Als er erfuhr, dass im Bamf dringend Leute gesucht werden, meldete er sich. Noch vor Weihnachten wird er in einer bayerischen Erstaufnahme Asylbewerber anhören und darüber befinden, wer in Deutschland Schutz erhält - und wer das Land wieder verlassen muss.

Bamf-Leiter Weise  (r.): "Eindeutig zu wenig Personal"
DPA

Bamf-Leiter Weise (r.): "Eindeutig zu wenig Personal"

Frank-Jürgen Weise, der das Bamf seit gut drei Wochen leitet, hat an diesem Montag zu einer kleinen Führung durch das "Qualifizierungszentrum" für Asyl-Entscheider in Nürnberg geladen. Er lugt kurz in den Seminarraum, stellt zwei, drei Fragen, um danach seine Botschaft zu verkünden: Die Lage sei schwierig - aber sie werde bald besser. Vielleicht schon in diesem Jahr. Sicher aber im nächsten. Da werde es gelingen, den Rückstau langsam abzuarbeiten.

Weises eiserner Optimismus ist bemerkenswert, denn die Zahlen sind alles andere als beruhigend: Im Oktober schaffte es die Behörde gerade einmal, über rund 32.800 Anträge zu entscheiden - gleichzeitig wurden fast sechs Mal so viele neu angekommene Asylsuchende im sogenannten Easy-System registriert: 181.000. Die Antragswelle hat das Flüchtlingsbundesamt noch gar nicht mit voller Wucht erreicht.

Das Bamf hat die Zahl seiner Mitarbeiter in den vergangenen Monaten zwar bereits aufgestockt, rund 660 Asyl-Entscheider arbeiten inzwischen für die Behörde. Doch Experten sind sich einig: Das sind immer noch viel zu wenige.

Das weiß auch Weise. Das Flüchtlingsbundesamt habe "eindeutig zu wenig Personal". Die Zahl der Mitarbeiter werde sich aber im Jahr 2016 "praktisch verdoppeln", hofft der Behördenmanager. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat ihm 3700 zusätzliche Mitarbeiter in Aussicht gestellt, darunter sollen nach Bamf-Angaben mehr als tausend Asyl-Entscheider sein. In dieser Woche werden die Haushälter des Bundestags darüber entscheiden.

Doch bis die dringend benötigten Mitarbeiter eingestellt sind und ihren Job beherrschen, wird es dauern. De Maizière berichtete in der vergangenen Woche vor Fachleuten in seinem Ministerium, dass es normalerweise ein halbes Jahr brauche, um jemanden zu einem guten Entscheider auszubilden - mindestens. Jetzt soll ein Sechs-Wochen-Schnellkurs reichen: "Weil wir sie brauchen", sagte er.

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