Trump-Erklärer Obama in Deutschland Habt keine Angst!

Es sollte eine Geste der Verbundenheit sein. Beim Abschiedsbesuch in Berlin muss Barack Obama den Deutschen nun die Sorge vor seinem Nachfolger Donald Trump nehmen. Keine leichte Aufgabe.

Obama und Merkel (beim G7-Gipfel in Elmau 2015)
DPA

Obama und Merkel (beim G7-Gipfel in Elmau 2015)

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Barack Obama wollte höflich "Auf Wiedersehen" sagen. Einmal noch Angela Merkel die Ehre erweisen, seiner Freundin, der "engsten Verbündeten" seiner achtjährigen Präsidentschaft, wie er sagt. Die Kollegen aus Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien schauen am Donnerstag auch extra in Berlin vorbei. Vorher ein Abstecher nach Griechenland, anschließend geht es nach Peru, wo der Asien-Pazifik-Gipfel tagt. Gesten der Verbundenheit, wenige Wochen, bevor der 44. Präsident der Vereinigten Staaten aus dem Amt scheidet.

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Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

Doch aus der entspannten Abschiedstour wird nichts. Wegen Donald Trump.

Obama kommt nun als Sorgenfresser nach Europa. Er muss Angela Merkel und den anderen die Angst vor seinem Nachfolger nehmen. Was hat Trump vor? Ist er wirklich so schlimm? Sieht er Europa noch als Partner?

Es wird dem scheidenden Präsidenten nicht leicht fallen, Antworten auf diese Fragen zu geben, die seine Gesprächspartner beruhigen könnten. Auch Obama ist fest davon ausgegangen, dass Hillary Clinton im Januar seine Amtsgeschäfte übernimmt. Eine alte Bekannte auf dem internationalen Parkett, die - bei allen charakterlichen Unterschieden zur aktuellen Nummer eins - für Kontinuität gestanden hätte.

Nun aber muss er einen Populisten erklären. Obama hat selbst eingeräumt, dass er sich Sorgen mache über den künftigen Kurs seines Landes. Aber er hat sich Zurückhaltung auferlegt. Schon unmittelbar nach dem Wahlsieg reagierte Obama besonnen, gab sich in seinen ersten Kommentaren versöhnlich. Und genau so versucht er auch jetzt schon im Vorfeld seiner Reise, die Aufregung über Trump bei den amerikanischen Verbündeten herunterzudimmen.

"Letzten Endes ist er pragmatisch", sein Treffen mit Trump im Weißen Haus sei überraschend herzlich gewesen, hat Obama verkündet. Im Übrigen habe sich sein designierter Nachfolger zur Nato bekannt, er wolle den "Kern unserer strategischen Beziehungen" erhalten. Aber was heißt das? Im Wahlkampf hatte Trump das westliche Verteidigungsbündnis infrage gestellt.

Und was ist mit dem Verhältnis zu Russland? Zu China?

Was ist mit dem Iran-Atomdeal?

Was ist mit dem Klimaschutz?

Was ist mit TTIP?

Trump und Obama im Weißen Haus
AP

Trump und Obama im Weißen Haus

Obama wird den Unberechenbaren nicht berechenbar machen können. Es wird also auch bei Angela Merkel viel Wehmut aufkommen, wenn die Air Force One am Mittwochabend zum letzten Mal mit Obama an Bord in Berlin einschwebt. Es ist sein siebter Deutschland-Besuch, sein sechster als Präsident. So oft war keiner seiner Vorgänger hier.

Dabei ist das Verhältnis zwischen der Kanzlerin und Obama nicht immer einfach gewesen. Die wenig funkelnde CDU-Chefin hatte für den anfänglichen Obama-Hype nichts übrig. Im Juli 2008, Obama war damals noch Senator und Präsidentschaftsbewerber, verweigerte die Kanzlerin ihm einen großen Auftritt am Brandenburger Tor - wofür man im Lager des US-Demokraten wenig Verständnis hatte. Erst als Obama vom Amt nach und nach geerdet wurde, wurde auch Merkel langsam mit ihm warm.

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US-Präsident in Berlin: Obamas Merkel-Momente

Der Amerikaner gab sich in der Folge Mühe: 2011 zeichnete der Präsident die deutsche Regierungschefin mit der Medal of Freedom aus, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA. Dann kam die NSA-Spähaffäre und mit ihr die erneute Entfremdung. Am Ende haben sich Obama und Merkel zusammengerauft, weil sie einander brauchen. Schon bei seinem letzten Deutschland-Besuch im April in Hannover lobte Obama die Kanzlerin überschwänglich, mit ihrer Flüchtlingspolitik stehe sie "auf der richtigen Seite der Geschichte".

Merkel als "letzte Verteidigerin des freien Westens"?

Die Probleme der Welt konnte das stabilisierte deutsch-amerikanische Verhältnis nicht lösen: Der Konflikt in der Ukraine, wo die Amerikaner den Deutschen die diplomatische Führungsrolle überließen, schwelt weiter. Der Krieg in Syrien, trotz US-geführter Anti-IS-Koalition, eskaliert weiter und weiter.

Umso sorgenvoller blickt ein großer Teil der Welt nun auf den Machtwechsel in Washington, der die Welt noch komplizierter machen könnte. Dass die "New York Times" Merkel gerade zur "letzten Verteidigerin des freien Westens" ausrief, mag ehrenvoll gemeint sein - aber die Analyse überschätzt ihre Stärke und ihren Einfluss. Die Kanzlerin weiß das, und sie ahnt, dass sie Obama noch häufiger nachtrauern wird, wenn dieser am Donnerstagabend Berlin wieder verlässt.

Die Aufwärmphase mit Donald Trump dürfte jedenfalls noch deutlich länger ausfallen - wenn es überhaupt so etwas geben kann. Womöglich kommt Obamas Nachfolger erstmals im Juli nach Deutschland, dann findet in Hamburg der G20-Gipfel statt. Vielleicht sehen Merkel und ihre Kollegen dann schon klarer, wohin der neue Präsident sein Land tatsächlich steuert.

Obamas Deutschland-Besuche

Juli 2008: Als Senator und Präsidentschaftsbewerber der Demokraten spricht Obama vor rund 200.000 Menschen an der Siegessäule. Eine Rede vor dem Brandenburger Tor hatte Kanzlerin Angela Merkel ihm nicht gestattet.

April 2009: Obama kommt erstmals als Präsident. Im Rahmen eines Nato-Gipfels besucht er Baden-Baden und die badische Grenzstadt Kehl.

Juni 2009: In Dresden beten Merkel und Obama in der Frauenkirche. Nach einem Rundgang im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald erinnern beide an die Gräuel des Nationalsozialismus.

Juni 2013: Ein gutes halbes Jahr nach seiner Wiederwahl kommt Obama nach Berlin. Jetzt darf er seine Rede auch vor dem Brandenburger Tor halten.

Juni 2015: Obama kommt zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern. Klimaschutz und der Ukraine-Konflikt stehen im Fokus.

April 2016: Obama eröffnet gemeinsam mit Merkel die Hannover Messe, deren Partnerland diesmal die USA sind.

November 2016: Obama unternimmt eine letzte Europareise als Präsident und sagt Merkel in Berlin „Goodbye“.



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